Badenfahrt

Die «cloc-o-toc»-Bühne ist eine Legende

Die Roaring Sixties mit Luzi Stamm, Tony Lewis und Marco Montanari (von links) mit Stones- und Beatles-Repertoire 1991 auf der «cloc-o-toc»-Bühne.

Die Roaring Sixties mit Luzi Stamm, Tony Lewis und Marco Montanari (von links) mit Stones- und Beatles-Repertoire 1991 auf der «cloc-o-toc»-Bühne.

Von 1982 bis 1997 hat Tiziana Zeller als Künstlerin mehrere Badenfahrten geprägt. Dann verschwand ihr «cloc-o-toc»-Spuk von der Bildfläche.

Drei Badenfahrt-Institutionen gibt es seit 20 Jahren nicht mehr: die Wettermacher, die Elektrischen und «cloc-o-toc». Letztmals zauberte Tiziana Zeller am Milleniumsfest im Auftrag der Stadt Baden zum Jahrtausendwechsel einen magischen «cloc-o-toc»-Spuk in die Tunnelgarage.

Doch erst der Reihe nach. Es war 1981, als das Musical der Limania-Abschlussfeier ein Badenfahrt-Projekt werden sollte. Beteiligt war Matthias Zeller, Bruder von Tiziana, der das seiner Schwester nicht zweimal zu sagen brauchte. Schliesslich erhielt Tiziana Zeller vom Badenfahrt-Komitee den Falken zugesprochen. Sie investierte das gesamte Geld, das sie für ihr Mimenstudium in Paris erspart hatte.

Geburt der Roaring Sixties

Ein junges Team verwandelte den Falken in ein Schloss. Zeller erinnert sich heute noch: «Als Komitee-Präsident Walter Bölsterli das weiss bemalte Innere sah, meinte er, dass da kaum ein Mensch seinen Fuss hier hinein setzen würde. Das Falkenschloss wurde 1982 zum Kult-Ort der Badenfahrt der Illusionen: Bei den 31 Darbietungen mit über 100 Künstlern, inklusive dem Tanztheater von Tiziana Zeller selber, war der Falken gerammelt voll. Es war auch die Geburtsstunde der Roaring Sixties mit Luzi Stamm, Mark und Jürg Baur, Marco Montanari und Jürg Ehrismann. Aufgrund des Riesenerfolgs bezahlte das Komitee die Unkosten zurück, sodass Tiziana Zeller ihre künstlerische Ausbildung in Paris machen konnte.

Der Begriff «cloc-o-toc» wurde ein Jahr später geboren, als Tiziana Zeller im Kornhaus eine Produktion realisierte. Dass «cloc-o-toc» nicht die italienische Bezeichnung von Ping-Pong, sondern ein Fantasiename war, habe sie erst später erfahren, erzählt Zeller. Fortan hinterliess Zeller, die seit vielen Jahren ihre Künstleragentur City-Art betreibt, ihre Spuren mit «cloc-o-toc». Es wurde der Inbegriff für künstlerische Vielfalt, Ideenreichtum, futuristische Tanzdarbietungen inszeniert mit überraschenden technischen Raffinessen von Matthias, getragen von innovativer Dramaturgie – alles mit künstlerischen Hobby-Darstellerinnen und Darstellern.

Am Bäderfest 1985 beim Tränebrünneli waren es 51 Darbietungen mit gut 200 Künstlerinnen und Künstler, Zellers Theater-Inszenierung «Software», und den Roaring Sixties. An der Badenfahrt 1987 wechselte «cloc-o-toc» ins Stohlergut (diese Badenfahrt «Schrottbodenalp») mit dem selber inszenierten Mimentheater «Raison». Am Regionalfest «Swiss made» (1991) kehrte «cloc-o-toc» zum Tränebrünneli zurück. Herausragendes Bühnenereignis war die Licht-Spiel-Theater-Inszenierung «Moonmood» und die «Magic hour» um Mitternacht, alles unter Regie und choreografiert von Tiziana Zeller.

Höhepunkt um Höhepunkt

Höhepunkte der «cloc-o-toc»-Bühne an der Badenfahrt 1997 im Circuszelt von Valentino im Kurpark war die englische Sixtiesband «The Marmalades» sowie die Inszenierung mit Badener Persönlichkeiten, so Casino-Direktor Roberto Scheuer auf dem fliegenden Teppich.

Tiziana Zeller kommt immer mehr ins Schwärmen, wenn sie von damals erzählt: «Wenn der Vollmond über der Bühne hing, die Limmat silbrig schimmerte, wir im Gebüsch um Mitternacht auf unseren Spuk-Auftritt warteten (1991), oder wenn es zu regnen anfing, wir Plastikfolien verteilten und die Leute darunter drei Stunden ausharrten». Sie habe auch die Magie gespürt, wie sie von der «cloc-o-toc»-Bühne ausgegangen sei. Unbeschreiblich seien die Momente gewesen, wenn man im Team das Ziel nach schlaflosen Nächten, fast bis zur Erschöpfung arbeitend, erreicht habe. Es sei die Motivation aller Beteiligten gewesen, etwas ausserhalb der künstlerischen Norm auszuprobieren. Und viele werden sich erinnern, wie oft auch ihre Hunde im Programm eingebaut wurden.

2007 beim Komitee abgeblitzt

«Wir haben auch für die Badenfahrt 2007 ein Programm eingegeben», sagt Zeller. Gross war die Enttäuschung, als es nicht berücksichtigt wurde. Doch auf das Erreichte sei sie stolz. Vieles sei jeweils aus Zufall entstanden. «Wir waren damals der Zeit voraus: «Es gab einen argentinischen Tangoabend vor 25 Jahren, Karl’s Kühne Gassenshow war auf unserer Bühne, als sie noch unbekannt war, orientalischer Tanz, als noch niemand davon hingerissen war», zählt Zeller einige Kostproben auf. Wenn sie die Videos der Theaterproduktionen angucke, sei sie erstaunt, wie modern diese noch heute seien.

Jahrzehnte lang arbeitete und lebte die in Baden wohnhafte Tiziana Zeller für und von der Kultur. Ihre Krimi-Events oder ihre mittelalterlichen Ess-Spektakel sind schweizweit bekannt. Heute habe sie noch andere berufliche Standbeine, um über die Runden zu kommen, erzählt die 61-jährige.

Sie würde kaum etwas anders machen, wenn sie das Rad zurückdrehen könnte, sagt Zeller, zufrieden und mit Genugtuung. Und wer weiss, meint sie schelmisch: «Vielleicht gibt es im Jahr 2022 eine ‹cloc-o-toc›-Nostalgiebühne.» Gut möglich, verrät sie, denn beinahe hätte sie bereits dieses Jahr die Roaring Sixties zu einem Revival gebracht.

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