Kolumne

Die 60000-Einwohner-Stadt Baden – oder etwa «Fiftyfour»?

Man muss bei der Basis, nämlich Dorfvereine, Parteien und Bürgerinnen und Bürger anknüpfen.

Man muss bei der Basis, nämlich Dorfvereine, Parteien und Bürgerinnen und Bürger anknüpfen.

Roman Huber (64) ehemals AZ-Redaktor, schreibt in seiner Kolumne über das Geschehen in der Region. Alles rund um die Fusion.

Die Regionalstadt Baden wurde vor über 50 Jahren lanciert, mit der Geburt scheint es zu dauern. Letztmals erwartete man im Mai 2010 durch die Fusion von Baden und Neuenhof eine Initialzündung. Baden lehnte mit 48 Stimmen Differenz ab. Der Gedanke und der Weitblick für eine Regionalstadt gingen nie verloren. Nun hat das gegenseitige Scharwenzeln von Turgi und Baden neuerliche Fusionsgelüste ausgelöst: die 60'000-Einwohner-Stadt. Doch wie soll diese heissen?

Diese Frage wurde in einem Leserbrief als grundlegend für den erfolgreichen Start zu einer Grossfusion bezeichnet. So falsch liegt der Verfasser – Heiner Studer, alt Vizeammann von Wettingen und alt Nationalrat – nicht. Dies war schon mal so: Vor 45 Jahren initiierten Handballspieler die Fusion der damals besten Klubs der Region, SV Lägern Wettingen und STV Baden. Ziel war eine starke Mannschaft, die es rasch in die Nationalliga A schaffen würde. Bei der ersten gemeinsamen Sitzung wurde nur um den Namen gestritten, eine zweite kam nicht mehr zustande. In den Folgejahren zogen mehrere gute Spieler aus der Region zu Zürcher NLA-Klubs, einzelne davon schafften es in die Nationalmannschaft.

Fachbereiche der Verwaltung an Komplexität zugenommen

Worum geht es? Wer sich auf Flughöhe 1000 Meter über der Region vorstellt und sich Gedanken über deren Zukunft macht, erkennt den ersten Punkt: Raumplanerisch optimale Lösungen für Wohnen, Grünflächen, Gewerbe, Industrie, für lockere, für konzentrierte Bebauung, für periphere oder zentrale Räume, Erschliessung und Verkehr gibt es nur in Form einer Gesamtsicht. Die Zeit ist überreif, dass sich die Regionsgemeinden ihrer gemeinsamen Chancen besinnen.

Zweiter Punkt: Zwei Dutzend Gemeindeverbände und Zweckvereinigungen, von der Musikschule über den Abwasserverband bis zum Gemeindeverband Krematorium, benötigen für ihr Funktionieren einen personell, administrativ und von den demokratischen Abläufen her gesehen aufwendigen Apparat. Dritter Punkt: Die Fachbereiche der Verwaltungen haben an Komplexität und an Spezialitäten so zugenommen, dass sie nur von – immer rarer werdendem – ausgewähltem Fachpersonal in gewünschter Qualität sicher bewältigt werden. In manchen Gemeinden sind wachsende Defizite spürbar. Ebenso grösser wird das Problem, mit kompetentem Milizpersonal die gesetzlich vorgeschriebenen Posten besetzen zu können.

«Es braucht eine Aufklärungskampagne»

Dagegen wird oft der Verlust des direkten Kontaktes zur Verwaltung als Gegenargument aufgeführt – und dies in einer Zeit, wo Formalitäten weitgehend übers Internet erledigt werden. Es ist auch falsch zu glauben, kleine Gemeinden würden bei einer Fusion die Identität verlieren – das Dorfleben in Badens Dättwil und Rütihof sind beste Beispiele.

Spielen die Gemeindevertreter nun wirklich mit dem Gedanken einer starken, vereinten Regionalstadt, die über den Kanton hinaus Gewicht und Bedeutung hat und eine höhere Lebensqualität bringt, dann muss zuerst die Bevölkerung für die Idee gewonnen werden. Es braucht eine Aufklärungskampagne über den Gesamtnutzen einer Fusion, bei der man die Basis, nämlich Dorfvereine, Parteien und Bürgerinnen und Bürger erreicht.

Spekulationen gingen gleich los

Falls es nicht ohne Namen im Voraus gehen sollte, würde sich in Anlehnung ans Thermalbad und postalisch abgestützt der Name «Fiftyfour» anbieten – aber bitte nur als Arbeitstitel! Und wie heisst der neue Stadtrat?

Nach dem ersten Wahlgang der Stadtratsersatzwahl gingen die Spekulationen gleich los: Wenn all jene, die Luzi Stamm gewählt haben, im zweiten Wahlgang Stefan Jaecklin (FDP) wählen, dann würde es dieser knapp vor Benjamin Steiner (Team) schaffen. Die Grossratswahlen deuten eher darauf hin, dass Baden, dem schweizerischen Städtetrend folgend, künftig von einer grün-links dominierten Exekutive geführt wird. Die Zahlen sprechen für sich: Zusammen mit der GLP kamen Grünlinks auf rund 79000 Listenstimmen, FDP, SVP und CVP (mit EVP) lediglich auf 60000. Vier Jahre zuvor (2016) waren die Bürgerlichen noch im Vorteil. Man darf gespannt sein auf den 29.November.

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