Margrit Kappeler-Peterhans erinnert sich an jene mondhelle Nacht im April vor 75 Jahren, als wäre sie erst gerade vergangen. Dreizehn Jahre alt war die Bezirksschülerin, als sie nach Mitternacht aufwachte, Fliegeralarm.

Die Mutter war die erste im Haus im Badener Meierhofquartier, die aufstand; die Sirenen riefen die Operationsschwester zum Dienst im nahen Bunker, wo sie für die Erstaufnahme von Verwundeten verantwortlich war. Nach einem Blick aus dem Fenster rief die Mutter erstaunt durchs Haus: «Da, ein Meteorit am Himmel!» Auch der Vater schaute nun in Richtung Nordosten: «Dummes Zeug, das ist ein brennendes Flugzeug!»

Ein roter Feuerball

Die Kinder, noch schlaftrunken und im Traineranzug, folgten ihren Eltern nach draussen, und was Margrit dort am Himmel sah, brannte sich in ihr Gedächtnis ein: «Zwischen den Sternen kam ein roter Feuerball geflogen. Plötzlich rauschte es, und ein weisser Ballon öffnete sich.» Noch ehe sich die Vermutung des Vaters bestätigte, «ein Fallschirmspringer», landete dieser auch schon auf dem Dach der Ziegelhütte, recht weich, nur ein paar Ziegel wurden beschädigt.

In voller Pilotenmontur sass der 21-jährige James Victor Avery auf dem Dach, er riss sich die Maske vom Gesicht und rief der Familie unter sich den Namen seines Heimatlandes entgegen, in der Hoffnung, er werde in der neutralen Schweiz gut behandelt: «England, England!»

Margrit Kappeler hat das Glück, auch mit heute 88 Jahren – sie sieht mindestens 15 Jahre jünger aus, will aber kein aktuelles Foto von sich in der Zeitung sehen – noch über einen hellwachen Verstand zu verfügen. Mit klaren Worten zieht sie ihre Zuhörer in den Bann. «Mein Vater, ruhig und sachlich wie immer, übernahm nun das Kommando und holte eine Leiter, als plötzlich unser Nachbar, Herr Gaugler, angelaufen kam, mit einem Karabiner unter dem Arm.»

Die Worte «Hände hoch», wie heute noch fälschlicherweise verbreitet werde, habe Gaugler jedoch nicht gesagt, betont Margrit Kappeler. Ihr Vater hingegen habe dem Nachbarn beschwichtigend zugerufen: «Gaugler, gehen Sie weg, es muss nicht noch ein Unglück passieren.» Der Pilot stieg die Leiter hinab und wurde in die Stube der Familie Peterhans gebracht.

Der Unglücksflug des britischen Vickers Wellington-Bombers nahm mit dem Start um 20.08 Uhr auf dem Flugplatz Burn in Mittelengland seinen Anfang. Ziel: die Werke von Daimler Benz und Bosch im Raum Stuttgart.

25 Minuten nach der französischen Küste trat eine Motorstörung auf. Pilot Avery konnte den Kurs nicht halten und flog solo weiter, wie das «Badener Tagblatt» am 40. Jahrestag des Absturzes berichtete, wobei es sich mehrheitlich auf den Birmenstorfer Lokalhistoriker Max Rudolf berief.

Nahe Karlsruhe nahmen zwei deutsche Ju-88-Nachtjäger die Verfolgung auf, drehten nach einem kurzen Gefecht ab. Der Bomber reagierte bereits träge, und als kurz darauf auch noch ein Fliegerabwehrgeschoss im linken Flügel einschlug, war an eine Heimkehr auf die Insel nicht mehr zu denken. Während die restlichen Flugzeuge des Geschwaders 37 630 Bomben abwarfen – 619 Menschen fielen ihnen zum Opfer – lautete die Devise Averys nur noch: durchhalten bis in die neutrale Schweiz.

Bei Zurzach überquerte er die Grenze, er konnte die Höhe kaum mehr halten, bei Schlieren und mit Blick auf den Zürichsee machte der Bomber nochmals eine 180-Grad-Wende. Wohl, sagt Kappeler, aus folgendem Beweggrund: «Avery schrieb uns später, er habe alles dafür getan, damit das Flugzeug nicht über bewohntem Gebiet abstürze.»

Nun erteilte der junge Pilot seiner Besatzung den Befehl zum Fallschirmabsprung, und einer nach dem anderen liess sich aus dem Bomber ins Freie fallen: Ronald Alexander Mc Ewan, der Maschinengewehrschütze, landete im Wettinger Eigi, Funker Joseph Cash auf einem Felsen oberhalb des Ennetbadener Weinbergweges, Bombenschütze Wilfried Boddy kam auf dem Büel in Freienwil zu Boden, und William Harold Shields Absprung endete auf einem Baum auf dem «Ebnet», nördlich der Obersiggenthaler Schiessanlage. Das Flugzeug zerschellte in Birmenstorf.

Wenige Minuten später sass der hungrige Avery bereits am Stubentisch der Familie Peterhans in Baden und ass Speck mit Ei. Ihrem Onkel, der Englisch sprach und der hinzugekommen war, habe der Pilot vom turbulenten Flug erzählt, erinnert sich Margrit Kappeler. Rund zwei Stunden später wurde Avery von Offizieren des Luftschutzes abgeholt.

Briefe aus England

Die Familie, die ihn für wenige Stunden freundschaftlich bei sich aufgenommen und verpflegt hatte, vergass Avery nicht, er schickte aus England ab und zu Briefe, in denen er seine Dankbarkeit aussprach. Seine Schreiben blieben nicht unbeantwortet, doch der Briefwechsel endete überraschend und plötzlich. Im März 1944 kam Avery bei einem Einsatz ums Leben.

Bis heute hat Margrit Kappeler gegenüber Journalisten noch nie über ihre Erinnerung gesprochen. Doch das 75-Jahr-Jubiläum hat sie dazu veranlasst, doch noch Bericht zu erstatten. Sie wohnt noch immer in Baden, nicht weit entfernt von der einstigen Ziegelhütte, in der Nähe des Schadenmühleplatzes und somit direkt unter jenem Himmel, in dem James Victor Avery am 15. April 1943 in seinem Fallschirm angeflogen kam.