Den beruflichen Ruhestand gönnt sich Rolf Widmer bereits seit einem Jahr. Nun macht er auch im Gemeinderat Platz; «der nächsten Generation, in die ich volles Vertrauen habe», sagt er überzeugt.

Ein Schluss-Interview, das hatte ihm der az-Journalist vor Längerem in Aussicht gestellt. Obschon sich das Jahr und Widmers Amtszeit dem Ende zuneigte, wäre es ihm nie in den Sinn gekommen, den Journalisten daran zu erinnern.

Das war und ist eben Rolf Widmer, bescheiden, sich stets der Sache unterordnend, sich nie im Vordergrund brüstend.

Wie viele öffentliche Amtsträger könnten sich davon eine Scheibe abschneiden! Als Ort für das letzte Gespräch im Amt drängte sich das Gemeindehaus auf. Hier verbrachte Widmer viel Zeit an Sitzungen. «Ich habe ohnehin noch einige Dokumente unterschreiben müssen», erklärt Widmer.

Einst vierstündige Sitzungen

Das Gemeinderatszimmer sei ein guter Ort. «Früher dauerten die Sitzungen jeden Montag drei bis vier Stunden», sagt Widmer, der mit Ruedi Stutz, Walter Benz und nun Susanne Voser drei Gemeindeammänner respektive davon eine Frau Ammann erlebt hat.

Über Personen und deren Qualitäten spricht Widmer nicht. «Gemeinsam sind wir hier in diesem Zimmer zu wichtigen Entscheidungen gelangt», sagt er rückblickend.

Das sei doch die wesentliche Arbeit in einem Gemeinderat, so Widmer. «Jetzt lasse ich die Andern arbeiten», meint er und lacht verschmitzt, wie man ihn kennt, wenn er seinen trockenen Humor hinzufügt.

Vieles habe sich verändert. So auch die Sitzungszeiten. «Heute tagen wir alle 14 Tage und entscheiden speditiv, weil wir nicht alles von Grund auf diskutieren müssen», so Widmer.

Dies habe man der Verwaltungsreorganisation zu verdanken. «Da hatte Marcel Muther hervorragend gelöst», widmet er dem ehemaligen Gemeindeschreiber ein besonderes Kränzlein.

«Die Gemeinderatsgeschäfte kommen heute mit bestens vorbereiteten Anträgen auf den Tisch.»

Das Aktenstudium, öfters zu Hause am Wochenende, sei natürlich geblieben. Doch die wichtigste Arbeit werde von der Verwaltung gemacht.

«Es macht doch keinen Sinn, wenn wir die Fachleute nicht das tun lassen, wofür sie bestens qualifiziert sind», erklärt Widmer.

Es geht kein Loch mehr enger

«Wir haben eine der bestorganisierten Gemeindeverwaltungen», schwelgt Widmer in höchsten Tönen. Das hat seinen guten Grund: Neuenhof kann sich bei seiner angespannten Finanzlage weder einen administrativen Wasserkopf noch Leerläufe leisten. Der Gürtel geht kein Loch enger. Und dennoch funktioniert alles.

«Als ich mich für Tempo-30-Zonen engagierte, tauchten schon die finanziellen Grenzen auf», schildert Widmer seine Tätigkeit als Bauvorsteher. Dennoch habe er letztlich Beruhigungsmassnahmen mithilfe der Bauverwaltung durchsetzen können.

Seine Wechsel vom Bau- zum Bildungs- und dann zum Sozialressort empfand Widmer als interessant. «Ich habe so meinen Blickwinkel massiv erweitern können.»

Spannend sei auch die Zeit als Bildungsverantwortlicher gewesen. Beim Kleeblatt wie auch beim bevorstehenden Zusammenschluss mit Baden habe Neuenhof der Verlust der Oberstufe gedroht.

«Mit einer Interessengemeinschaft im Rücken haben wir zusammen mit Baden erreicht, dass wir die Oberstufe behalten konnten», erzählt Widmer und: «Wir haben in Neuenhof eine ausserordentlich gute Schule, auf die wir stolz sein dürfen», sagt er, ohne seine Leistungen in den Vordergrund stellen zu wollen.

Finanzausgleich gesichert

Dass Rolf Widmer wesentlichen Anteil am Finanzausgleich der finanzschwachen Gemeinden hat, dürfte den wenigsten bekannt sein. «Diese Idee entstand in einem Männerkochkurs bei Heidi Ammon», sagt Widmer schmunzelnd.

Er und die Windischer Frau Gemeindeammann, damals noch Gemeinderätin, stellten fest, dass ihre Gemeinden dieselben Probleme hätten: viele Ausländer, finanzielle Engpässe, anstehende Investitionen, einen schlechten Pro-Kopf-Steuerertrag und einen mächtigen Nachbarn. So sei die IG für einen fairen Finanz- und Lastenausgleich ins Leben gerufen worden, die den Finanzausgleichsbeitrag erreichen konnte.

Rolf Widmer will weder mit seiner Amtszeit noch den Geschehnissen hadern. Doch zwei Dinge hätten ihm zu schaffen gemacht: «Die Abschaffung des Einwohnerrats war schlecht», so Widmer. Die Bevölkerung würde mit 6 bis8 Prozent an der Gemeindeversammlung anwesenden Stimmberechtigten nicht richtig repräsentiert.

Zweiter Tiefpunkt: Das Badener Nein zum Zusammenschluss mit Neuenhof. «In Baden hat es über 25 000 Arbeitsplätze, wovon ein Grossteil der Menschen in der Region wohnt».

«Die Badener Haltung, ‹viele Ausländer, arme Gemeinde›, hatte mich sehr enttäuscht. Das sei auch für Baden eine verpasste Chance gewesen, ist Widmer überzeugt.

Er hatte als Rapperswiler die Fusion mit Jona erlebt. «In Winterthur schlossen sich 11 Gemeinden zusammen», so Widmer. Man hätte sich ein Beispiel nehmen können.

Tempi passati. Rolf Widmer erfreut sich einer guten Gesundheit, will sich auch geistig fit halten, und plant mit seiner Frau Elfi eine weitere Weltreise.