Von der Therme zum Volksfest
Die Badenfahrt und das Geheimnis therapeutischer Lustbarkeiten

Die Faszination der Badenfahrt muss man erst verstehen lernen. Der Blick zurück in die Historie liefert einem die Erkenntnis: Seit eh und je ist es ihre heilende Wirkung. Doch über deren Nachhaltigkeit lässt sich streiten. Wir werden es auch diesmal sehen.

Roman Huber
Merken
Drucken
Teilen
Sommerzelt Stimmig: Das Sommerzelt im Kurpark war an der Badenfahrt 2007 ein Hit.
22 Bilder
Baden Baden in Festlaune: Festimpression vom Schlossbergplatz, ein Stimmungsbild aus dem Badenfahrtbuch 2007. Michel Comte
Feuerwerk an der Badenfahrt 2007 Das Feuerwerk an der Badenfahrt 2007. Heute Abend am Stadtfest werden die Raketen erstmals vom Sportplatz Aue abgefeuert.
Videoskulptur am Schartenfels, Badenfahrt 2007
Badenfahrt 2007 Floss-Restaurant Hai auf der Limmat
Badenfahrt-Umzug 2007 unter dem Motto «Welt statt Baden»: Die Stadtturm-Rakete als Sujet der IG Rolling Pub. Archiv/Wal
Badenfahrt 2007 QV Hasel-Martinsberg
Badenfahrt 2007
Hunderttausend Besucher jeden Abend –wie 2007 wird die Badenfahrt auch dieses Jahr Menschenmassen anlocken. Az-Archiv
So schön wars vor zehn Jahren: Die Badenfahrt 2007
Wasserwelten Umzug Badenfahrt 2007
Götterwelten Umzug Badenfahrt 2007
Geisha Umzug Badenfahrt 19. August 2007
Götterwelten Umzug Badenfahrt 19. August 2007 Götterwelten
Familie mit Kinderwagen Umzug Badenfahrt 19. August 2007
Freiheitsstatue Freiheitsstatue auf dem Schlossbergplatz. Badenfahrt Postkarte, 16. August 2007
Kriesis Stift Badenfahrt 2007
Konzert von Adi Stern Badenfahrt Girls am Adi Stern Konzert auf dem Schlossbergplatz
Schlossbergplatz Badenfahrt, Schlossbergplatz mit Stadtturm und Freiheitsstatue am 22. August 2007
Fassade der Beiz der Gemeinde Obersiggenthal Badenfahrt 2007
Vespas Badenfahrt 2007
Kinderwelt Badenfahrt 2007

Sommerzelt Stimmig: Das Sommerzelt im Kurpark war an der Badenfahrt 2007 ein Hit.

Zur Verfügung gestellt

Der Begriff Therapie lässt sich im Kontext zur Badenfahrt durchaus gebrauchen. Ob rheumatologisch, psychologisch wie psychiatrisch, soziologisch, präventiv oder zur Gesundung eingesetzt – die Badenfahrt ist ein Mittel der Medizin wie auch der Seelenheilkunde, der Lebensfreude wie der Gesellschaftsbildung, der Völker- wie der Generationenverbindung. Sie ist eine sanitäre Einrichtung, die seit über 2000 Jahren Heilung garantiert.

Ob zur Genesung von Ethelfrieda (siehe Text rechts «Siegawyn und Ethelfrieda»), später der römischen Legionäre, dann all derjenigen, die hierher kamen, um das heilende Wasser und die Lustbarkeiten darum herum aufzusuchen, bis in die Neuzeit der heutigen Badenfahrten – es ist diese Faszination der Wirkung eines Allheilmittels, das hundertfach erprobt schon in der Vergangenheit vermutet, behauptet oder gar bewiesen wurde und in viele Texte und Bücher einfloss.

Lange bevor der Zürcher Dichter David Hess 1817 in seinem Buch «Die Badenfahrt», deren Ursprung als fingierte Sage von «Siegawyn und Ethelfrieda oder die Entdeckung der Heilquellen von Thermopolis» niederschrieb, war Baden schon Inbegriff und Destination für eine Badenfahrt.

Aquae Helveticae, so der Name der Bädersiedlung zur Römerzeit, wurde zur beliebten Thermalheilstätte. Es entstanden weitere Badehäuser. Bald folgten Handwerker, die sich niederliessen oder Händler, die vorbeizogen und den Ruf der heilenden Quellen in Europa verbreiteten. Im Mittelalter setzte ein richtiger Bade-Tourismus ein. Doch wer meint, die vielfach gut betuchten Leute, die nebst dem armen Volk aus der Eidgenossenschaft und dem nahen Ausland anreisten, seien nur wegen der heilenden Wirkung der Quellen hierhergekommen, sieht sich rasch getäuscht.

Badenfahrt 1923
4 Bilder
Badenfahrt 1937
Badenfahrt 1977
Badenfahrt 2007

Badenfahrt 1923

Zur Verfügung gestellt

Nackte Frauen im Bad

So beschrieb unter anderen im Jahre 1416 Poggio Bracciolini, päpstlicher Sekretär, der nach dem Konzil zu Konstanz Baden bereiste, den Badebetrieb. Eigentlich hatte ihn die Gicht an der einen Hand zur Badekur bewogen. Doch im Brief an seinen Freund Niccolò Niccoli gestand er vielmehr, wie entzückend die teils nackten Frauen im Bade und all die Vergnügungen waren.

So verbreitete sich die Botschaft, dass die Bäder zu Baden nicht nur wegen ihrer Heilkraft, sondern auch wegen der Lustbarkeiten einen Aufenthalt wert sein sollen. Im prüden Zürich wurde unter zwinglianischer Glaubensherrschaft Baden zum Reiseziel erhoben und nicht nur des Thermalwassers oder der Spanischbrötli wegen. Hier erfuhren Badenfahrende – ob aus oberen Schichten, politische Gesandte während der Tagsatzungen oder beim europäischen Friedenskongress, Schriftsteller und Gelehrte –, wie es sich in gestrengen Zeiten auch noch anders leben liess.

In seinem Buch «Die Badenfahrt» beschrieb David Hess das Geheimnis dieser Institution. Reisten alle Heilsuchenden früher zu Pferd oder Kutsche nach Baden, kamen sie später mit der Eisenbahn. Es war die logische Folge – nicht Ursprung der Badenfahrten –, dass die erste Eisenbahn 1847 von Zürich nach Baden führte.

Badenfahrt wurde Institution

In der Stadt Baden selber wurde dann die Badenfahrt als Fest und Auszeit unter demselben Namen institutionalisiert. Die im Alltag verschollene Lebenslust wurde damit zurückgeholt, indem sich die Badener ihr eigenes Fest bauten. Wenn auch damals, 1923, der europäische Friedenskongress von 1714 als Hintergrund diente, so hielten sich die Festmacher der ersten Badenfahrt von 1923, die sehr aktive Gesellschaft der Biedermeier, die Katharsis als Ziel und Zweck dieses Festes vor Augen.

In kurzer Zeit stellte ein breit abgestütztes Komitee unter Paul Haberbosch aus Anlass von 90 Jahre Spanischbrötlibahn zum Thema «Im Wandel der Zeiten» die «Grosse Badenfahrt 1937» auf die Beine. 1947 waren es 100 Jahre Spanischbrötlibahn. Bahnhofvorstand Karl Schultheis wurde Präsident des Komitees; das Thema des Umzugs hiess «Tragen Schleppen Fahren». Zum Festakt erschienen General Henri Guisan und Bundesrat Enrico Celio.

Glanzzeit des «Badener Geistes»

Während 20 Jahren, bereits 1967 als Komitee-Präsident gewählt, stand Walter Bölsterli, Brödlimeister der Spanischbrödlizunft, bei vier unvergesslichen Badenfahrten an der Spitze. Er war mitverantwortlich, dass man nach 1967 in den 5-Jahres-Rhythmus überging, indem man eine «Kleine» – wenn auch kaum minder grosse – Badenfahrt dazwischen schob. Zu Bölsterlis Zeiten festigte sich auch der Begriff des Badener Geistes, getragen von unvergesslichen Badenern wie Edi Zander, Max Käufeler, Fredi Wildi und anderen, die sich aus den Reihen des Brödlirates rekrutierten.

Rund 30 Jahre lang war Marco Squarise als Festgestalter eine ebenso prägende kreative Kraft mehrerer Badenfahrten. Dieser Badener Geist, vom übrigen Aargau teils bewundert, teils belächelt, geringgeschätzt oder neidisch als Hochmut verurteilt, hat sich zwar bis heute gehalten, wird jedoch in seiner Noch-Existenz wiederholt infrage gestellt.

So oder so: Die Badenfahrt ist ein massentaugliches Allheilmittel. Zur Ventilwirkung, wie sie im Ausleben von Freuden und Gelüsten einer ganzen Region mit ihren Menschen gereicht, hat sich in den vergangenen Jahrzehnten ein weiterer Nebeneffekt dazugestellt, der je länger je dringlicher geworden ist. Die Badenfahrt bietet Gewähr dazu, dass man sich während zehn Tagen von einer lebensbedrohenden Humorlosigkeit, von Gehässigkeiten im Alltag der Social Media distanziert. Kleinbürgerliche und fremdenfeindliche Gesinnungen werden da abgestreift, menschliche und soziale Klüfte überwunden, politische und andere Gräben zugeschüttet.

Versus – Badenfahrt-Thema per se

«Versus», ein treffendes Motto, verkörpert per se die Badenfahrt. Es bedeutet Gemeinschaft versus Abgeschiedenheit, Empathie versus Narzissmus, Miteinander versus Gegeneinander, Füreinander versus Egoismus, Begegnung versus Ignoranz. Das ist der Kern einer Badenfahrt, wo Festbeizen oder Festdarbietungen von Vereinen sowie Gruppierungen und deren Menschen aus Ideen entwickelt und umgesetzt werden, zum Vergnügen von seinesgleichen und all jener, die kommen, um zu verweilen.

Die Pflege der Badenfahrt ist wichtiger denn je. Denn wir Menschen sind unterwegs, uns selber zu einer eigenartigen Spezies zu degenerieren. Eine Spezies, die, ob an der Bushaltestelle, im Zug, im Wartezimmer oder in der Arbeitspause, unterwegs zu Fuss, überall im Alltag und in jedem freien Moment den Blick stets aufs Handy gerichtet hat, das uns als imaginäres Zentrum unserer Existenz mit irrelevanten, konsumistischen Inhalten dieser Scheinwelt eindeckt und darin gefangen hält.

Der Badenfahrt wünschte man so viel Nachhaltigkeit, dass dieser Geist, der in diesen zehn Tagen eine Stadt und deren Bevölkerung befällt, alle an das Leben in der Gemeinschaft erinnert und sie vor der drohenden gesellschaftlichen Verwahrlosung rettet.