Einbrüche
«Die Dunkelheit vertrage ich nicht mehr»

Einbrüche hinterlassen Spuren: Gabriela Fuchs konnte während Wochen nicht mehr schlafen und Gebhard Ruegg hat nachts seinen Knüppel stets griffbereit.

Maja Sommerhalder
Merken
Drucken
Teilen

Schweiz am Sonntag

«Geld oder Schmuck - man kann damit leben, wenn diese Sachen wegkommen», sagt Gabriela Fuchs und betont: «Viel schlimmer ist, dass mich die Einbrecher beim Schlafen beobachtet haben.» Sie sitzt mit ihrem Mann Hans auf dem antiken Sofa ihres Wohnzimmers. Die Künstlerin und der Kinderarzt wohnen in einem friedlichen Wettinger Wohnquartier. Kinder spielen draussen, die Gärten der Einfamilienhäuser sind gepflegt - hier scheint die Welt in Ordnung zu sein.

Vor zehn Monaten haben Einbrecher jedoch diesen Frieden gestört. Mitten in der Nacht schlichen sie sich in das Haus, während alles schlief. Hans Fuchs übernachtete im oberen Stock; seine Frau Gabriela im Parterre, weil sie wegen einer Rückenoperation nicht Treppensteigen konnte. Doch die Anwesenheit der schlafenden Gabriela Fuchs störte die Einbrecher offenbar nicht. Sie durchstöberten im Parterre Schränke und nahmen Geld, Schmuck und eine Parfümflasche mit. Sogar ein Handy klauten sie, das neben Gabriela Fuchs' Kopf lag. Zweimal ging sie in dieser Nacht auf die Toilette: «Ich roch ein fremdes Parfüm. Allerdings war ich zu müde, um zu reagieren.»

Am nächsten Morgen war es schon zu spät, die Verbrecher waren über alle Berge. Das Ehepaar liess die Polizei kommen, füllte die Versicherungsformulare aus und beseitigte das Chaos. «Das war zwar mühsam, aber nicht das eigentliche Problem», erzählt Gabriela Fuchs.

Die Probleme fingen erst an, als sie ins Bett wollte. Eineinhalb Monate konnte sie nicht mehr richtig schlafen. Zu stark war die Angst, dass ihr Fremde dabei zuschauen könnten: «Man hat keine Kontrolle mehr und ist wehrlos.» Auch fühlte sie sich in ihrer Intimsphäre verletzt: «Noch heute ziehe ich deshalb nur noch Pyjamas an, die heikle Körperteile verdecken.»

So wie Gabriela Fuchs ergeht es vielen Einbruchsopfern, weiss Roland Pfister, Mediensprecher der Kantonspolizei Aargau. Im letzten Jahr gab es im Aargau 2115 Einbrüche, ein grosser Teil davon in der dunklen Jahreszeit. Nur etwa 20 Prozent der Einbrecher werden erwischt. «Natürlich kann so ein Ereignis traumatisieren», so Pfister. Viele Opfer hätten ein ungutes Gefühl und fühlten sich nicht mehr sicher in ihren eigenen vier Wänden: «Die Angst ist da, dass die Einbrecher wieder kommen könnten.»

Dies bestätigt auch Roman Frey von der Schweizer Opferhilfeorganisation Weisser Ring: «Etwa 70 Prozent der Einbruchsopfer haben danach seelische Probleme. Die Folgen können Ängste, Schlafstörungen oder Nervosität sein.» Manchmal sei auch professionelle Hilfe nötig. «Einige Opfer ziehen sogar weg, weil sich das Sicherheitsgefühl einfach nicht mehr einstellen will», sagt er und betont: «Natürlich trifft es jede Person anders, und die Zeit heilt Wunden. Bei den meisten bleibt aber ein Leben lang etwas zurück.»

Das ist auch bei den Wettinger Einbruchsopfern Gabriela und Hans Fuchs so, obwohl die Normalität mittlerweile wieder eingekehrt ist: «Ich kann zwar ruhig schlafen, aber die absolute Dunkelheit vertrage ich nicht mehr. Ich brauche immer eine Lichtquelle», erzählt Gabriela Fuchs. Auch kontrolliert sie, bevor sie ins Bett geht, stets, ob auch wirklich alle Fenster und Türen zu sind: «Dabei bin ich überhaupt kein ängstlicher Mensch.» Ihr Mann Hans hatte zwar nach dem Einbruch keine Schlafprobleme, misstrauischer ist aber auch er geworden. «Wir haben unsere Sicherheit massiv aufgerüstet. Plötzlich beschäftigt man sich mit Alarmanlagen, Fenstergittern und Lichtmeldern», sagt er und seine Frau findet: «Man rechnet immer damit, dass wieder etwas passieren könnte.»

Damit rechnen auch Renate und Gebhard Ruegg aus Untersiggenthal: «Man muss doch nur die Zeitung aufschlagen.» Bei ihnen wurde schon dreimal eingebrochen, während sie weg waren.

Beim letzten Mal vor etwa zwei Jahren stiegen die Einbrecher am helllichten Tag durch ein winziges Kellerfenster: «Das müssen Kinder gewesen sein. Ein Erwachsener passt dort unmöglich durch», meint Gebhard Ruegg, und seine Ehefrau sagt: «Wenigstens waren die Einbrecher ordentlich und haben nur etwas Schmuck mitgenommen. Wir haben auch schon erlebt, dass sie eine Sauerei hinterlassen haben.» Die Unordnung nach einem Einbruch sei ärgerlich: «Dann weiss man gar nicht mehr, was wegkommen ist. Manchmal merkt man erst nach einem halben Jahr, dass etwas fehlt.»

Obwohl die beiden nach dem Einbruch nicht unter psychischen Problemen litten, wurde ihre heile Welt doch durcheinandergebracht. «Man wird schon vorsichtiger. Vor allem in der ersten Zeit nach dem Einbruch ist es komisch. Wenn man nach Hause kommt, befürchtet man immer, dass etwas nicht in Ordnung sein könnte.»

Seither hat das Ehepaar ebenfalls in die Sicherheit ihres kleinen Häuschen investiert. Zusätzliche Türen wurden angebracht, und das kleine Kellerfenster ist mittlerweile vergittert. Zudem sind nachts das Handy und ein Knüppel stets griffbereit. Renate Ruegg hat eine Sirene neben ihrem Bett: «Da müsste ich nur draufdrücken, wenn etwas passiert. Im Schlaf von Einbrechern überrascht zu werden, wäre schlimm.»