Wettingen
Diagnose Burnout: «Ich habe einfach nie Nein gesagt»

Die Stiftung Wendepunkt hilft Menschen wie Melanie, die nach einem Burnout zurück ins Leben finden musste. Dieses Jahr feiert die Sozialunternehmung das 20-Jahr-Jubiläum ihres Betriebs in Wettingen.

Nadine Bunde
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Melanie Schneider in der Verpackerei, einer der Arbeitsbereiche des Wendepunkt-Betriebs in Wettingen.

Melanie Schneider in der Verpackerei, einer der Arbeitsbereiche des Wendepunkt-Betriebs in Wettingen.

Sandra Ardizzone

Melanie Schneider (Name geändert) sitzt in der Verpackerei. Ihre schlanken Hände falten die Flyer schnell, sicher und ruhig. Mittlerweile kann sie wieder ganztags arbeiten; vor einigen Monaten traute sie sich kaum noch aus der Wohnung. «Ich hatte mich ganz zurückgezogen. Brach fast alle sozialen Kontakte ab.» Es habe Personen gegeben, die überhaupt kein Verständnis gehabt hätten, dass sie sich abgekapselt hatte. Immer wieder habe sie zu hören bekommen: «Du musst endlich wieder arbeiten gehen.» Oder: «Es kann doch nicht sein, dass du immer noch krank bist.»

Zehn Jahre hat die 30-Jährige als Pflegeassistentin in der Geriatrie gearbeitet. «Ich hatte weder einen Partner noch Kinder. Noch dazu wohnte ich nahe des Altersheims, deshalb wurde ich bei Personalengpässen immer zuerst gefragt, ob ich einspringe. Und ich habe einfach nie Nein gesagt.» Zudem hat Melanie lange als Dauernachtwache gearbeitet. «Irgendwann fehlten immer mehr die sozialen Kontakte. Ich lebte nur noch für die Arbeit.» Eines Tages ist sie dann zusammengebrochen. Diagnose: Burnout.

Einfach aus dem Bus gestiegen

«Das Wichtigste, das mir der Wendepunkt in dieser schwierigen Phase gegeben hat, war Zeit», sagt Melanie rückblickend. Am Anfang, als sie mit einer Widereingliederungsmassnahme angefangen hatte, wurde sie halbtags in der Küche eingeteilt. «Das war mir aber schnell zu viel; es waren sehr viele Menschen dort.» Zu viele Menschen, das war für Melanie nach Monaten allein in ihrer Wohnung ungewohnt. «Ich hatte auch Angst vor öffentlichen Verkehrsmitteln. Öfters bin ich einfach ausgestiegen.» Beim Wendepunkt stiess sie aber mit ihren Problemen und Ängsten auf Verständnis. Wenn es ihr nicht gut gegangen sei, habe sie anrufen können. Dank dieser Geduld hat es Melanie innerhalb eines Jahres geschafft, von einem 50 Prozent Pensum wieder auf 100 Prozent zu kommen. «Aber das hat gedauert», erinnert sich Melanie. «Ich hatte einige Rückfälle.» Als es ihr in der Küche zu viel wurde, durfte sie einige Monate im geschützten Bereich arbeiten, dort, wo Menschen mit psychischen Leistungseinschränkungen beschäftigt werden, die nicht mehr in den Arbeitsmarkt eingegliedert werden können. «Das hat mir wirklich gutgetan», sagt Melanie. Es sei ein sehr angenehmer, ruhiger Ort zum Arbeiten und Aufbauen gewesen.

Tatsächlich strahlt die «alte Spinnerei» auf der Klosterhalbinsel, in der sich der Wendepunkt Wettingen befindet, eine ganz besondere Atmosphäre aus. So auch der geschützte Arbeitsbereich. Tritt man vom Korridor in jenen Bereich, öffnet sich dieser zu einem grossen Raum, mehrere Meter hoch und bis ins Dach mit Holz ausgekleidet. Durch die Fensterfront blickt man auf die Limmat. Es ist etwas, das einem beim Rundgang durch die Stiftung besonders auffällt: lichtdurchflutete, freundliche Räume. Sowohl in der Wäscherei, in der Fensterladenrenovation wie auch in der Küche und der Verpackerei arbeiten verschiedenste Menschen, die sich auf dem Weg zurück in den Arbeitsmarkt befinden. Im Eingang sticht einem ein künstlerisches Gebilde von Zahnrädern und Unterlagscheiben ins Auge: Ein Zahnrad pro Monat, eine Unterlagscheibe für jeden Klienten, der im entsprechenden Monat eine Stelle gefunden hat.

Traumberuf: Hundetrainerin

Der Wendepunkt-Betrieb Wettingen wurde 1997 ins Leben gerufen. Das Kantonale Amt für Industrie und Gewerbe (KIGA) wollte für Wettingen, wo damals eine hohe Arbeitslosenquote herrschte, ein «Beschäftigungsprogramm» durchführen. Mit 50 Arbeitslosen ist man damals gestartet. Mittlerweile werden zirka 210 Klienten von 30 Mitarbeitenden betreut. Die Stiftung handelt nach der Vision «Mit dem Wendepunkt erleben Menschen einen Wendepunkt». So werden die Klienten in den Bereichen Arbeiten, Bilden, Wohnen und Integration unterstützt. Die Stiftung bietet unter anderem integrationsorientierte Programme für Stellensuchende, Schulabgänger und Menschen aus der Sozialhilfe an. Die Angebote umfassen aber auch Zertifikatslehrgänge, Potenzialabklärungen für die Arbeitsmarktintegration, Integrations- und berufliche Massnahmen im Auftrag der IV und natürlich ein Job-Coaching.

Genau dieses Job-Coaching war es, das Melanie nun zu ihrer Traumstelle verholfen hat: Anfang April begann sie ein Praktikum beim «Qualipet» in Dättwil. Sie liebe alles, was mit «Viechern» zu tun habe, erzählt sie, denn sie sei selbst Hundebesitzerin. «Ohne meine Hündin hätte ich diese Zeit wohl nicht so gut überstanden. Nur dank ihr habe ich überhaupt noch die Wohnung verlassen.» Jetzt aber freue sie sich unheimlich auf die neue Tätigkeit. Insgeheim habe sie aber noch einen anderen Traum: «Eines der Fernziele, die ich mir gesteckt habe, ist, Assistenz-Hundetrainerin zu werden.»