Baden
Der moderne Mensch ist ein Getriebener

Beim ersten Philothik der Saison sinniert Autor Thomas Strässle über die Gelassenheit und die Gefahren, die mit ihr einhergehen können.

Philippe Neidhart (Text und Foto)
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Der Literaturwissenschaftler und Autor Thomas Strässle im Gespräch mit Verena Cathomas.

Der Literaturwissenschaftler und Autor Thomas Strässle im Gespräch mit Verena Cathomas.

Der moderne Mensch ist während des Tages immer und überall erreichbar, nur um in der Nacht aufzustehen, um seine E-Mails zu checken. Deshalb ist es kaum verwunderlich, dass die Ratgeberliteratur von der Auseinandersetzung mit Gelassenheit dominiert wird.

Auch die aktuelle Philothik-Saison des Theaters im Kornhaus widmet sich diesem Thema. Den Anfang machte hierbei das Gespräch zwischen Literaturwissenschaftler und Autor Thomas Strässle mit Verena Cathomas.

Von der Mystik in den Alltag

Der Begriff der Gelassenheit ist omnipräsent, besitzt jedoch eine vielschichtige und komplexe Tradition, wie Strässle erklärt. Seine Ursprünge hat er in der christlichen Mystik und wird ein erstes Mal vom deutschen Philosophen und Theologen Meister Eckhart erwähnt. «Die Gelassenheit gilt als die Grösste aller Tugenden», so Strässle, der jüngst ein Buch zu diesem Thema verfasst hatte. Im 18. Jahrhundert verfiel der Begriff durch die Strömung «Sturm und Drang» einer negativen Konnotation: «Sie birgt die Gefahr der Lethargie in sich», sagt der Literaturwissenschaftler, «denn die Gelassenheit ist kein Zustand, auf dem man sich ausruhen kann – vielmehr ist sie eine Handlung.»

Wer sich an diesem Morgen eine konkrete Anleitung erhofft hatte, wie man in Zukunft mit mehr Gelassenheit durch das Leben gehen kann, wurde enttäuscht: «Es gibt keinen Leitfaden dafür, man kann sich jedoch intellektuell auf gewisse Situationen vorbereiten», so Strässle. Gerade in der heutigen Zeit, die von Hektik und Beschleunigung geprägt ist, sei eine Debatte über das Thema dringend nötig. Denn die moderne Technik stellt grosse Anforderungen an die Gesellschaft.

Noch in den 60er-Jahren ging der Philosoph Martin Heidegger davon aus, dass wir über die Macht verfügen, «Ja» oder «Nein» zur Technik zu sagen. «Heute sind wir nicht mehr in der Lage, eine solche Entscheidung zu treffen», sagt Strässle. «Wir haben vielfältige technische Möglichkeiten – jedoch keine Kultur dafür entwickelt, wie man damit umgeht.» So sei die Gelassenheit quasi als ein Gegenzustand zur momentanen Situation zu verstehen: «Die Sehnsucht nach Gelassenheit ist ein Symptom der postindustriellen Gesellschaft.» Allerdings bestehe beim Hype um das Wort die Gefahr, die Schattenseiten zu vergessen: «Gelassenheit bedeutet keinesfalls Stillstand – jedoch Bedächtigkeit und Bedachtsamkeit.»