Spreitenbach
Der Nachbar klingelt mit Kissen und Finken im Arm

Mit Stella Schieffers Start-up-Unternehmen «BringBee» kaufen Leute für Nachbarn in der Ikea gleich mit ein.

Katja Landolt
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Stella Schieffer steht mit den Einkäufen in Zürich. Jetzt muss sie nur noch die richtige Adresse finden. ksc

Stella Schieffer steht mit den Einkäufen in Zürich. Jetzt muss sie nur noch die richtige Adresse finden. ksc

Schwarze Finken, vier Weingläser, ein Pack Servietten in Grün, zwei Kissen, Rückenlage. Die Einkaufsliste ist kurz. Stella Schieffer marschiert durch die Regalreihen des Möbelhauses, steckt die Artikel in ihre grosse Umhängetasche. Nach zwanzig Minuten ist der Einkauf bezahlt, der Auftrag schon fast erledigt – von der Chefin höchstpersönlich. Jetzt muss sie die Artikel nur noch an eine Adresse mitten in Zürich liefern.

Schieffer ist mit 25 Jahren bereits CEO ihres eigenen Unternehmens, der Polyport GmbH. Gemeinsam mit ihrem ehemaligen Mitstudenten Philipp Oberender arbeitet sie daran, Transportkapazitäten besser zu nutzen und so den Verkehr und die Emissionen zu verringern. Vor gut einem Monat haben die beiden Transportingenieure die Internet-Plattform «www.bringbee.ch» aufgeschaltet – ein Ikea-Mitbringservice. Das System ist bestechend einfach: Wer nach Spreitenbach ins Möbelhaus fährt, kann für ein kleines Entgelt auch gleich die Einkäufe für die Nachbarschaft mitbringen. «Heute bleiben rund 70 Prozent aller Transportkapazitäten ungenutzt. Das wollen wir ändern», sagt Schieffer.

Möbel sind nur der Anfang

Simpel ist die Idee – die Umsetzung aber gestaltete sich als Knacknuss: Am Institut für Jungunternehmer besuchten Schieffer und Oberender erst Businessplankurse, feilten an ihrem Projekt, gewannen dann prompt an Wettbewerben für Start-up-Unternehmen und konnten mit den Gewinnen das Startkapital für ihr Unternehmen zusammensammeln.

Vom WWF wurden die beiden schliesslich an den Nachhaltigkeitsbeauftragten von Ikea vermittelt. Rund ein Jahr nach den Verhandlungen mit Ikea Schweiz über das Pilotprojekt startete das Projekt mit der Spreitenbacher Filiale Ende Januar.

Innert gut vier Wochen haben sich bereits über 300 Menschen aus der ganzen Schweiz auf bringbee.ch registriert, im Schnitt wurde eine Bestellung pro Tag aufgegeben, die Lieferzeit beträgt jeweils rund zwei Tage. «Bisher ist alles problemlos verlaufen, wir sind extrem glücklich mit dem Start», sagt Schieffer. Erst zwei Mal habe sie selber ausrücken müssen, um eine Lieferung selber zu erledigen. Die Hände in den Schoss legen kann sie aber nicht. Jetzt geht es um die Verbesserung und die Weiterentwicklung der Plattform. Denn der Mitbringservice aus dem Möbelhaus soll erst der Anfang sein: «Getränkemarkt, Baumarkt, Blumencenter», zählt Schieffer auf, «das Projekt ist unendlich ausdehnbar». Auch über die Landesgrenzen hinaus? Schieffer lacht. «Ja, klar.»

Manchmal unruhige Nächte

Noch ist die ganze Arbeit ein brotloser Job. Die Marge von vier Franken, die die Kunden für eine Lieferung bezahlen, reichen grad so für die Versicherung und das Betreiben der Plattform. Schieffer arbeitet deshalb noch 30 Prozent Teilzeit – «nebst den 200 Prozent, in denen ich mich auf BringBee fokussiere», sagt sie und lacht.

Lohnt sich der ganze Aufwand? «Natürlich.» Nie habe sie sich träumen lassen, jemals ein solches Projekt zu leiten. «Ich bin da so reingerutscht, aber es macht extrem viel Spass.» Nur manchmal, da schlafe sie schlecht. «Wir haben ein ungeheures Risiko auf uns genommen.» Ans Scheitern will sie aber nicht denken, dafür ist sie zu ehrgeizig. «Ich weiss, ich tue etwas Sinnvolles, hinter dem ich voll und ganz stehen kann.»

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