In der Nacht des 12. Dezember 1939 weckten Nazis den sechsjährigen Kazimierz Karnkowski in seinem Bett, um ihn zu deportieren. Die deutschen Polizisten hatten an der Tür des Hauses geklopft, und sie forderten den Buben, seinen blinden Grossvater, seinen kranken Vater, seine kranke Schwester und seine Mutter auf, in einer halben Stunde reisebereit zu sein.

Auf den Listen der Nazis habe seine Familie – Grossgrundbesitzer, Nachfahren des Landadels und Kämpfer für die Unabhängigkeit Polens – «ziemlich weit oben gestanden», erzählt der heute 81-jährige Karnkowski mit ruhiger Stimme. Die vielen Jahre, die seit jener Nacht vergangen sind, scheinen dem Schrecken einen Teil der Kraft geraubt zu haben. «Wer nur deportiert und enteignet wurde, konnte sich glücklich schätzen.»

Die Polizisten pferchten die Familie Karnkowski in einen Personenzug. Sechs Tage dauerte die Reise. «Wir hatten keine Ahnung, wohin man uns brachte. Vielleicht in den Westen des Landes, denn von Konzentrationslagern hatten wir bereits gehört.» Noch beängstigender war der Gedanke, in den Osten nach Russland transportiert zu werden, wo ein Leben in einem sibirischen Arbeitslager drohte.

In Südpolen, wo ein Protektorat errichtet wurde, entliessen die Polizisten die Familie aus dem Eisenbahnwagen ins Freie. Sie wurde geheissen, entlang der Gleise zu einer Schule zu laufen. Anstelle des geschwächten Vaters, der sich kaum auf den Beinen halten konnte, trug der blinde Grossvater die Koffer, an der Hand geführt von Kazimierz.

Neue Unannehmlichkeiten

Die Kriegsjahre verbrachten die Karnkowskis bei einer Grossgrundbesitzerfamilie in der Nähe der Stadt Tarnów in Südpolen, die sie aufgenommen hatte. Der Vater arbeitete anfänglich als Grossgrundbesitzverwalter und später dozierte er als Lehrer in einer Landwirtschaftsschule, während die Mutter in einer Molkerei tätig war.

Nach dem Krieg, erzählt Kazimierz, hätten neue Unannehmlichkeiten gedroht – diesmal nicht von den Nazis, sondern von den Kommunisten, bei denen adlige Grossgrundbesitzer einen schweren Stand hatten. So wurde ihnen etwa der Zugang zur Maturaprüfung und zum Hochschulstudium verweigert. «Ich wollte aber studieren und musste mir etwas einfallen lassen.»

Treffen mit Beamtentochter

Ihm sei in den folgenden Jahren einzigartiges Glück wiederfahren. Während er von seinen Jugendjahren erzählt, huscht immer wieder ein schelmisches Lächeln über das Gesicht: Denn nur dank einer Maskerade, wie er es nennt, habe er viele Jahre im kommunistischen Polen ohne Nachteile überstanden.

Er gab in Dokumenten an, stets Sohn eines Lehrers gewesen zu sein – der Begriff Grossgrundbesitzer verschwand – und so schaffte er es, seine adlige Herkunft zu verbergen. Dann erzählte ihm ein Bekannter, in der Stadt lebe die Tochter eines ranghohen Kommunisten, die einsam sei. «Wir waren noch Kinder und wurden kein Liebespaar, aber wir freundeten uns wie Schulkollegen an.» Dank dieser Freundschaft wurde über Kazimierz Karnkowski bald geredet, er sei ein glühender Anhänger des Kommunismus.

Diese Freundschaft bescherte Kazimierz manche Annehmlichkeit. Er wurde zum Auslandstudium in die Tschechoslowakei geschickt und absolvierte die Technische Hochschule in Prag. Nach seiner Rückkehr ins Heimatland, wo der Diplom-Ingenieur in einer Kesselfabrik zu arbeiten begann, befiel ihn die panische Angst, seine Maskerade könnte auffliegen. Ein Prozess hätte ihm gedroht, und wohl mindestens die Kosten für den Auslandaufenthalt hätte er zurückbezahlen müssen.

Und tatsächlich wurde der 23-Jährige beinahe entlarvt. Ein Mitarbeiter der Kesselfabrik bemerkte, dass Karnkowski in gepflegtem Polnisch statt in der Fabrikumgangssprache redete, und er verdächtigte ihn, womöglich einer Grafenfamilie zu entstammen. Der Arbeiter sei von der Wahrheit nicht weit entfernt gewesen: Der Familienname Karnkowski wurde 1271 ein erstes Mal in deutschen Dokumenten erwähnt, doch einen Grafentitel besass die Familie keinen.

Trotz Verdacht blieb Karnkowskis Maskerade unentdeckt. Zur Sicherheit wechselte er aber Arbeitsstelle und Wohnort, und er verwendete ab diesem Moment lieber die Umgangssprache, um den Schein zu wahren und weiterhin als glühender Verehrer des Kommunismus angesehen zu werden.

Reisen dank unbescholtenem Ruf

Karnkowski arbeitete, machte einen weiteren Universitätsabschluss, diesmal in Ökonomie an der Hochschule in Posen, er lernte Maria kennen und heiratete sie. Ganz allgemein genoss er einen so unbescholtenen Ruf, dass die Beamten ihm kurze Reisen in westliche Staaten gewährten. Einer dieser Ausflüge führte Karnkowski 1972 in die Schweiz nach Baden, von wo er nicht mehr nach Polen zurückkehrte. Bei der Firma BBC in Baden fand er Arbeit in der Konstruktion und später in der Lizenzabteilung.

Seine Dankbarkeit für die Stadt und die Badener sei enorm: «Als politischer Flüchtling bin ich hier warmherzig aufgenommen worden, und ich darf zusammen mit meiner Frau ein Leben in Freiheit führen.» Inzwischen besitzt er den Schweizer Pass. Aus der polnischen Staatsbürgerschaft habe er sich für 3300 Franken herausgekauft, freigekauft wie ein Leibeigener von seinem Herrn.

Baden nennt Karnkowski die schönste und angenehmste Stadt, in der er je lebte. Auch wenn er, Sohn eines Grossgrundbesitzers, «bescheiden in einer Blockwohnung» wohnt, will er Baden immer treu bleiben.