Sie hatten einen schwierigen Start und mussten um Anerkennung kämpfen – Sissi Jäggi und Ursula Peterhans waren die ersten Frauen, die 1998 in den Gemeinderat Fislisbach gewählt wurden. Nach 16 Jahren endet ihre Karriere – danach werden im Gremium «nur» noch Männer sein.

Frau Jäggi und Frau Peterhans, Sie sind nicht nur Nachbarinnen. 1998 wurden Sie gemeinsam in den Gemeinderat gewählt. Jetzt verlassen Sie die Exekutive gemeinsam – haben Sie sich abgesprochen?

Ursula Peterhans: Nein, das haben wir nicht (lacht). Ich wollte bereits nach zwölf Jahren aufhören. Als mein Mann starb, entschloss ich mich dazu, weiterzumachen. Angefragt wurde ich 1994, damals war ich in der Schulpflege. Aus familiären Gründen habe ich erst vier Jahre später kandiert.
Sissi Jäggi: Ich habe von vorherein immer gesagt, dass ich aufhöre, sobald ich Grossmutter werde. Und das bin ich jetzt seit zwei Jahren (lacht). Gemeinderätin zu werden, war bereits mein Traum, als ich das KV auf der Gemeinde gemacht habe.

Dieser Traum ging in Erfüllung.

Jäggi: Nach gründlicher Überlegung allerdings. Ich war damals schon in der FDP-Ortspartei. 1997 haben wir innerhalb der Partei Kandidaten gesucht, aber keine gefunden. Als ich angefragt wurde, sagte ich zuerst nein – ich hatte drei schulpflichtige Kinder.

Liessen Sie sich überreden?

Jäggi: Mein Mann ist Präsident der FDP. Er sagte, er würde mich unterstützen und auf die Kinder aufpassen. Ich konnte meinen Traum guten Gewissens in Erfüllung gehen lassen.

Ihr Start, ein Albtraum? Sie und Frau Peterhans sind die ersten Frauen im Gemeinderat Fislisbach.

Peterhans: Kein Albtraum, aber der Start war happig. Von vier neu Gewählten wurde uns Frauen am Anfang viel mehr auf die Finger geschaut. Wir durften uns keine Fehler erlauben und mussten uns beweisen. Da wir Männer-Ressorts führen, wurden wir vor allem an Gemeindeversammlungen sehr kritisch begutachtet.
Jäggi: Die ersten vier Jahre waren sehr schwierig. Plötzlich stand ich vor 70 Feuerwehrleuten und musste zum ersten Mal in meinem Leben eine Beförderung durchführen. Kurz danach folgte meine erste Abwasserverbandssitzung, und das als Präsidentin mit Null-Ahnung. Heute bereuen es alle, dass wir gehen.

Ab dem 1. Januar gibt es keine Frauen mehr im Gemeinderat.

Peterhans/Jäggi: Das bedauern wir sehr. Wir sind davon überzeugt, dass es viele kompetente Frauen in Fislisbach gibt, die ein solches Amt übernehmen könnten. Es ist immer gut, auch Frauenstimmen in einem Gremium zu haben.

Frauenstimmen – welchen Einfluss können sie haben?

Peterhans: Wir Frauen sehen die Dinge aus einer anderen Perspektive als Männer oder haben zu etwas eine andere Meinung. Ob es dann die Richtige ist, sei dahin gestellt. Es ist immer gut, wenn man sich über verschiedene Aspekte Gedanken machen kann.
Jäggi: Gerade die Tatsache, dass wir Frauen anders denken, wurde mit der Zeit von unseren männlichen Kollegen geschätzt. Wie gesagt, die ersten vier Jahre waren aber anspruchsvoll (lacht).

Vier Jahre sind eine lange Zeit, gab es auch Momente, in denen Sie an Ihre Grenzen gestossen sind?

Peterhans: Ja, solche Momente gab es. Trotzdem ist es wichtig, eine klare Linie zu haben, auch wenn das sehr unbequem sein kann. In solchen Momenten habe ich versucht, die Dinge sachbezogen zu sehen und nicht persönlich zu nehmen.

Ist Ihnen das immer gelungen?

Peterhans: Nein, wenn es einen selber trifft, ist es immer anders. Ich habe den Rank aber immer wieder gefunden. Es war eine sehr bereichernde Zeit, das Schöne überwiegt letztlich.

Nebst der Bereicherung, was konnten Sie in den 16 Jahren erreichen?

Peterhans: Die Akzeptanz von Frauen in einem Gremium, die Zusammenarbeit mit einer Partnergemeinde und das Kulturzentrum in Fislisbach. Die grösste Herausforderung war die Forstwirtschaft. Mit 145 Hektaren Wald kann man keinen Förster mehr anstellen. Heute haben wir einen Leistungsauftrag.

Die finanzielle Situation in Fislisbach war bei Ihrem Antritt sicher auch eine Herausforderung.

Jäggi:Damals hatten wir aufgrund des Schulhausbaus Leematten noch Schulden. Diese konnten wir aber laufend abbauen. Der Gemeinderat hat immer dasselbe Ziel verfolgt: Nichts anstehen lassen und finanziell auf null kommen und bleiben. Das haben wir auch geschafft.

Die Kasse ist heute in Ordnung.

Jäggi: Ja, aber wir müssen uns wieder verschulden. 2014 werden die Schulden vermutlich kurzfristig auf rund zwei Millionen Franken ansteigen, da Investitionen im Bereich Bildung und Strassenbau geplant sind. Wie teuer der Schulhausanbau zu stehen kommt, wissen wir aber noch nicht, die Projektierung ist erst angelaufen.

Finanzen sind Ihre Königsdisziplin, bei welchem Projekt waren Sie richtig herausgefordert?

Jäggi: Beim Abwasserverband Rehmatte; ein Verband ist losgelöst von der Gemeinde. Ich habe damals sehr viel Zeit in die Satzungsänderungen investiert – im Jahr 2000 wurde die für neun Millionen Franken umgebaute Kläranlage dann eingeweiht. Ähnlich wie beim Forstwesen haben wir heute eine Leistungsvereinbarung mit einem anderen Abwasserverband.

Der Zusammenschluss von elf Gemeinden zur Zivilschutzorganisation Reusstal-Rohrdorferberg stand auch unter Ihrem Stern.

Jäggi: Zuerst gehörten zwei, dann fünf und heute elf Gemeinden dazu. Es gab immer wieder Höhepunkte. Der Abwasser- und Zivilschutzverband sind sozusagen meine Kinder.

Jetzt müssen Sie beide diese Kinder weggeben, das tut sicherlich weh.

Jäggi: Sehr sogar; als ich an der Gmeind verabschiedet wurde und an der Schlussübung beim Abschiedswort 70 Feuerwehrmänner klatschten, sind mir die Tränen gekommen. Ich liebe meinen Job und ich war immer mit Herzblut dabei.
Peterhans: Wir hören ja nicht auf, weil wir die Nase voll haben. Meine Zeit ist zu viel fremdbestimmt, ich brauche mehr Luft. Deshalb freue ich mich auf meinen neuen Lebensabschnitt.

Welchen Tipp würden Sie Ihren Nachfolgern geben:

Jäggi/Peterhans: Für dieses Amt muss man sich Zeit nehmen. Wer seine Arbeit nur oberflächlich macht, wird nicht erfolgreich sein und auch keine Freude daran haben.