Auftritt
Der ukrainische Pianist: Er hat Baden in sein Herz geschlossen

In Zeiten des bewaffneten Konflikts gründete der ukrainische Pianist Alexey Botvinov ein Festival. Nun spielt er einmal mehr in Baden.

Elisabeth Feller
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Der ukrainische Pianist Alexey Botvinov an einem Auftritt.

Der ukrainische Pianist Alexey Botvinov an einem Auftritt.

zvg

Von der Ukraine in die Schweiz fliegen und wissen: «Ich muss nicht in die Quarantäne; ich kann endlich wieder vor Publikum auftreten.» Viele Gefühle haben den ukrainischen Pianisten Alexey Botvinov bewegt, als er kürzlich in Zürich landete, um hier Konzerte zu geben. Die Bande zur Limmatstadt sind eng, sodass es den Pianisten am ersten Tag nur kurz in seiner temporären Bleibe hielt: er musste unbedingt zu nächtlicher Stunde durch die Stadt streifen; musste sich unbedingt erneut in den Zürichsee verlieben, selbst wenn dieser viel weniger gross ist als jene «See», die Botvinov in seiner Heimatstadt Odessa täglich zu Gesicht bekommt: das Schwarze Meer.

Zürich ist für den Ukrainer eine zweite Heimat, zu der er aber auch das nicht weit entfernte Baden zählt. Hier hat er in vergangenen Jahren immer wieder konzertiert im Rahmen von Marina Korendfelds feiner Kammermusikreihe in der Villa Boveri; hier wird er diesmal – Corona Rechnung tragend – vor einem kleineren Publikum als üblich Werke spielen, für deren Interpretation er berühmt ist. Komponisten wie Mozart, Chopin, Tschaikowsky und Rachmaninow sind im Programm aufgeführt, doch ein Name sticht heraus: Alemdar Sabitovych Karamanov, ein 1907 verstorbenen ukrainischer Komponist, für dessen Entdeckung in Westeuropa sich Alexey Botvinov unermüdlich einsetzt. Spiele er – wie nun in Baden – Karamanovs «Nachtgebet», bekomme er Hühnerhaut, bekennt er.

Treffen mit Sommaruga: «Einfach unglaublich»

Leidenschaft und Engagement zeichnen diesen Pianisten aus, der sich in die lange Reihe berühmter odessitischer Musiker einreiht, zu denen etwa die Pianisten Swjatoslaw Richter und Emils Gilels sowie der Geiger David Oistrach zählen. Botvinov machte sich schon früh einen Namen als einer, der den ganzen Facettenreichtum seines Instruments und der klassischen Musik auch in Multimedia-Projekten ausschöpft.

In den Neunzigern stiess er in Düsseldorf auf Zürichs nachmaligen Ballettdirektor Heinz Spoerli, der sogleich wusste: Diesen Pianisten muss ich für meine Arbeit gewinnen. Um nur ein Beispiel zu erwähnen: Johann Sebastian Bachs von Spoerli choreografierte und von Botvinov auf dem Flügel interpretierte «Goldbergvariationen» geniessen heute Kultstatus.

Mittlerweile hat der ukrainische Pianist diesen Musikkosmos über 300 Mal gespielt. Der Pianist lächelt, spricht man ihn auf Fredi M. Murers Film «Vitus» an. In diesem lässt der musikalisch hochbegabte Bub Vitus im Laden die berühmtesten Einspielungen der «Goldbergvariationen» links liegen und greift stattdessen zielbewusst zur CD von Alexey Botvinov: eine schöne Fussnote.

Mehr als eine solche war die Begegnung mit Simonetta Sommaruga. Die Bundespräsidentin besuchte die Ukraine in diesem Sommer und traf dort auch Alexey Botvinov, den sie von Konzertbesuchen der Murten Classics kennt und schätzt. «Das war damals mein erstes Konzert nach einer fünfmonatigen Pause. Und dann konnte ich dieses ausgerechnet vor Bundespräsidentin Sommaruga, einer ausgebildeten Pianistin, spielen – einfach unglaublich», sagt Botvinov noch immer staunend. Ob er vielleicht..? Die Frage ist noch nicht zu Ende formuliert, als der Pianist sie lachend so beantwortet: «Sicher werden wir irgendwann einmal zusammen spielen.»

Bis dahin verstreicht Zeit, die Alexey Botvinov nutzen wird, um bei seinen Konzerten auch auf sein Festival Odessa Classics aufmerksam zu machen. Gegründet hat er es 2015, als der bewaffnete Konflikt in der Ostukraine aufflammte, der bis heute anhält. «Plötzlich war der Krieg da. Niemand hätte sich das vorstellen können», erzählt Botvinov und spricht von seinem Zorn und inneren Protest, aber auch von seinem Schmerz und seiner Trauer über die vielen Menschen, die gestorben sind. Damals habe er sich überlegt: «Was kann ich bloss tun, um dem Krieg und der schlimmen Situation etwas entgegenzusetzen?» Musik! Freunde wollten ihn zwar von diesem «wahnsinnigen, völlig unrealistischen» Abenteuer abhalten, doch Botvinov stampfte die Odessa Classics aus dem Boden.

Mittlerweile dauert das Festival länger als die ursprünglichen vier Tage, sogar in diesem Corona-Jahr, das von Festivalleiter Botvinov und seinem Team schlichtweg alles abverlangte. Wie war das bloss zu schaffen? «Es ging einfach.» Mehr Worte will der ukrainische Pianist darüber nicht verlieren, schon lieber verweilt er bei seinem Traum, den er wahr machen will: Die Odessa Classics sollen zu einem «Salzburg Osteuropas» werden. Odessa, die Kulturstadt am Schwarzen Meer, sei ja auch unwiderstehlich – auch für Gäste aus Zürich und Baden: zwei Städte, die Alexey Botvinov ins Herz geschlossen hat.

Klavierabend mit Alexey Botvinov: Do, 3. Dezember, 19.30 Uhr, Villa Boveri in Baden.