Konzert im Royal
Der Schweizer Cabaret-Punk-Rock lebt noch

Die Band "Baby Jail" kam im Badener Royal mit ihren humorvollen Mundart-Songs gut an. Die Band zeigte den Jüngeren im Saal, wie Musik hierzulande noch klang, als sie nicht versuchte, so „cool“ zu sein wie die englischen Indie-Rocker.

Daniel Vizentini
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Konzert von Baby Jail in Baden
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Konzert von Baby Jail und Vorbands Konzert von Baby Jail und den Vorbands The Lovers und Tom und die Touristen am 6.10.17 im Royal.
Konzert von Baby Jail und Vorbands Konzert von Baby Jail und den Vorbands The Lovers und Tom und die Touristen am 6.10.17 im Royal.
Konzert von Baby Jail und Vorbands Konzert von Baby Jail und den Vorbands The Lovers und Tom und die Touristen am 6.10.17 im Royal.
Konzert von Baby Jail und Vorbands Konzert von Baby Jail und den Vorbands The Lovers und Tom und die Touristen am 6.10.17 im Royal.
Konzert von Baby Jail und Vorbands Konzert von Baby Jail und den Vorbands The Lovers und Tom und die Touristen am 6.10.17 im Royal.
Konzert von Baby Jail und Vorbands Konzert von Baby Jail und den Vorbands The Lovers und Tom und die Touristen am 6.10.17 im Royal.

Konzert von Baby Jail in Baden

Daniel Vizentini (dvi)

Am Bahnhof Baden treffen sich vier Bauarbeiter in gelben und orangefarbenen Gilets, grüssen sich, sitzen später auf einen Tisch und rollen Baupläne des Royal aus. Mit einem dicken Filzstift streicht eine Bauarbeiterin den Plan durch, worauf ihr Kollege eine Ladung Dynamit auf den Tisch legt. Der Plan ist klar: Sie wollen das Royal in die Luft sprengen. Vor dem Royal angekommen, treffen sie aber auf den Geist von Marie Antoine, der Gründerin des alten Kinos.

So beginnt das Musikvideo zum Lied „Marie Antoine“, das die Zürcher Band Baby Jail eigens fürs Royal geschrieben hat. Am Schluss rennen die vier verängstigt aus dem Royal heraus. Der Plan mit der Sprengung (oder dem Baubüro?) geht schief, das Royal lebt weiter.
Es ist klar: Baby Jail und das Royal verbindet eine längere Geschichte. Am Wochenende traten sie dort zum vierten Mal in fünf Jahren auf. Dabei konnten sie auf treue, begeisterte Zuhörer zählen. Umso länger der Konzertabend dauerte, umso heiterer wurde die Stimmung. Dabei hatte der Abend aus Publikumssicht eher verhalten angefangen: Bei den Auftritten der beiden Vorbands The Lovers und „Tom und die Touristen“ wollten die Zuschauer noch nicht richtig mitziehen, obwohl gute Musik dargeboten wurde. Sänger Thomas Hess betete sie regelrecht an, nach vorne zu kommen und zu seinen dramatisch-humorvollen Mundart-Punk-Liedern mitzutanzen. Die Texte von „D’Muetter suuft“ oder „De Serge isch bi de SVP“ vermochten zwar zu unterhalten, doch es half nichts: Alle warteten auf den Hauptact, auf Baby Jail.
Ennetbaden statt Schwamendingen
Vielleicht lag es auch am Durchschnittsalter der Zuhörer, dass sie ihre Energie bis zum Schluss aufsparten. Als Baby-Jail-Bassistin Bice Aeberli gleich zu Beginn sagte, mit Jahrgang 63 sei sie wohl die Älteste im Saal, protestierten einige, sie seien noch Älter. Und vielleicht hat gerade die Altersdurchmischung den Abend im Royal ausgemacht: Die Band, die Anfangs der 90er-Jahren ihren Höhepunkt hatte, feiert derzeit ihren zweiten Frühling.

Fast zwanzig Jahre nach der Auflösung taten sich Bice Aeberli und Boni Koller wieder zusammen. Vereinzelte Falten im Gesicht und ein paar graue Haare lassen die Band heute aber keineswegs alt aussehen, sondern geben ihnen Charakter. Und die Musik von Baby Jail erinnert an eine verloren geglaubte Leichtigkeit der Schweizer Musik. So zeigte die Band den Jüngeren im Saal, wie Musik hierzulande noch klang, als sie nicht versuchte so „cool“ zu sein wie die englischen Indie-Rocker, sondern als sie noch leicht, intelligent und vor allem humorvoll war.
Texte wie „d’Sankt Galler sind scho z’Rapperswil, bis ad Sihl fehlt nüme viel“, „jede Giele isch sympatisch, wenn mer ihn näbe em Toni Brunner stellt“ oder ihr Hit von 1992 „Es isch emol en Tubel gsi“, der entstanden ist aus Protest gegen den Neonazi-Aufmarsch auf dem Rütli zur 700-Jahr-Schweiz-Feier ein Jahr zuvor, brachten das Publikum in Tanzlaune. Als sie dann ihren Song „Schwamendingen“ umtauften auf „Ennetbaden“, hatten sie auch die Badener Lokalherzen erobert. Der Abend, der verhalten angefangen hatte, endete mit tosendem Beifall und eine viermalige Rückkehr auf die Bühne für Zugaben.

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