Adolf Hitler entwarf 1925 in seiner Schrift «Mein Kampf» seine Ideologie eines totalitären, rassistischen Staates, die er ab 1933 Schritt für Schritt verwirklichte. Bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges wurden 12 Millionen Exemplare des Buches verkauft.

Seit dem Zusammenbruch des Dritten Reiches 1945 war die Neuauflage der Hassschrift verboten – Anfang dieses Jahres aber sind die Urheberrechte erloschen und die Schutzfrist abgelaufen. Nun ist eine Neuauflage des Instituts für Zeitgeschichte in München erschienen, die mit hunderten Anmerkungen und Einordnungen versehen ist. Und für Bibliotheken und Schulen stellt sich die heikle Frage: Gehört die kritische Edition von «Mein Kampf» in die Regale?

«Wir werden das Buch im Bibliothek-Team erst noch einer Prüfung unterziehen. Mit grosser Wahrscheinlichkeit werden wir es aber kaufen und ins Regal stellen», sagt Katrin Diab, stellvertretende Wettinger Bibliotheksleiterin. «Es handelt sich um ein wichtiges historisches Dokument, und weil es sich um eine kommentierte Ausgabe handelt, ist auch die Einordnung für den Leser gleich gegeben. In Wettingen lassen sich aber mit Sicherheit Leser für dieses Buch finden.»

In der Stadtbibliothek Baden standen gar jahrelang zwei Ausgaben von «Mein Kampf» aus dem Jahr 1940 im Regal. Seit mehr als acht Jahren werden sie aber vermisst. Die neu kommentierte Ausgabe wird zurzeit nicht im Bestand geführt – und daran wird sich voraussichtlich nichts ändern: «Da unserer Meinung nach die neu kommentierte Ausgabe von ‹Mein Kampf› eine sehr umfangreiche und eher wissenschaftliche Aufarbeitung des Buches ist, passt sie nicht ins Angebot der Stadtbibliothek», heisst es auf Anfrage. Aktuell lägen vonseiten der Bibliotheksnutzer auch keine Anfragen zu diesem Buch vor.

«Trotzdem verfolgen wir im Rahmen unserer Marktbeobachtungen die aktuell kontrovers geführten Diskussionen zu diesem Buch.» Bibliotheken hätten einen öffentlichen Auftrag zu erfüllen und sich nach den gesetzlichen Bestimmungen zu richten. Deshalb wäre eine allfällige Aufnahme dieser neuen Ausgabe «gut zu prüfen», teilt die Stadtbibliothek mit.

Unverkrampft ist der Umgang mit der neuen Ausgabe in der Kantonsschule Baden. «Ich habe das Buch nach Absprache mit einer Historikerin bestellt», sagt Rektor Hans Rudolf Stauffacher. «Das Argument dafür war, dass die kommentierte Version als Zeitdokument zur Verfügung stehen und nicht tabuisiert werden soll.»

Bereits im Regal stehe der Studienkommentar aus dem UTB Verlag «Adolf Hitler: Mein Kampf» von Barbara Zehnpfennig (2011). Ein Geschichtslehrer der Kantonsschule schreibt zur Debatte: «Seit Jahr und Tag benutze ich Auszüge aus ‹Mein Kampf› als Quellentexte beim Thema Nationalsozialismus.» Die Auseinandersetzung mit Originaldokumenten ist seines Erachtens wünschbar und nicht etwa gefährlich.

«Das gilt auch für das Buch ‹Mein Kampf›, das zu Unrecht tabuisiert wird. Es ist zwar viel zu ausführlich, um im Geschichtsunterricht gelesen zu werden, würde aber bei entsprechender Lektüre kaum als faschistische Propaganda wirken.» Denn im Stil sei es dermassen schwülstig und im Inhalt dermassen dämlich, dass es höchstens auf völlig verblendete und tief gläubige Neonazis anziehend wirken würde.