Baden
Der Unterstand wurde als Klo missbraucht

Die Gassenleute in Baden trugen ihrem Treffpunkt auf dem Bahnhofplatz Sorge – Dritte hingegen nicht. Der beheizte Unterstand bot den Gassenleuten mit ihren Hunden fünf Monate lang Unterschlupf.

Erna Lang-Jonsdottir
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Der beheizte Unterstand bot den Gassenleuten mit ihren Hunden fünf Monate lang Unterschlupf. zvg

Der beheizte Unterstand bot den Gassenleuten mit ihren Hunden fünf Monate lang Unterschlupf. zvg

Sie war ein beliebter Treffpunkt: Bis zu 20 Gassenleute und drei Hunde haben von November bis April in der 12 Quadratmeter kleinen Holzhütte auf dem Bahnhofplatz Unterschlupf gefunden. «Es ist erstaunlich, wie friedlich sie sich auf diesem engen Raum arrangiert haben», sagt Daniela Fleischmann, Geschäftsleiterin des Christlichen Hilfswerks Hope. Letzte Woche wurde der Unterstand aus Holz (siehe Box) von Mitarbeitern des Werkhofs abtransportiert.

Die Bilanz: «Grundsätzlich positiv», sind sich Daniela Fleischmann, Stadträtin Daniela Oehrli und Thomas Stirnemann, Leiter Werkhof, einig. «Die Gassenleute haben dem Unterstand Sorge getragen, ihn selber dekoriert und zeitweise selber geputzt», sagt Oehrli. Leider sei der Unterstand aber von Dritten als Klo missbraucht worden, gibt Fleischmann zu bedenken.

Der Unterstand hat Zukunft

Lange suchten die Gassenleute mit ihren Hunden in der Bahnhofunterführung nach Wärme. Im November 2011 startete das Hilfswerk Hope gemeinsam mit der Stadt Baden und dem Werkhof ein Pilotprojekt. Dazu wurde von November bis April auf dem Bahnhofplatz ein Container aufgestellt. Das Projekt erwies sich als erfolgreich. Zusammen mit Gassenleuten baute die Schreinerei Peterhans Schibli und Co. AG aus Fislisbach einen Unterstand mit Holz vom Stadtfest und schenkte diesen der Stadt Baden. Seit letzten Mittwoch wartet der Unterstand auf dem Werkhof-Areal auf seinen Einsatz im kommenden November. Wie Stadträtin Daniela Oehrli erklärt, wurde das Baugesuch für den Betrieb des Unterstands für weitere drei Jahre bewilligt. Die Stadt investiert jährlich 8000 bis 10 000 Franken in das Projekt. (elj)

Öffentliches Urinieren ein Problem

«Über Nacht wurde ab und zu im Hüttli Abfall deponiert, erbrochen und gepinkelt», führt Fleischmann aus. Diese kleineren Vandalenakte seien Dritten zuzuschreiben, sind sich Fleischmann und Oehrli sicher. «Die Gassenleute waren nachts nie dort. Zudem pinkeln sie sicher nicht in ihr eigenes Häuschen», sagt Fleischmann.

Wo aber gingen die Gassenleute aufs Klo, bei all dem Bier, das dort konsumiert wurde? «Ab November bis Anfangs Januar war eine mobile Toilette bei der Fondue-Hütte, die während des Winterzaubers auf dem Bahnhofplatz betrieben wurde, aufgestellt.»

Der Stadtrat habe die WC-Situation auf dem unteren und oberen Bahnhofplatz geprüft. «Das Problem des Urinierens im freien Raum ist über das ganze Jahr aktuell.» Kurzfristig zeige sich keine befriedigende Lösung. Ob im nächsten Jahr eine mobile Toilette hinter den Unterstand aufgestellt werden könne, müsse an der nächsten Sitzung der Arbeitsgruppe besprochen werden.

Grössere Vandalenakte gab es beim Unterstand aber keine. Dies bestätigt Werkhofleiter Thomas Stirnemann: «Es wurde etwas an den Holzwänden gekritzelt, einmal mussten wir ein Graffiti entfernen.»

Wie Polizeikommandant Martin Zulauf erklärt, rückte die Stadtpolizei nicht einmal aus wegen der Gassenleute.

«Unter den Gassenleuten kam es in den fünf Monaten lediglich zwei Mal zu Auseinandersetzungen», erklärt Fleischmann. Interessant sei, dass sich die Gassenleute nach dem Entfernen des Unterstands wieder in zwei Gruppen geteilt hätten. «Sie haben einfach das Heu nicht auf derselben Bühne. Trotzdem kommen sie im Winter auf engstem Raum miteinander aus.»

Ohne Gassenarbeiter geht es nicht

Besetzt war der Unterstand unterschiedlich: Zwischen 10 bis 20 Gassenleute hielten sich täglich im Unterstand auf. Während des Badener Winterzaubers durften sie sich am Feuer wärmen und erhielten übrig gebliebene Würste beim Kiosk.

Ab Mitte Januar offerierte die reformierte Kirchengemeinde jeden Freitagnachmittag Suppe. «Wesentlich für den Erfolg des Projekts ist die Begleitung des Gassenarbeiters Sandro Ardu», betont Oehrli. Aus diesem Grund habe die Stadt sein Pensum von 60 auf 70 Prozent erhöht. Ardu war für eine Stellungnahme telefonisch nicht erreichbar.

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