Was hat der erste Brief in Ihnen ausgelöst?

Manuela T.: Als ich das Kuvert sah, dachte ich: «Oh, wer schreibt uns da? Diese Schrift kenne ich gar nicht», und habe mich gefreut. Dann las ich Wörter wie Nutte, Dirne, Schlampe oder Dreilochstute und was er mit mir alles anstellen möchte. Ich musste weinen, begann zu zittern und rief meine Schwester an, weil mein Mann arbeitete. Ich konnte vor Schock kaum sprechen. Sie riet mir, umgehend die Polizei anzurufen, doch ich fühlte mich nicht in der Lage dazu. Mein Kopf war voller Gedanken, und ich habe mich geschämt.

Weshalb?

Manuela T.: Das kann ich nicht so genau sagen. Das fühlt man einfach. (überlegt lange) Es war ekelhaft, was er geschrieben hat. Und wenn man mit seinem Aussehen bei jemandem so etwas auslöst, dann ist das grauenhaft und beschämend zugleich.

Haben Sie sich schuldig gefühlt?

Manuela T.: Irgendwie schon, ja. Man fühlt sich minderwertig.

Haben Sie den ganzen Brief gelesen?

Manuela T.: Ja, beide Seiten, sogar mehr als einmal. Ich konnte es einfach nicht glauben, was da geschrieben stand.

Peter T.: Ich hätte mir nie vorstellen können, dass jemand so etwas schreiben kann. Unglaublich.

Manuela T.: Es wollte mir nicht mehr aus dem Kopf gehen. Das geht einem ans Lebendige. Meine Schwester hat die Sache noch am selben Tag bei der Polizei gemeldet. Dort wusste man bereits von solchen Briefen. So habe ich erfahren, dass ich nicht das einzige Opfer war. Das hat mir geholfen, mich ein wenig zu beruhigen.

Verfolgen Sie die Briefe im Alltag?

Manuela T.: Ja, es kommt immer wieder hoch. Die Post schauen wir nun jeden Tag mit gemischten Gefühlen durch. Wenn wieder ein Brief dabei ist, sind die Worte des ersten sofort zurück. Zudem verdächtigt man auf der Strasse oder beim Einkaufen allerlei Männer, die einem unsympathisch erscheinen, und fühlt sich andererseits ständig beobachtet.

Wie viele Briefe haben Sie bisher erhalten?

Manuela T.: Sieben. Angeschaut habe ich nur den ersten, den ich Mitte August bekommen habe. Wobei, das war ja eigentlich der zweite.
Peter T.: Den ersten habe ich geöffnet, weil der Brief an uns beide adressiert war. Ich war über die Worte und die aus Heften ausgeschnittenen pornografischen Bilder schockiert und habe schliesslich alles in den Abfall geworfen. Meiner Frau habe ich nichts davon erzählt, um sie zu schützen. Sie war damals gerade wegen einer Operation im Spital. Es hätte sie deshalb wohl noch mehr aus der Bahn geworfen. Das wollte ich ihr ersparen.

Sie haben auf dem Polizeiposten Anzeige erstattet wegen sexueller Belästigung und Bedrohung. Fühlten Sie sich ernst genommen?
Manuela T.: Ja, bestimmt. Man hat mich auch immer wieder zu beruhigen versucht und gesagt, ich solle die Briefe nicht persönlich nehmen. Die Polizei geht nicht davon aus, dass der Mann gefährlich ist. Ich bin erleichtert, dass sie mit dem Fall nun an die Öffentlichkeit gegangen ist und ein Schriftmuster publiziert hat. Endlich.

Hat Ihnen die Polizei psychologische Betreuung angeboten?
Manuela T.: Nein.

Ist Ihnen an den Briefen etwas Besonderes aufgefallen?

Peter T.: Sie waren fast immer am Dienstag im Briefkasten und trugen den Poststempel aus Härkingen oder Brugg. Immer mit der gleichen Briefmarke, der selbstklebenden 1-Franken-Marke mit der Kohlmeise drauf. Alle waren an uns beide adressiert, die Angaben entsprechen exakt unserem Telefonbucheintrag.

Manuela T.: Den letzten haben wir ausgerechnet an dem Tag erhalten, als wir von der Beerdigung meiner Schwiegermutter nach Hause kamen. Auch eine Woche zuvor, als wir von ihrem Sterbebett heimkehrten, lag ein solcher Brief in der Post.

Peter T.: Wir kennen die Handschrift mittlerweile und bringen die Ku-verts ungeöffnet zur Polizei. Besonders seltsam ist, wie er die Adresse schreibt. Vor der Hausnummer steht immer «No.». Das macht sonst niemand.

Wie beurteilen Sie den Schreibstil?
Peter T.: Die Sätze wirken wie aus Porno-Heften zusammengestückelt. Sie sind schmutzig und billig. Er hat detailliert beschrieben, was er mit meiner Frau angeblich alles gemacht hat und tun will.

Dachten Sie nie daran, auch die anderen Briefe zu öffnen?

Manuela T.: Doch, aber nur, um sicherzugehen, dass er mir nicht noch mit Schlimmerem droht. Im Moment sind es nur Briefe, aber wer weiss, ob er nicht doch einmal jemandem etwas antut. Ich hoffe, dass sich der Briefeschreiber nach der Polizeimitteilung in den Medien nicht provoziert fühlt. (rot)

* Namen geändert und der Redaktion bekannt