Es ist jetzt 80 Jahre her und es scheint mir, wie wenn die Zeit im Fluge vergangen wäre. Ich war 13 Jahre alt, ein frischgebackener Bezirksschüler in der 1a, und hatte also noch ein ganzes Leben vor mir. Es war im Sommer 1937. Mit meinen jüngeren Geschwistern, zwei Brüdern und einer Schwester, sass ich auf den vollbesetzten Zuschauer-Holzbänken an der Ruperstrasse. Heute heisst sie Stadtturmstrasse. Wir sassen erwartungsvoll und schon vorbegeistert für den kommenden Umzug. Die jüngste Schwester war erst 6 Jahre alt und hatte im Moment noch mehr Angst als Freude für das, was vor unseren Augen passierte – und passieren sollte.

Das Gebäude, vor dem wir zuschauten, war das Stammhaus der Bollags in Baden. Es gibt heute keine Erinnerung an das Haus, sogar der Strassenname ist heute verändert. Eine mächtige Liegenschaft steht heute an dieser Stelle, wo früher ein recht gemütliches Reihenhaus gestanden hatte. Die Badenfahrt war ein echter Höhepunkt in meiner Jugend, es gab die Fasnacht, es gab den Böög, es gab Verschiedenes – aber eine Badenfahrt war etwas ganz Grossartiges und ist es eigentlich bis heute noch geblieben.

Ich erinnere mich noch genau an die Gedanken, die mir durch den Kopf gingen, wie wenn es heute wäre. Es war keine leichte Zeit, denn in Deutschland herrschte ein unheimliches Regime. Und meine Mutter selig stammte aus Frankfurt und war eigentlich mit ihrem Kommen in die Kleinstadt so etwas wie eine Sensation, eine Grossstädterin, die auch versuchte, Schweizerdeutsch zu sprechen, aber der man noch als sie über 90 war anmerkte, dass sie aus Frankfurt stammte, wenn sie unseren Dialekt versuchte. Ich erinnere mich sogar noch an den Spruch, der dazumal von ihr stammte, und der hiess auf frankfurterisch: «Es geht mär net in Kop hinei, wie kann en Mensch net vo Frankfort sei.»

So sonderbar war mein Gefühl für dieses grosse Land, aus dem sie stammte, in dem alle ihre Schwestern wohnten. Man wusste ganz genau, dass die Möglichkeit eines Zusammenkommens kaum vorhanden war, weil die Deutschen so einen drastischen Rassenunterschied propagierten, dass man kaum Lust hatte, wenigstens von unserer Seite, in dieses Land zu fahren.

Während ich den grossen Umzug an mir vorüberrauschen liess, dachte ich, so jung wie ich war, an die Zukunft, und die Zukunft war für mich eine verschlossene dunkle Tür. Ich erinnere mich auch noch, dass es zwar fast keinen Platz hatte für schwere Gedanken an jenem schönen Tag, aber der Druck von Deutschland, wir nannten es den grossen Kanton, das war der Übername für Deutschland, dies ist es vielleicht heute noch, der Druck war bereits da.

Ich erinnere mich an meinen Gedanken, dass dort die Umzüge einen ganz anderen Begriff vermittelten wie diese frohe, unbelastete Badenfahrt, die eigentlich so viel zeigte, wie sich ein junges Bubenherz nur so wünschte. Viele Einzelheiten, die mir geblieben sind, sind gar nicht so wichtig. Viel wichtiger war, dass ich einen Umzug im grossen Kanton schon mit all dem Waffengeklirr im Hinter- und auch im Vordergrund verglich, und mir bewusst wurde, dass da zwei Welten aufeinanderstiessen. Bei uns eine Welt, die noch in Unschuld verharrte und nahe eine andere Welt, die auf einem ganz bösen Weg war.

Ich habe an alle späteren Badenfahrten fröhliche Erinnerungen, aber nie mehr hatte ich so viele ängstliche Vorgefühle wie in diesem Jahr 1937. Es sollte leider ein mörderischer Weltkrieg dazwischen kommen.

Meine Schwester ist schon lange nicht mehr da, meine Brüder auch nicht, aber das geschah auf normalen Wegen. Leider sind alle drei Schwestern meiner Mutter in dem grossen traurigen Geschehnis (Holocaust) mit Kind und Kegel, wie man leider sagt, umgekommen. Es ist ein Kapitel für sich und es soll auch für spätere Badenfahrten nicht belastend wirken, weil Gottseidank haben wir eine Welt angetroffen, die zwar von Kriegen und Differenzen belastet ist, aber fabrikmässig werden keine Menschen mehr getötet. Wenigstens etwas. Mit der Hoffnung auf eine bessere Welt sollen die Badenfahrten immer eine Quelle der Hoffnung und Freude für alle sein.