Baden
Der «wilde» Stadtrat Erich Obrist tritt ab – ein Coup kostete ihn sein grosses Ziel

Der Badener Stadtrat hört Ende Jahr auf. Im Gespräch spricht er über seinen Austritt aus der SP, seine Erfolge - und er verrät, welche Politikerin ihn enttäuschte.

Pirmin Kramer
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«Der Wunsch, mich vorzeitig und schrittweise pensionieren zu lassen, hat sich immer stärker manifestiert»: Erich Obrist.

«Der Wunsch, mich vorzeitig und schrittweise pensionieren zu lassen, hat sich immer stärker manifestiert»: Erich Obrist.

Sandra Ardizzone

«Adieu Politik», schreibt Erich Obrist dem «Badener Tagblatt». Er hält in der Nachricht fest: «Es wird mein letztes Jahr als Stadtrat sein. Ich habe mich entschieden, per 31. Dezember aus dem Badener Stadtrat auszutreten.» Seinen Entscheid begründet der 60-Jährige so: «2020 war ein aussergewöhnliches Jahr. Stillstand, Verlangsamung des öffentlichen Lebens und mein runder Geburtstag lösten bei mir Gedanken über meine Zukunft aus. Der Wunsch, mich vorzeitig und schrittweise pensionieren zu lassen, hat sich immer stärker manifestiert.»

Ein erster Schritt bestehe darin, dass er sich aus der Politik zurückziehen werde. Bei den Gesamterneuerungswahlen im Herbst anzutreten, «um dann kurze Zeit später aufzuhören, wäre nicht meine Art», sagt er. Damit die Parteien genug Zeit haben, ihre Nominierungen sorgfältig vorzubereiten, sei es ihm ein Anliegen, früh genug über seine Absichten zu informieren. Anfang 2024 will der Kantilehrer für bildnerisches Gestalten in Rente gehen.

Band zur SP zerrissen

Obrist ist seit 1998 aktiv in der Badener Politik tätig – mit Ausnahme eines fünfjährigen Abstechers mit Wohnsitz in Olten. Er politisierte für die SP, doch im Sommer 2015 kam es zum Bruch. In der parteiinternen Ausmarchung um die Stadtratskandidatur obsiegte knapp Jürg Caflisch. Eine grosse Enttäuschung für Erich Obrist. Der auch in bürgerlichen Kreisen gut vernetzte Sozialdemokrat führte Gespräche, liess politische Analysen erstellen. Und er ging aufs Ganze: Er trat aus der SP aus und stieg als parteiloser, als «wilder» Kandidat in den Ring. Der freche Coup gelang: Obrist distanzierte seine Gegner, zu denen auch Mario Delvecchio (FDP) gehörte, im ersten Wahlgang derart deutlich, dass diese das Handtuch warfen. Zu einem zweiten Wahlgang kam es nur wegen der ebenso überraschenden wie von Beginn an chancenlosen Kandidatur des ebenfalls parteilosen Jean-Pierre Leutwyler.

Dicke Luft: 2015 tritt Obrist als Parteiloser gegen seinen ehemaligen Parteikollegen Jürg Caflisch (SP, links) an – und gewinnt.

Dicke Luft: 2015 tritt Obrist als Parteiloser gegen seinen ehemaligen Parteikollegen Jürg Caflisch (SP, links) an – und gewinnt.

Alex Spichale

Obrist marschierte durch, übernahm im Stadtrat das Ressort Gesellschaft und Kultur. Doch das Band zu seinen ehemaligen Parteikollegen war zerschnitten. Allen voran Jürg Caflisch war sauer. «Solch ein Alleingang gibt all jenen recht, die behaupten, Politiker seien Egoisten. Ich bin menschlich sehr enttäuscht von Obrist. Mir würde es nie in den Sinn kommen, nach einer in einem fairen Auswahlverfahren erlittenen Niederlage aus der Partei auszutreten oder wild zu kandidieren.»

Angesprochen auf die turbulente Zeit, sagt Erich Obrist: «Das Verhältnis zur SP hat sich in den Jahren danach wieder normalisiert. Doch die Unterstützung der SP habe ich nicht mehr gehabt.» Und diese hätte er gebraucht, um bei den Stadtammannwahlen 2017 zu reüssieren. Markus Schneider wurde gewählt, Obrist fehlten 247 Stimmen.

Dass er «das Ziel, Stadtammann zu werden», verpasste, wie er es in der Mitteilung gestern Dienstag formulierte, lag nicht nur an der fehlenden Unterstützung der SP. Sondern auch daran, dass wie schon zwei Jahre zuvor eine Person im zweiten Wahlgang antrat, «die sich mit dem Resultat aus dem ersten Wahlgang hätte zurückziehen müssen», wie Obrist sagt. Die Rede ist von Sandra Kohler. «Dass sie nach nur zwei Jahren im Stadtrat zurücktrat, hat mich sehr enttäuscht, das habe ich ihr auch so mitgeteilt. Pflicht- und Verantwortungsgefühl sind die Treiber, die mich auch durch schwierige Zeiten leiten.»

«Spannender Wahlkampf im Herbst»

Deutlich mehr Platz als die nachdenklichen Sätze nehmen in Obrists Schreiben aber die erfreulichen Erlebnisse und Erfolge ein. «Als Ressortchef Gesellschaft und Kultur durfte ich vielfältige Aufgaben anpacken, die unterschiedlicher und interessanter nicht hätten sein können. Die Erfahrung, dass meine Mitarbeitenden mit riesigem Engagement, Fachwissen und grosser Identifikation für die Stadt tagtäglich motiviert ihren Einsatz leisten, beeindruckt mich immer wieder», schreibt er.

«Mit der Strategie Langmatt gelang uns die Lösung des gordischen Knotens», hält Obrist fest. Sie ebne dem «Juwel für alle» mit der Sanierung der Villa und der Stiftung eine sichere Zukunft. Mit der Rezertifizierung des Unicef-Labels «Kinder- und familienfreundliche Stadt» führt Obrist einen weiteren Erfolg auf. «Regional entwickelten und setzten wir mit Ennetbaden, Wettingen, Neuenhof und Würenlos eine Regionale Integrationsfachstelle (RIF) ein.» Für die Zukunft der Stadt wünscht er sich, dass die Fusion mit Turgi gelingt. Und weiter hofft er, dass Wettingen bald wieder mehr finanziellen Spielraum erhalte. «Das wäre für die ganze Region wichtig.»

Im Herbst, sagt Obrist zum Schluss, stehe der Stadt wieder ein spannender Wahlkampf bevor. Erstmals seit langem wird er selber nicht Teil davon sein.