Wettingen
Der Zentralstrassen-Traum platzte wie eine Seifenblase

In den Fünfzigern sollte das Dorfzentrum von der Landstrasse an die Zentralstrasse verlegt werden. Ein Einkaufszentrum, eine Fussgängerunterführung und eine Tankstelle sollten an der Rathauskreuzung entstehen. Die Entwicklung verlief anders.

Erina Allmendinger
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Das Einzige, was noch an den euphorischen Plan erinnert, sind die Hochhäuser. Statt einer Fussgängerunterführung und eines Einkaufszentrums wurde ein Kreisel gebaut. ERA

Das Einzige, was noch an den euphorischen Plan erinnert, sind die Hochhäuser. Statt einer Fussgängerunterführung und eines Einkaufszentrums wurde ein Kreisel gebaut. ERA

Erina Allmendinger

An der Zentralstrasse war vor gut 50 Jahren der Bau von drei 19-geschossigen Hochhäusern und einem 10-geschossigen Scheibenhochhaus mit insgesamt 406 Wohnungen geplant. Man sprach von den volumenmässig grössten Hochhäusern in der Schweiz. «Auch ein Einkaufszentrum, eine Fussgängerunterführung und eine Tankstelle sollten dort entstehen», sagt Urs Heimgartner, Leiter Bau und Planung in Wettingen. «Für die Gemeinde geht es vor allem darum, die in der Schweiz fast einmalige Möglichkeit wahrzunehmen, das Gemeindezentrum weitblickend nach neuesten Städtebauprinzipien aufzubauen, nachdem die Grundsteine dazu mit dem Bau der Bezirksschule und des Rathauses vielversprechend begonnen worden sind.» Mit diesen Worten stimmte die Gemeindeversammlung dem Antrag für die Zonenänderung «Vision neuer Kern», der am 26. Juni 1959 gestellt wurde, mit grossem Mehr zu.

Der Architekt Walter Hunziker sah sogar vor, im Wettinger Zentrum eine amerikanisch anmutende Grossstadtatmosphäre zu schaffen. «40000 Einwohner wurden von Raum- und Städteplaner für das Jahr 2000 prognostiziert», sagt Heimgartner. So lassen sich die euphorischen Pläne wahrscheinlich am besten erklären. Auch verkehrstechnisch gesehen waren grosse Veränderungen geplant. Die Landstrasse war zwar längst zum eigentlichen Zentrum von Wettingen geworden, doch die Planer sahen für sie nur wenig Entwicklungsmöglichkeiten. Die Zentralstrasse sollte mit der Zentrumsverschiebung den Verkehr an der Landstrasse entlasten. 1963 brachte der Gemeinderat ein Verkehrsplanungskonzept vor die Gemeindeversammlung. Man rechnete damals mit einer Versechsfachung des Verkehrs und wollte die Strasse darum vierspurig auf 15 Meter Breite ausbauen. In der Gemeindeversammlung wurde das Konzept jedoch abgelehnt. Die Bürger wollten keine vierspurige Schneise. Bis nach 1970 stand der Ausbau der Zentralstrasse noch zuoberst auf der Traktandenliste. Ebenfalls geplant war es, die Zentralstrasse bis nach Baden weiterzuziehen und eine zweite Hochbrücke zwischen Ländli und der heutigen Kantonsschule in Baden zu bauen. Der Widerstand gegen diesen Plan begann schon Jahre zuvor: «Auch die Familie Boveri, die damals am Ländliweg wohnte, wehrte sich», sagt Heimgartner. «Die Strasse hätte mitten durch ihren Garten geführt.»

Die Verlegung des Kerns gelang nicht wunschgemäss. Der Hochhausbau ging zuerst zügig voran. Doch bereits Ende 1966 hatte die Gemeinde die höchste Einwohnerzahl von knapp 20 000 erreicht, ab 1970 nahm sie sogar wieder ab. Der Aushub für das Scheibenhochhaus wurde erst 1968 gemacht, anschliessend ruhten die Bauarbeiten. Von einem Einkaufszentrum sprach niemand mehr und die Diskussion über den Ausbau der Strasse entspannte sich.

Der Bau der zweiten Hochbrücke fiel der Rezession zum Opfer. «Der Berg hat eine Maus geboren» lautete der Titel bei der Beratung des Strassenrichtplans im Wettingen Einwohnerrat im September 1978. Das Ende dieser Planungen, der Ausbau der Kantonsschule in Baden und vor allem der Widerstand der Einwohner gegen den Ausbau der Strasse zwischen Schönau- und Staffelstrasse bedeuteten das Ende des Zentralstrassen-Traums.

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