Als hätte man es über all die Jahre einfach vergessen, steht das verlassene Häuschen an der Bahnhofstrasse 52 da, umrankt von den kahlen Sträuchern und Bäumchen in seinem Garten.

Vielen Wettingern dürfte das Haus eher bekannt sein als das oder besser der letzte der «12 Apostel» an der Bahnhofstrasse.

«12 Apostel»: So nannten die Wettinger die Werkmeisterhäuschen der Baumwollspinnerei Zweifel und Wild. Sie dienten den Vorarbeitern der Spinnerei auf der Klosterhalbinsel als Heim.

Nun soll auch der letzte noch verbliebene «Apostel» das zeitliche Segnen und einem Kindergartenpavillon weichen.

Weil das Häuschen mit den sympathischen blauen Fensterläden direkt vor dem Kindergarten Rosenau steht und die Gemeinde in den kommenden Jahren im Quartier einen Kinderschub erwartet, will man die Fläche mit seinem grosszügigen Garten nutzen.

Deshalb soll der Kindergartenpavillon, der momentan noch beim Schulhaus Sulperg steht, abgebaut und an der Bahnhofstrasse wieder aufgebaut werden. Das Baugesuch liegt derzeit im Rathaus auf. Der Kindergartenbetrieb soll bereits im August aufgenommen werden.

800 Arbeiter verdienten ihr Brot

Mit dem letzten «Apostel» verschwindet auch ein Stück Wettinger Industriegeschichte: Nachdem die Baumwollspinnerei von Johann Wild auf der Klosterhalbinsel 1858 ihren Betrieb aufgenommen hatte, begann das Unternehmen schon bald zu florieren.

Auf der Neuenhoferseite wurde die Weberei angegliedert, gefolgt von einer weiteren Spinnerei. Nach dem Deutsch-Französischen Krieg (1870/1871) erlebte die «Bauelepfupfi», wie sie auch genannt wurde, einen wirtschaftlichen Höhepunkt. Rund 800 Arbeiter verdienten ihr Brot in der Fabrik. In diesem Zuge entstand um 1875 die Arbeitersiedlung an der heutigen Bahnhofstrasse mit den 12 Werkmeisterhäuschen und dem langgezogenen Kosthaus mit 20 Wohnungen auf der gegenüberliegenden Strassenseite. Dass die «Apostel» für die besser verdienenden Vorarbeiter bestimmt waren, spiegelte sich auch im Mietzins: In den 1920er-Jahren betrug dieser in den Werkmeisterhäuschen 12 Franken, jener im Kosthaus 5 Franken.

Nach dem Tod des Firmengründers Johann Wild 1890 und seiner Ehefrau Emilie Wild 1894 führten deren Schwiegersöhne den Betrieb weiter. Die Firmenleitung übernahm Henry Zweifel Wild, der 1898 das Zauslerhaus erstellen und 1901 einen achtstöckigen Treppenhausturm mit Lift und Wasserreservoir an das Spinnereigebäude anbauen liess. Unter Harry Zweifel-Stehli, dem Enkel des Gründers, musste das Unternehmen 1911 Konkurs anmelden. In der Folge fand ein Wechsel von der Personen- zur Kapitalgesellschaft statt, welche in der Gründung der Firma «Baumwollspinnerei und Weberei Wettingen» resultierte. Diese hatte bis in die 1970er-Jahre Bestand. Doch halten konnte sie sich nicht: 1970 musste das Neuenhofer Werk und 1972 das Wettinger Werk stillgelegt werden, wie den Quellen aus dem Inventar der kantonalen Denkmalpflege zu entnehmen ist.

Materieller Zeugenwert fehlt

Während die Kosthäuser, mit den 20 Arbeiterwohnungen unter kantonalem Denkmalschutz stehen, mussten die ersten 11 «Apostel» 1980 Mehrfamilienhäusern weichen, die heute an der Bahnhofstrasse stehen. Den letzten «Apostel» hat die kantonale Denkmalpflege mit dem Bauamt Wettingen im vergangenen Jahr besichtigt und ist zum Schluss gekommen, dass das Häuschen zwar einen lokal- und industriegeschichtlichen Wert hat. Aber «der materielle Zeugenwert ist heute nicht mehr gegeben, weil das Haus äusserlich teilweise verändert ist und im Innern keinerlei historische Ausstattung mehr aufweist», sagt Pius Räber von der Kantonalen Denkmalpflege. Er spricht unter anderem von einer sehr schlichten Inneneinrichtung, die vermutlich aus den 1960er-Jahren stamme. Auch sei die Wirkung als Ensemble durch den Abriss der 11 anderen Werkmeisterhäuser nicht mehr gegeben.

Auch wenn der letzte «Apostel» nun verschwindet, hat Andy Wildi 1983 immerhin eines der Werkmeisterhäuschen bildlich in die Zukunft gerettet. Der fliegende «Apostel» befindet sich auf einem der Wohnblöcke, denen die Werkmeisterhäuschen damals weichen mussten. Zudem hat die Gemeinde bei der Sanierung der Bahnhofstrasse vor drei Jahren 12 Säuleneichen als Symbol für die 12 Spinnereihäuschen gepflanzt.