Es ist ein schöner Frühlingstag. Tanja Rosenthal sitzt in ihrem Garten unter einem alten Quittenbaum. Sie lächelt. Doch man sieht ihr schnell an: Das Lächeln ist nur Fassade. Tanja hat viel durchgemacht. Der Grund: ihr Kind.

Tanjas Sohn leidet am Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS) und unter einer verminderten Intelligenz. Als er sechs Jahre alt war, stellte ein Kinderarzt bei ihm zunächst ADHS fest. Er wurde medikamentös behandelt. «Die Ärzte verschrieben ihm zuerst Ritalin. Doch das hat nicht geholfen» sagt Tanja Rosenthal. Sie lebten mit der Diagnose ihres Kindes, doch sie bekam Zweifel.

Die Mutter wendete sich an verschiedene Institutionen. Doch diese taten nichts. «Sie sagten mir, ich sei das Problem, ich solle das Kind nicht kränker machen, als es sei. Ich redete gegen Wände», erzählt Rosenthal. Keiner wollte ihr glauben. Ihr damals 14-jähriger Sohn merkte, dass er anders war als die andern und nicht akzeptiert wurde. Daraufhin liess sie ihn auf eigene Faust von einer Jugendpsychiaterin, die spezialisiert ist auf ADHS-Patienten, untersuchen. «Sie stellte neben ADHS auch eine verminderte Intelligenz, also kognitive Einschränkungen, sowie Emotionsstörungen fest», sagt Rosenthal. Er geriet immer mehr in eine Abwärtsspirale, flüchtete in die Sucht.

Die Familie stand auf dem Prüfstand. Ihr Mann und ihr jüngerer Sohn mussten sehr zurückstecken. Da Tanja merkte, dass es so nicht weitergehen kann, beantragte sie einen Beistand für ihren Sohn bei der Amtsvormundschaft KESD Baden. «Da fühlte ich mich das erste Mal seit langem wieder ernst genommen. Der Beistand meines Sohnes nahm mir viel ab.» Die zuständige Person betreue ihren nun 20-jährigen Sohn nach wie vor. Sie könne die Vorurteile der Gesellschaft gegenüber dieser Entscheidung nicht verstehen: «Es ist kein Aufgeben, sondern eine Chance. Es macht mehr Eindruck bei Behörden und Institutionen, wenn ein Beistand sich einbringt und nicht nur ich als Privatperson.»

Erfahrungen teilen hilft

Rosenthal kennt die Belastung, die ein spezielles Kind mit sich bringt. Sie selbst kam sich oft alleingelassen vor, darum fasste sie einen Entschluss: «Ich wollte Eltern und Kindern helfen, welche das Gleiche durchmachen müssen.» So kam sie zum Verein Hilfe zur Selbsthilfe. Der Verein ist für selbstbetroffene Familien mit Kindern mit einer körperlichen oder geistigen Beeinträchtigung. Er sei vor allem ein Ort des Austausches. Die Eltern sprechen über ihre Erfahrungen und helfen sich gegeneinander. «Es werden auch unangenehme Themen wie der Tod angeschnitten oder kritische Meinungen zu Entscheiden geäussert. Viele schätzen dies allerdings, da man selbst die Lage nicht mehr objektiv betrachtet», so Rosenthal.

Doch der Verein sei nicht nur für die Eltern. «Die Kinder können hier so sein, wie sie sind», sagt Rosenthal lächelnd und fügt an: «An unseren Anlässen sieht man, wie die Kinder aus sich raus kommen. Die Kinder sehen die Behinderung der anderen nicht. Es ist ihnen egal. Sie gehen offen aufeinander zu und spielen gemeinsam.» Es sei eine Art Raum ohne gesellschaftlichen Druck. Es gebe keine Vorurteile gegenüber Verhaltensweisen oder Ähnlichem.

Der Verein befindet sich noch im Aufbau. Ziel sei es, auf nationaler Ebene tätig zu sein. Man sei schon gut vernetzt, so arbeite man zum Beispiel mit dem Verein Soraya zusammen, welcher Eltern betreut, deren Kinder gestorben sind oder sterben werden. «Hilfe zur Selbsthilfe» führt jetzt einen ersten Benefizanlass durch: ein Konzert mit Kinderliederschreiber und Sänger Bruno Hächler am Samstag in Lengnau. Der Erlös gehe vollumfänglich an den Verein, so Rosenthal. «Wir sind auf Spenden angewiesen – seien es Geld- oder Sachspenden wie zum Beispiel Spielzeug. Die Kinder freuen sich über kleine Dinge.»

Das Benefizkonzert mit Bruno Hächler findet am Samstag in der Schulanlage Rietwiese in Lengnau statt, Beginn 15 Uhr.