Baden
«Die besten Waffen eines Türstehers: Gehirn und Verstand»

Türsteher brauchen Ausdauer und Nerven – die az war bei einem Securityeinsatz dabei und hat erlebt, was es heisst, hart durchzugreifen und für Ordnung zu sorgen.

Yvonne Lichtsteiner
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Badens Türsteher arbeiten, während andere feiern
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Türsteher Xhavit ist seit 7 Jahren als Türsteher tätig
900 bis 1000 Gäste sind an Hit Mix Party erwartet worden - ein Grosseinsatz für die Türsteher
Viele Türsteher sind Kick- oder Thaiboxer - anwenden würden sie dies in ihrem Beruf aber nie
Türsteher Raffi hat vieles gesehen und erlebt, dass ihn schockiert hat und traurig macht
Die Türsteher kennen alle Tricks der partyfreudigen Gäste, in einem Club Einlass zu bekommen

Badens Türsteher arbeiten, während andere feiern

Yvonne Lichtsteiner

«Hat jemand noch Tickets für das Konzert?», fragt mich eine junge Frau und deutet auf das Nordportal in Baden. Ich verneine und sehe hinter ihr einen grossen Mann, ganz in Schwarz gekleidet. «Guten Abend, ich bin der Tony König», stellt er sich vor und begrüsst mich mit kräftigem Händedruck. Er und seine Firma, die Swiss Security Agency (SSA), sind für den heutigen Konzertabend im Nordportal für die Sicherheit zuständig.

Das Lokal füllt sich allmählich. «900 bis 1000 partyfreudige Gäste werden heute erwartet», sagt König. Normalerweise gelte die Regel: 1 Mann auf 100 Personen. «Bei Konzerten braucht es aber weniger Sicherheitsleute als bei Hip-Hop-Partys», erklärt er. Für grössere Anlässe werde zusätzlich immer ein Krankenwagen aufgeboten.

Nichts für schwache Nerven

Eine Stunde vergeht, schon rumpelt es hinter der Absperrung beim Eingang und zwei Türsteher begleiten, halb schleppend, halb gehend einen Partygast, der kaum mehr ansprechbar ist, nach draussen. Eben erst abgesetzt, erbricht er seinen gesamten Mageninhalt, den er am Abend bereits an Alkohol konsumiert hat. «Behaltet diesen Mann im Auge», ermahnt Einsatzleiterin Assunta De Pascalis die Türsteher. «Er könnte an seinem Erbrochenen ersticken.»

Kaum fertig mit dem betrunkenen Gast, steht bereits ein neues Problem an: Xhavit, der 27-jährige, gross gewachsene Türsteher, bittet einen Gast, sich zu entfernen, da er andere Gäste belästigt. «Ich mache ja gar nichts», behauptet der Mann. De Pascalis schreitet ein: «Ich gebe dir jetzt genau fünf Minuten, wenn du dann noch hier stehst, gibt es richtig Probleme.»

Pöbeln, Provozieren und Pinkeln

Auch nach fünf Minuten steht der junge Mann noch an der gleichen Stelle wie vorher. «Du bist einfach nur widerlich», ruft De Pascalis, als der alkoholisierte Mann provokativ vor den Türstehern uriniert und lacht. Für die Einsatzleiterin ist das Fass voll. «Das reicht», sagt sie, nimmt ihr Telefon heraus und tippt die Nummer der Polizei ein. Das hat gesessen – der Mann verzieht sich. «Alkohol ist der Feind Nummer 1 jedes Türstehers», sagt König. Die Hemmschwelle sei in den letzten Jahren gesunken, die Gäste würden immer aggressiver und aufdringlicher.

Wie geht man damit um? «Morddrohungen gehören zu diesem Beruf dazu», sagt König. Er selber arbeitet nicht mehr an der Front. Ein Grund, diesen Beruf an den Nagel zu hängen, sei für ihn, wenn seine Familie bedroht würde. «Ich habe mich bereits in ziemlich gefährlichen Situationen befunden», erinnert er sich. Vor ein paar Jahren, bei einem Einsatz in Deutschland, sei eine Gruppe Rechtsradikaler auf sie zugekommen. «Sie hatten Schusswaffen dabei und haben auf uns geschossen», glücklicherweise sei niemand getötet worden. König betont aber: «Die besten Waffen eines Türstehers sind Gehirn und Verstand.»

«Es ist traurig, was ich so sehe»

Türsteher zu sein, ist ein Knochenjob, das bestätigt auch Türsteher Raffi. «Ich habe extrem viel gesehen und erlebt», sagt er. Das Schlimmste, was ihm in Erinnerung geblieben ist, sei der Einsatz am Open Air Frauenfeld. «Da haben sich junge Frauen verkauft für ein Ticket, ein Getränk, einen Joint. Als Vater war ich schockiert und traurig.» Etwas dagegen sagen könne man nicht, denn als Türsteher sei man immer der Böse, sagt König. Sie hätten permanent mit Vorurteilen zu kämpfen. «Aber wir sind ja schliesslich auch nur Menschen – und Möchtegern-Rambos haben bei uns nichts zu suchen», betont er. König erinnert sich gerne zurück, als er mit dem Beruf als Türsteher angefangen hat. «Meine Motivation war – wie wahrscheinlich für viele – der Film ‹Bodyguard›», sagt er lachend.

Vom Kiffen und Diskutieren

Es kracht, ein Mann schreit und Tony König wird aus der Nostalgie gerissen. Raffi und Xhavit manövrieren einen Gast nach draussen, De Pascalis ist zur Stelle. «Ich habe doch gar nichts gemacht», schreit der Mann, er fühlt sich angegriffen. Die Einsatzleiterin versucht, ihn zu beruhigen: «Ich habe dich nach draussen geholt, damit wir reden können.» Sie hat den Mann beim Kiffen erwischt. Er streitet alles ab. «Lüg mich nicht an, du stinkst aus dem Mund», De Pascalis nimmt, zum wiederholten Mal, einen härteren Tonfall an. Dann gibt er klein bei, lässt ab und bewegt sich wieder in Richtung Club.

Die Uhr zeigt 4 Uhr, die Party ist vorbei. Meine Gelenke sind vom Stehen und der Kälte eingefroren und eingerostet. Eines ist mir klar: Tauschen möchte ich nicht mit den Türstehern. Ich bin froh, müde und erschöpft in mein Bett fallen zu können.

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