Tautropfen glitzern in der Sonne. Die Schafe beim Haus neben der Dorfkirche von Spreitenbach blöken. Vögel zwitschern und die blühenden Büsche rascheln im Wind. Das Büro des evangelischen Pfarrers Matthias W. Fischer im Haus überrascht gleichermassen wie die Ruhe draussen: Auf der Kommode sitzt ein lächelnder Buddha, neben ihm liegen die Bibel, farbige Jonglierbälle und eine Clown-Nase. An der Wand hängen japanische Schriftzeichen und ein Jesuskreuz. Auf dem Boden stehen ein Alphorn und ein Didgeridoo. Die Gegenstände machen neugierig. Neugierig auf die Geschichte des Pfarrers, der vor 19 Jahren als alleinerziehender Vater zweier Söhne nach Spreitenbach kam, um der evangelischen Kirchgemeinde zu dienen.

Gleich viele Muslime wie Christen

Es sei anspruchsvoll gewesen, die Verantwortung für zwei kleine Kinder alleine zu tragen, erinnert sich der 52-Jährige. «Dass ich ein alleinerziehender Vater in Scheidung war, wurde aber bei meinem Stellenantritt in Spreitenbach nie als Makel angesehen.» Sein Anfang sei aufgrund diverser Spannungen innerhalb der evangelischen Gemeinschaft alles andere als einfach gewesen, sagt Fischer. «Ich bin froh, dass die Wunden geheilt sind und die Gemeinde wieder gemeinsam auf dem Weg ist.»

Heute kämpfe die Kirche damit, ihre Mitglieder zu halten. «In den letzten 19 Jahren ist unsere Gemeinschaft von 2400 auf 1800 Mitglieder geschrumpft.» Die katholische Kirchgemeinde sei doppelt so gross. «Und Muslime gibt es in Spreitenbach bald gleich viele wie Christen.» Das sei kein Problem, aber eine Herausforderung. «Spreitenbach war bis in die 60er-Jahre katholisch – die Konfessionen waren strikt getrennt. Meine Vorgänger haben viel für die Ökumene getan.» Fischer hofft, dass auch der interreligiöse Dialog in ein paar Jahren selbstverständlich geworden ist.

Neue Liebe bringt weitere Kinder

Gründe für die schrumpfende, reformierte Kirchgemeinde sieht Fischer in der gesellschaftlichen Entwicklung sowie in der Tatsache, dass viele evangelische Schweizer Familien Spreitenbach verlassen, bevor ihre Kinder schulpflichtig sind. «Die Katechetinnen können ihre Klassen kaum noch füllen. Schweizer fürchten sich davor, dass ihre Kinder die einzigen Deutschsprechenden in der Klasse sein könnten.» Spreitenbach verfüge über eine sehr gute Schule, betont Fischer. Und er weiss, wovon er spricht: «Meine vier Kinder haben die Schulen in Spreitenbach besucht. Multikulturell aufzuwachsen, ist eine sehr positive und wertvolle Erfahrung», sagt er und schmunzelt. Vier Kinder? «Ich habe noch zwei Töchter mit meiner zweiten Frau Irene Girardet Fischer, die seit 19 Jahren Organistin in Spreitenbach ist. Wir haben uns kurz nach meinem Stellenantritt kennen gelernt.»

Ehepaar teilt 100-Prozent-Stelle

Spreitenbach ist für Fischer zu einem Stück Heimat geworden. «Ich war noch nie so lange an einem Ort wie hier.» Der Grund, die Stelle zu wechseln, liege vor allem darin, dass sie sich in Hausen am Albis eine 100-Prozent-Stelle teilen können. «Meine Frau wurde vor einem Jahr zur Pfarrerin ordiniert. Jetzt können wir die Karten noch einmal neu mischen und uns herausfordern lassen.»

Abschied nehmen sei nie einfach. Doch er könne auf eine schöne Zeit zurückblicken. «Ich konnte so manche Spreitenbacher Familie von der Heirat über die Taufe bis hin zum Abschied begleiten.» Durch das gewachsene Vertrauen innerhalb der reformierten Gemeinde habe er mit seiner Frau eine lebendige Familienarbeit aufbauen können, blickt er zurück.

Vom Clown zum Buddhismus

Erfolgreich ist Fischer mit seinem stillen Morgengebet: «Seit 15 Jahren setze ich mich jeden Morgen in der Kirche auf ein Kissen – einmal die Woche mit Mitgliedern der Gemeinschaft. Fischer erklärt, dass er 2002 ein Diplom der evangelisch-reformierten Landeskirchen zum «Spiritual» absolviert hat. Seit zehn Jahren verbinde er seinen Auftrag als Pfarrer mit der spirituellen Übungsform von Zazen – die wichtigste Übung im Zen-Buddhismus. «Daher der Buddha auf meiner Kommode.»

Auch die rote Clown-Nase liegt nicht umsonst auf der Kommode: Matthias W. Fischer hat in den letzten Jahren mehrere Clown-Ausbildungen absolviert. Schon diverse Male sei er bei Anlässen als Clown aufgetreten. «Als Clown gehe ich über meine Rolle als Pfarrer hinaus und kann meinen Glauben und meine Zweifel unzensiert – mit der nötigen Prise Humor – ins Spiel bringen.»

Festgottesdienst: Am 1. Juli, 10 Uhr,
in der Kreuzkirche, mit Risottoessen und dem Klosterchor Wettingen.