Das Elektrizitäts- und Wasserwerk Wettingen (EWW), heute eine Abteilung der Gemeindeverwaltung, soll zu einer eigenständigen Aktiengesellschaft werden. «Das EWW muss auf den sich stark ändernden liberalisierten Markt vorbereitet werden, dafür sind wir als Gemeinderat verantwortlich», sagt Gemeindeammann Markus Dieth. Der Weg dorthin führt über eine neue Rechtsform. «Unsere intensiven Abklärungen haben ergeben, dass eine AG dafür am geeignetesten ist», ergänzt Gemeinderat Kuster. Seit über einem Jahr laufen die Vorbereitungen für die Umwandlung. Nun liegen die Statuten und Vertragswerke vor, ausgearbeitet wurden sie vom Lenkungsausschuss, einem Projektteam und einer Begleitkommission.

Die künftige AG soll bei der Gründung über Aktiven und Passiven von 70 Millionen Franken verfügen. Die bestehenden Anlagen werden mit rund 62 Millionen Franken bewertet. Das Aktienkapital soll 5 Millionen Franken betragen. «Alle Aktien werden der Gemeinde gehören», sagt Markus Dieth. Dies ist ein Unterschied zum Verselbstständigungsprojekt von 2002. Es scheiterte damals unter anderem, weil ein Aktienverkauf an Dritte vorgesehen war. Die Wettinger wollen ihr EWW jedoch behalten. Gemeinderat Kuster betonen: «Ohne die Zustimmung der Stimmberechtigten kann keine Aktie verkauft werden.» Finanziell werden von der neuen Rechtsform Kanton und Gemeinde leicht profitieren. Bisher erhielt die Gemeinde aus dem Stromgeschäft rund 700 000 Franken Konzessionsgebühr pro Jahr. Neu kommen rund 300 000 Franken Dividende. Zudem wird die EWW AG rund 20 000 Franken Aktiensteuern bezahlen; den Betrag teilen sich wie bei den anderen Gesellschaften, Kanton und Gemeinde. 

Gefragt sind flexible Händler

Als der Strommarkt noch geregelt war, mussten die kommunalen Elektrizitätswerke die Energie bei der AEW Energie AG kaufen. Die Tarife galten jeweils für ein ganzes Jahr und waren nicht verhandelbar. Mit der Liberalisierung wurde dieses System aufgegeben. Die Energie wird an der Börse gehandelt. Die Elektrizitätswerke kaufen bestimmte Mengen zu einem bestimmten Preis bis zu drei Jahren im Voraus ein. In der Regel gelten die Angebote für jeweils zwei Stunden. In dieser Zeit muss der Kunde, konkret das EWW das Angebot akzeptieren, um den Strom zu erwerben. Dies bedingt sehr viel Flexibilität und Kompetenz. Mitarbeiter des EWW müssen die Preisentwicklung an der Strombörse laufend beobachten, um möglichst den günstigsten Zeitpunkt für die Strombeschaffung nicht zu verpassen.

Mit der geltenden Organisation, als Teil der Verwaltung, ist das kaum möglich. Entsprechend sieht es auf der Verkaufsseite aus. Grosskunden verlangen von verschiedenen Stromanbietern Offerten und wählen dann den günstigsten Lieferanten aus. Das muss auch in Wettingen nicht das EWW sein. Damit gilt auch hier, mit starren Tarifen lässt sich kein Strom mehr verkaufen. «Wir brauchen die Kompetenzen, um die Energie auch künftig zu bestmöglichen Preisen anbieten zu können», sagt EWW-Geschäftsleiter Peter Wiederkehr. «Ansonsten besteht die Gefahr, dass die Kunden abwandern und Drittanbieter das Geschäft in Wettingen übernehmen.» Dem EWW könnten letztlich nur noch die weniger interessanten und damit teureren Kunden verbleiben. «Es besteht die Gefahr, dass es zum Spielball der Grossen wird», sagt Dieth.

Ein Leben für Strom und Wasser

Die AG wird wie ihre Vorgängerin primär drei Geschäftsfelder umfassen: das Elektrofachgeschäft, die Elektrizität und die Wasserversorgung. Daran soll sich nichts ändern. Insbesondere wird der Verkaufsladen nicht infrage gestellt. Zudem wird es, weiterhin im Auftrag der Gemeinde, die öffentliche Beleuchtung und die öffentlichen Brunnen betreuen. «Wir wollen auch für die kommenden Generationen ein Garant für Versorgungssicherheit, Qualität und attraktive Konditionen sein», sagt Kuster. 

Mit der Rechtsformänderung vollzieht Wettingen einen Schritt, den andere Gemeindewerke schon längst getan haben. So wurden die Städtischen Werke Baden 1998 zur Regionalwerke AG. 2002 wurden die Industriellen Betriebe Brugg (IBB) in eine AG umgewandelt. In beiden Fällen hat sich der Schritt bewährt. Sie entwickelten sich zu Energielieferanten mit einem breiteren Angebot, das über die eigentliche Stromlieferung hinaus geht. Weitere Gemeinden wie Aarau, Lenzburg oder Wohlen haben diesen Schritt ebenfalls schon früher gemacht.