Traumberuf
Der Mann, dessen Herz für schwarz-weiss Gefleckte schlägt

Andreas Hitz kann sich keinen schöneren Beruf als Bauer vorstellen. Und es gibt keine Kühe, die ihm lieber wären als die Holsteiner.

Rosmarie Mehlin
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Andreas Hitz mit Vesna, dem herzigen Holstein-Kälbchen, das heute vor drei Wochen zur Welt gekommen ist. Emanuel Per Freudiger

Andreas Hitz mit Vesna, dem herzigen Holstein-Kälbchen, das heute vor drei Wochen zur Welt gekommen ist. Emanuel Per Freudiger

«Ich war 14, als mein älterer Bruder ein Holstein-Kälbchen nach Hause brachte und von dem Moment an war es um mich geschehen.» Seine Eltern hatten auf ihrem Hof im Dorf Untersiggenthal Rotfleckvieh. 1975 hatten sie die Stallungen nach ausserhalb, auf das freie Feld gesiedelt und 1991 hatte Andreas Hitz mit seiner Frau Sonja und den drei Kindern dort ihr schmuckes Wohnhaus gebaut. Zum «Weidhof» am Wasserschloss gehören mehrere Stallungen, die insgesamt 140 Holsteiner beherbergen.

19 Jahre war Hitz im Vorstand des Aargauer Holsteinzuchtverbands, davon 11 Jahre als Präsident. Seit 2002 ist er im Vorstand des Schweizerischen Zuchtverbands, zu dessen Präsidenten er, nach vier Jahren als Vize, Anfang April gewählt wurde – als erster Deutschschweizer, seit der Verband 1899 gegründet wurde. «Damals war Schwarzfleck-Vieh fast ausschliesslich im Kanton Fribourg verbreitet. Noch heute ist der Sitz des Verbandes im freiburgischen Posieux.»

Nur ein Viertel alles Schweizer Kühe

Zur Blutauffrischung waren 1962 Schwarzfleck-Kühe erstmals mit Deutschen Friesenstieren eingekreuzt worden und 1965 wurden erstmals 1000 Dosen Holstein-Sperma aus Kanada importiert. «Heute sind in der Schweiz 2448 Holstein-Züchter mit rund 118 000 Herdentieren registriert, davon im Aargau 141 Züchter mit 7153 Tieren.» In der Schweiz dominiert nach wie vor das Rotfleck-Vieh mit einem Anteil von 40 Prozent sowie mit 35 Prozent das Braunvieh; 25 Prozent sind Holsteiner.

Der «Weidhof», zu dem 40 Hektar Land gehören, wird vom Ehepaar Andreas und Sonja Hitz, Sohn Christian und dessen Frau Eveline sowie einem Lehrling bewirtschaftet. Voller Stolz führt Züchter Hitz vorbei an der blitzblanken, elektronisch gesteuerten Melkanlage durch sein Reich. Während die Kleinen, noch etwas wackelig auf ihren Beinen stehend, skeptisch aus ihren Iglus äugen, lassen sich die Muttertiere im geräumigen Stall nicht vom zufriedenen Kauen abhalten. Die Halbwüchsigen hingegen, zwischen denen sich auch zwei junge Zuchtstiere tummeln, mustern die Zweibeiner neugierig.

Eine anpruchsvolle Dame

Die Holsteiner Kuh sei anspruchsvoll, betont Hitz, und der Züchter brauche eine gute Beobachtungsgabe. «Nur wenn sie ausgiebig betreut wird, gutes Futter sowie adäquate Lauf- und Liegeflächen zur Verfügung hat, ist sie fähig, viel Milch zu geben. Aber schliesslich gibt man einen Formel-1-Wagen für den Service ja auch nicht in eine Dorfgarage.» Der Vergleich hinkt nicht, ist die Holstein-Kuh doch mit durchschnittlich über 8000 Kilo pro Jahr unter allen Rassen führend in der Milchproduktion. Gesamtschweizerisch liegt der Durchschnitt bei 8523 Kilo, hier im Aargau sogar bei 9158 Kilo. Dafür, dass die Schwarz-Weiss-Gefleckten im Vergleich zu anderen Rassen eher mager, ja knochig sind, hat Hitz vor diesem Hintergrund eine einleuchtende Erklärung: «Die Holstein-Kuh ist vergleichbar mit einer Hochleistungssportlerin.»

Auf dem «Weidhof» haben übrigens (fast) alle Kühe einen Namen; jener der Kuhkälbchen beginnt mit demselben Buchstaben wie der ihrer Mutter. Die Stierkälbchen hingegen bleiben namenlos, wandern sie doch schon früh zum Metzger. Die Namenssuche gestaltet sich nicht einfach, denn innert mindestens vier Jahren sollte kein Name zweifach vorkommen. Kommt ein Junges zur Welt, wird darüber genau Buch geführt: Ob bei der Geburt Hilfe nötig war, wenn ja, wie stark und wie schwer das Neugeborene ist. Im Stall stehen gegenwärtig neben vielen anderen eine «Amsel», eine «Swisslady», eine «Tiramisu» und eine «Rosenderry». Der – sozusagen – Familienname lautet «Hitus Holsteins», zusammengesetzt aus Hit (für Hitz) und us (für Untersiggenthal).

Bei einer Tasse Kaffee berichtet der frischgebackene Präsident über Aufgaben, die der Verband wahrnimmt, angefangen vom Führen des Herdebuchs über Abstammungskontrolle, Milchleistungsprüfungen, Zuchtwertschätzungen bis zu Unterstützung und Hilfe in administrativen Belangen. Rund 20 Prozent der gesamten Arbeitszeit investiert Hitz in die Verbandstätigkeit. Bleibt da noch Zeit für ein Hobby? «Meine Hobbys sind die Holsteiner und meine Familie. Daneben noch etwas Sport – passiv, als Zuschauer», fasst er lachend zusammen. Abschliessend noch eine zentrale Frage: Wie viel Milch trinkt ein Halter von «Formel-1-Milchlieferanten»? «Ich trinke zwar nicht viel Milch, aber ich esse sehr viel Käse, harten, weichen, Raclette, Fondue – Käse in allen Varianten.»