Baden

Der Pianist Christian Zacharias beraubt seine Zuhörer des Denkens

Der renommierte Pianist und Dirigent Christian Zacharias.

Der renommierte Pianist und Dirigent Christian Zacharias.

In der ehemaligen Druckerei des Badener Tagblatts in Baden spielte Christian Zacharias Mozart und Schubert. Der Pianist von Weltrang entführte die Zuhörer in eine aufwühlende Klangwelt.

Wo noch vor einigen Jahren die Druckmaschinen des Badener Tagblatts ratterten, ist es am Sonntagabend ganz still geworden.

Christian Zacharias betrat die Bühne der Druckerei. Statt eines Orchesters erwartete den renommierten Dirigenten und Pianisten ein Steinway-Flügel.

Mit dem ersten Satz Mozarts Klaviersonate Nr. 8 beraubte Zacharias den Zuhörer des klaren Denkens und entführte ihn in die Kammer des emotionalen Kontrollverlustes:

Ist es eine laute Verzweiflung oder ein stilles Weinen? Jedenfalls keine Resignation, keine Lethargie; vielmehr etwas Bewegendes, Unermüdliches.

Mit dem «Andante cantabile» schien Christian Zacharias das Bild eines versöhnlichen Morgens zu malen; Die letzten Nebelschwaden einer kühlen und düsteren Nacht lichteten sich; hatte sich der Schmerz in Melancholie verwandelt?

Das «Presto» liess eine Lebensenergie aufflammen; oder war es gar Zuversicht? Als würde jemand leichten Fusses einen Hügel erklimmen; nicht ohne Trotz, wie die letzten Takte der Sonate verrieten. Diese Komposition ist in Paris entstanden, zeitgleich, als Mozarts Mutter ihrer Krankheit erlag.

Vom Teilen der Klänge

Am zweiten Konzert der Reihe «Piano District» folgten auf Mozarts Sonate in a-Moll dessen 15. in F-Dur sowie Schuberts Klaviersonate in B-Dur (Nr. 21). Letztere hatte Schubert zwei Monate vor seinem Tod zu Ende gebracht.

Manchmal, wenn Zacharias mit seiner linken Hand dem Flügel ein tiefes Grollen entlockt, entpuppt sich jeder liebliche Klang als Illusion. Es bleibt die Wärme, die Palette an Empfindungen, welche der Pianist aus Deutschland musikalisch zu teilen vermag.

Zuhören ist schöner als Applaus

«Wenn es ganz still wird - das ist das Schönste. Ich freue mich wahnsinnig, wenn die Leute gut zuhören. Das ist noch schöner als Applaus», sagte Zacharias im anschliessenden Künstlergespräch.

Seine Sprache ist ausgefeilt, die Sätze bühnenreif. «Ich bin übrigens in Baden aufgewachsen, wussten Sie das?» Ein Raunen geht durch die Reihen. «Im Badischen», ergänzt Zacharias; er scheint den Moment der Verblüffung im Publikum zu geniessen.

«Und was machen Sie, wenn der Applaus vorbei ist?», fragt der Moderator Andreas Müller-Crepon.

«Manchmal krieg ich ein Bier», so die prompte Antwort. «Besonders, wenn das Orchester noch im Saal sitzt und mir jemand ein frisch gezapftes Bier vorbei bringt – das ist eine schöne Sache.» Es folgte Applaus, als seien Zacharias Schlussworte die letzten Takte einer vollendeten Sonate.

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