Im Altstadtquartier findet nicht nur die Stadt Baden statt, sondern eine ganze Region: Hier trifft man sich, hier wird geshoppt, gegessen, getrunken, gefeiert – oder einfach ausgeruht. Die Altstadt ist neben den Bädern der älteste Stadtteil von Baden. Einst war das Städtchen eingemauert, die Mauern reichten auf beiden Seiten der Stadt von Schloss Stein hinunter zur Limmat: «Sie boten den Bürgern Schutz», erklärt Ursula Dietrich, Stadtführerin und Vorstandsmitglied des Quartiervereins Altstadt. Und auch wenn diese Mauern schon lange weg sind: «Die Altstadt ist immer noch ein Mittelpunkt für die Bevölkerung. Hier findet Politik statt, hier hat die Verwaltung ihren Sitz, und es gibt viele historische und kulturelle Stätten.»

Ursula Dietrich hat viel zu erzählen auf unserem Spaziergang durch das Quartier. Unser gemeinsamer Weg wird uns auch an ihrem Zuhause an der Kronengasse in der unteren Altstadt vorbeiführen, wo sie seit rund 30 Jahren lebt. «In der schönsten Gasse Badens», wie Jenny Sandmeier findet, die ebenfalls im Vorstand des Quartiervereins ist. Doch bis es so weit ist, werden wir noch oft stehen bleiben, es gibt hier vieles zu bewundern und zu entdecken.

Ursula Dietrich und Jenny Sandmeier vom Quartierverein.

Ursula Dietrich und Jenny Sandmeier vom Quartierverein.

Die Mitte der Eidgenossenschaft

An der Oberen Gasse ist zum Beispiel das erste Pfarrhaus eines reformierten Pfarrers (im katholischen Baden) zu finden, das jetzt ein privates Wohnhaus ist. An diesem wie auch an vielen anderen historischen Häusern sind Schilder befestigt, die kurz erklären, welche Bedeutung die Gebäude haben. Wir spazieren in der Weiten Gasse am Bernerhaus vorbei. «300 Jahre lang war Baden der wichtigste Sitz der eidgenössischen Tagsatzung», erklärt Dietrich. Die Delegierten trafen sich im Tagsatzungssaal im Rathaus, das sich am Ende der Rathausgasse befindet. Die Berner hatten damals das Bernerhaus gekauft, um eine feste Stätte zur Übernachtung zu haben. Heute ist es die Stätte für eine Kaffeekapselkette.

Wir gehen weiter in die Rathausgasse, in der sich auf der einen Seite eine Beiz nach der anderen befindet, auf der anderen der Tabakladen, das «Teatro Palino», der Schuhmacher — so viele dem Badener bekannte Orte, die man schon fast zum Inventar zählen könnte. Nach dem Durchschreiten des Schwibbogens beim Stadthaus präsentiert sich die untere Altstadt von ihrer schönsten Seite. Vom Bänkli aus hat man einen atemberaubenden Blick über die Dächer der Häuser in der Kronengasse — und freien Blick auf viele kleine Gärten und Terrassen.

Keimzelle der Altstadt: Die katholische Stadtpfarrkirche Maria Himmelfahrt.

Keimzelle der Altstadt: Die katholische Stadtpfarrkirche Maria Himmelfahrt.

Ursula Dietrich macht auf den «Haldenschnüffel» eingangs der Oberen Halde aufmerksam. Den fertigte der Bildhauer Hans Trudel zur Abschreckung, «da hier so viele vor seine Haustüre ‹gebrünzelt› haben». In seinem Haus befindet sich heute der Trudelkeller, der früher ein Treffpunkt für die Intellektuellen Badens war. Diese Zeiten sind zwar vorbei, aber das Restaurant sei auch heute noch einen Besuch wert, findet Dietrich. Wir spazieren die Halde weiter hinab und kommen am Teddybärenmuseum vorbei, in dem unzählige antike Teddybären zu bewundern sind. Etwas weiter unten, beim Haldenrank, steht das Restaurant Rebstock.

Trudels Dämon: Der «Haldenschnüffel» vor dem Trudelhaus.

Trudels Dämon: Der «Haldenschnüffel» vor dem Trudelhaus.

Die Halde – und mit ihr die Holzbrücke zum Landvogteischloss – war früher einmal eine wichtige Durchfahrtsstrasse. Die Brücke war weit und breit die einzige über die Limmat. Heute säumen hier Restaurants und Cafés den Weg, aber auch Coiffeure für Hunde und Menschen, Galerien und kleine Lädeli mit einem nicht alltäglichen Angebot. Das gefällt Jenny Sandmeier: «Hier findet man andere Sachen als oben an der Badstrasse.»

Die Handwerkerstadt

Dann erreichen wir die Kronengasse. Die Limmat rauscht unten vorbei. Die farbigen Häuser und der gepflasterte Boden verleihen der Gasse ihren ganz eigenen Charme. «Die untere Altstadt war früher die Handwerkerstadt», erzählt Dietrich, und «noch in meiner Jugend wollte, wer aus besseren Familien kam, nichts mit den Kronengässlern zu tun haben», erinnert sie sich schmunzelnd zurück. Hier übten Färber, Gerber und Küfer ihr Handwerk aus, hier wurde gewohnt und gearbeitet, man lebte mit Hühnern, Geissen und Pferden.

Als wir das Ende der Kronengasse erreicht haben, bringt uns nach einem kurzen Spaziergang der Limmat entlang der Promenadenlift wieder an die Badstrasse. Der Lift habe einiges verändert, sagt Dietrich: «Es ist lärmiger geworden in der Kronengasse.» Oben angekommen laufen wir bis zum Theaterplatz, um wieder ins Gebiet des Quartiervereins zurückzugelangen.

Hier, wo jetzt das Restaurant Piazza steht, stand einst das Haus der Stadtschützen, dessen Zielscheiben auf der anderen Seite der Limmat am Lägernkopf standen. Im ehemaligen Schützenhaus, das 1674 neu gebaut worden war, befand sich später ein Theatersaal, der als erster in der Schweiz gilt. Bis 1908 wurde hier Theater gespielt.

Wir spazieren zum Schlossbergplatz: «Hier findet ganz viel Stadt statt, die Fasnacht, die Badenfahrt, das Lichterwecken», erklärt Ursula Dietrich. Genau wie der Theaterplatz hat auch der Schlossbergplatz grosse Veränderungen durchgemacht in den letzten Jahren und ein neues Gesicht erhalten.

Die «Badener Langstrasse»

Wo für Dietrich ganz viel Stadt auf dem Schlossbergplatz stattfindet, ist es für Peter Siegenthaler viel eher ab dem Stadtturm in Richtung Cordulaplatz. Der Ortsbürger feiert dieses Jahr mit seinem Whiskyladen «Cadenhead’s» am Eingang zur Mittleren Gasse das zehnjährige Bestehen. Er ist einer der grössten Fans der «Langstrasse Badens», wie er diesen Abschnitt nennt.

Peter Siegenthaler, seit zehn Jahren Whisky-Händler an der Mittleren Gasse.

Peter Siegenthaler, seit zehn Jahren Whisky-Händler an der Mittleren Gasse.

«Vieles hat sich inzwischen von der Badstrasse in die Weite Gasse verschoben», sagt er. «Und ich glaube, es wird sich noch mehr verschieben, vor allem auch weil es nun die Cordulapassage gibt.» Die sei sehr attraktiv geworden, findet er: «Dort setzen sich die Leute gerne hin und essen und trinken. Wenn jetzt der Sommer kommt, wird das noch mehr zunehmen.»

Die Weite und die Mittlere Gasse sind mittlerweile geprägt von Restaurants, Bars und Cafés. Hier ist eine Ausgehmeile entstanden. Nicht alle Anwohner sind glücklich darüber, wie sich dieser Teil der Altstadt entwickelt hat. Nach jedem Wochenende bleibt viel Abfall und anderes liegen, und der Lärm der ausgehfreudigen Menschen dauert tief bis in die Nacht. Seit der Eröffnung der «Walter»-Bar im letzten Jahr bevölkern noch mehr Menschen an den Wochenenden die Gassen.

«Die Mittlere Gasse ist in den letzten Jahren noch lebendiger geworden», bestätigt Siegenthaler. Doch für ihn überwiegt ganz klar das Positive. Und das zum Beispiel die von Rolf Gnädinger geführte «Go In»-Bar, ein Treffpunkt für Randständige, hier auch existieren kann, das findet er äusserst wichtig. «Da zeigt sich mir eine gewisse Toleranz der Stadt. Für viele Menschen ist diese Bar sozusagen der letzte Halt, ihr letzter sicherer Hafen.»

Er selbst lebt nicht in der Altstadt, aber ganz nah, an der Dynamostrasse. Aus seinem eigentlichen Arbeitsweg von zehn werden regelmässig 20 Minuten, «weil ich auf dem Weg so vielen Leuten begegne.» Die Leute, die hier leben und arbeiten, seien sehr speziell, «und sie erzählen mir die verrücktesten Sachen. Der Mix an verschiedenen Menschen ist grossartig», schwärmt er. Er mag den Zusammenhalt und das Nachbarschaftliche, alles sei sehr menschlich, sehr freundlich und positiv und man nehme Anteil am Schicksal des anderen. «Ich mag den Charme dieser Kleinstadt, die aufgestellt ist wie eine Grossstadt, als Zentrum einer Region mit 100 000 Einwohnern», erklärt Siegenthaler.

Quartier der Gegensätze

Das Gebiet des Altstadt-Quartiervereins geht über die mittelalterlichen Stadtmauern hinaus: Die Burghalde, an der gerade das neue Sekundarstufenzentrum gebaut wird, gehört mit ihren herrschaftlichen Villen genauso dazu wie die Vorstadt oberhalb der Mellingerstrasse. Eines der ersten Häuser in den Reben an der Burghalde war die Villa Burghalde, 1904 von den Architekten Curjel & Moser für den Ingenieur und Kaufmann Conrad Baumann erbaut.

Baumann war der Schwager von Walter Boveri und Geldgeber für die junge Brown, Boveri & Cie. Die Villa an der Burghalde beherbergt heute die Musikschule der Region Baden. Und ein weiteres Villenviertel gehört zum Gebiet des Quartiervereins: Wer sich in Richtung alte Badeanstalt am Ländliweg aufmacht, ist zwar noch immer im selben Quartier, aber doch in einer anderen Welt. Hier im letzten Haus am Ländliweg, oder wie er lieber sagt, «im ersten Haus», lebt seit über 40 Jahren Martin Wetter mit seiner Frau Margrit. Viele Veränderungen haben sie in den Jahren am Ländliweg miterlebt. Wetter erzählt, wie das Altersheim, das nun im Kehl steht, vor Jahrzehnten zuerst unten bei den Pontonieren geplant gewesen sei und wie froh er war, dass es nicht zustande gekommen ist. «Wir sind drum etwas lärmempfindlich», gibt er lachend zu.

Gleich neben dem Haus führte jahrelang die Nationalbahn vorbei: «Sie war pünktlich wie eine Uhr. Nach der Einstellung des Betriebs vermissten wir zuerst diese Zeitangabe», meint er schmunzelnd. Das Ehepaar Wetter sowie die nächsten Nachbarn gehören zu den ältesten Familien, die noch hier wohnen. Martin Wetter erzählt von alteingesessenen Familien mit in der Region bekannten Namen, von denen die meisten inzwischen gestorben sind. Eine neue Generation habe in den letzten zehn Jahren Einzug ins Villen-Quartier am Ländliweg gehalten.

Seit über 40 Jahren am Ländliweg daheim: Martin Wetter.

Seit über 40 Jahren am Ländliweg daheim: Martin Wetter.

Wieder ein Ländliweg-Fest

Und mit der neuen Generation sei auch das Ländliweg-Fest zurückgekehrt, das in den 80er-Jahren zum letzten Mal stattgefunden habe. «Es war zu aufwendig und auch etwas zu luxuriös geworden», erklärt Wetter. Seit fünf Jahren findet das Fest wieder statt – im kleinen Rahmen, aber mit grosser Wirkung: «Das Bedürfnis, seine Nachbarn besser zu kennen, ist offensichtlich wieder da. Das letzte Mal waren wir sicher 150 Personen inklusive vieler Kinder», sagt Wetter.

Der pensionierte Wetter ist schon fast ein Ur-Badener, auch wenn er sich nicht so bezeichnen würde. Einen Teil seiner Kindheit verbrachte er in einer kleinen Wohnung an der Rathausgasse, in ganz einfachen Verhältnissen. Die ersten Schuljahre besuchte er im «Alten Schulhaus» am Ländliweg, das später zum Bezirksgebäude umfunktioniert wurde und heute die Kantonspolizei beherbergt. Dort, wo heute der Eingang zum Parkhaus Ländli ist, stand damals eine kleine Turnhalle.

Grossbürgerliches Wohnen im Grünen: Die Villa Boveri.

Grossbürgerliches Wohnen im Grünen: Die Villa Boveri.

Wer dem Ländliweg entlangläuft, entdeckt auf der einen Seite schöne alte Villen und auf der anderen Bauten aus den letzten Jahrzehnten. «Hier befand sich bis 1992 die Reithalle der Villa Boveri, eine Gärtnerei und ein Auslauf für Boveris Pferde», erzählt Wetter. Walter Boveri, Mitbegründer der BBC, hat Baden geprägt wie nur wenige andere.

Seine Villa, gleich neben dem Schweizer Kindermuseum – der ehemaligen Villa des BBC-Direktors Fritz Funk – diente früher als fester Wohnsitz der Boveris. Heute ist sie der Öffentlichkeit zugänglich. Vor allem der gepflegte Park, der sie umgibt, ist zu einem friedlichen und beliebten Ort für alle Liebhaber des Lustwandelns und der Entspannung geworden.