Niederweningen

Die ewig lange Suche nach dem Kriegspiloten von 1944

Rudolf Hauser erlebte als Kind den Beschuss auf Niederweningen. Die Geräusche des Fliegerangriffs vom Dezember 1944 sind in seiner Erinnerung bis heute nicht ganz verstummt. Recherchen führten ihn bis nach Amerika, wo er einen Kriegsveteranen traf.

Gesehen hat der siebenjährige Rudolf Hauser den Fliegerangriff nicht, denn er lag im abgedunkelten Kinderzimmer und hätte eigentlich schlafen sollen. Aber Hauser hat den Angriff auf Niederweningen gehört, und die Geräusche des 7. Dezember 1944 sind in seiner Erinnerung bis heute nicht ganz verstummt.

Erst heulten in jener Nacht kurz vor 4 Uhr morgens die Sirenen auf – Fliegeralarm. Dann hört der Bub das Motorengeräusch eines Flugzeugs und einen «extrem lauten Knall». Irgendwann sei der Endalarm ertönt, ein lang gezogener Heulton.

Hauser war Ohrenzeuge des Jagdbomberangriffs auf die Fabrikanlagen der Firma Bucher-Guyer und angrenzende Wohnhäuser geworden. In den Betriebsgebäuden wurde gearbeitet – wie durch ein Wunder wurde niemand verletzt, auch in den Wohnhäusern nicht, die von einigen Geschossen getroffen wurden.

Der Sachschaden betrug nur rund 5000 Franken, wie die Tatbestandaufnahme durch das Polizeikommando des Kantons Zürich ergab. Beschädigt wurden unter anderem zwei landwirtschaftliche Maschinen.

Niemand erkannte Hoheitszeichen

Die wenigen Augenzeugen berichteten, das Flugzeug habe erst Erkundungsrunden gedreht, ehe es überraschend und mit hoher Geschwindigkeit im Tiefflug zur Beschiessung ansetzte. Obwohl der Mond halbhell schien, konnte niemand das Hoheitszeichen des Jagdflugzeugs erkennen.

Die Arbeit in der Firma wurde rasch wieder aufgenommen, und der Angriff geriet in den Wochen und Jahren danach fast in Vergessenheit. Rudolf Hauser aber liess die Angriffsnacht nie ganz los, denn einige Fragen blieben unbeantwortet: Warum wurde die Firma beschossen? Wer war der Pilot? Und welcher Armee gehörte der Pilot an?

Rudolf Hauser liess sich zum Ingenieur ausbilden, und er arbeitete jahrelang in leitender Funktion – bei der Firma Bucher-Guyer. Nach seiner Pension begann er mit den Recherchen zu den ungeklärten Fragen des Fliegerangriffs, die ihn bis nach Amerika führten und neue Erkenntnisse ans Tageslicht brachten.

Mit an Gewissheit grenzender Wahrscheinlichkeit könne davon ausgegangen werden, dass der Angriff in dieser Nacht deutschen Zielen galt, und dass der Pilot irrtümlich eine Schweizer Firma beschoss. Die Firma Bucher-Guyer produzierte Landmaschinen.

Der Export nach Deutschland habe in den Kriegsjahren gegen null tendiert, sagt Rudolf Hauser, weshalb er ausschliesse, der Angriff der Alliierten sei absichtlich geschehen.

Schweizerkreuz nicht beleuchtet

Unklar war bisher, wie der Pilot das Schweizerkreuz auf der Firma hatte übersehen können. Beleuchtete Schweizerkreuze auf wichtigen Gebäuden sollten den alliierten Fliegern klarmachen, dass sie nicht über feindliches deutsches Territorium, sondern über neutralen Schweizer Boden flogen.

Der Polizeibericht erwähnte ein angeblich beleuchtetes, sieben Mal sieben Meter grosses, gut sichtbares Kreuz. Hauser hat nun Dokumente gefunden, die diese Aussage widerlegen.

Die Firma Bucher-Guyer hatte eine eigene Industrie-Luftschutzorganisation mit Betriebsfeuerwehr, Betriebspolizei, Alarm- und Beobachtungsposten. Sie bestand aus 65 Mann und sei gut ausgebildet gewesen – aber trotzdem vom Angriff überrascht worden.

Ein Versäumnis war mitschuldig an der Attacke, ist sich Hauser sicher. «In der Angriffsnacht war vergessen worden, das sieben Mal sieben Meter grosse Schweizerkreuz zu beleuchten, ebenso war das zwölf Mal zwölf Meter grosse Kreuz im westlichen Firmenareal nicht beleuchtet.

Hauser hat bei seinen Recherchen eine Meldung der Luftschutzorganisation entdeckt, die beim Territorialkommando registriert wurde. Diese lautet: «Dorf und Fabrik waren beleuchtet, nicht aber die beiden Schweizerkreuze. Es werden Vorkehrungen getroffen, dass auch diese in Zukunft beleuchtet sein werden.»

Mit der Analyse der gefundenen Munition startete Hauser die Recherchen zur Frage, welcher Armee das Flugzeug angehört haben könnte. «Ich fand heraus, dass 1943 bis 1945 nur zwei Flugzeuge mit solcher Munition ausgerüstet waren: die britischen Mosquitos sowie Beaufighter, die von den amerikanischen Nachtfliegerstaffeln geflogen wurden.»

Reise nach Grossbritannien

Hauser reiste nach Grossbritannien, in Archiven analysierte er die Flugpläne der Royal Air Force. In jenen Monaten waren Mosquitos ausschliesslich in Norddeutschland unterwegs. «Dass sich ein Flugzeug von dort bis in die Schweiz verirrte, ist sehr unwahrscheinlich.»

Die amerikanischen Beaufighter hingegen hätten in jenen Monaten den Auftrag gehabt, von Nancy aus immer wieder Angriffe auf süddeutsche Eisenbahn- und Fabrikanlagen zu fliegen, um den Nachschub der nationalsozialistischen Armee zu behindern.

Hauser reiste auf der Suche nach Beweisen in die Vereinigten Staaten, und durch das Museum der US Air Force in Ohio erhielt er Anfang 2011 die Adresse des Captains der Staffel von Nancy: Harold F. Augspurger.

Hauser fand heraus, dass der Captain nur wenige Monate zuvor 91-jährig verstorben war. Einen weiteren Veteranen dieser Staffel konnte er aber ausfindig machen. Der 92-jährige Fred Sargent war Verfasser des Kriegstagebuches.

«Sargent sagte mir, er sei sicher, dass einer seiner Kollegen irrtümlicherweise Niederweningen beschoss. Sargent hat sich sogar stellvertretend für seine Kameraden für die entstandenen Schäden entschuldigt.» Auch wenn der ultimative Beweis fehlt, so sei es doch sehr wahrscheinlich, dass ein amerikanischer Jäger den Angriff auf Niederweningen flog.

Den Piloten ausfindig machen konnte Hauser nicht. Aber er fand weitere Dokumente, die zeigen, wie der Flug in der Chlausnacht 1944 weiterging. Das zweimotorige Flugzeug steuerte weiter Richtung Aarburg, besagt eine Meldung des Kommandos Fliegerabwehtruppen.

In Liestal feuerten zwei Fliegerabwehreinheiten 13 Schuss vom Kaliber 7,5 Zentimeter ab. Das Flugzeug habe danach die Schweiz bei Allschwil in Richtung Norden verlassen – rasch und stark absinkend.

Die Broschüre zum Angriff ist im Mammutmuseum Niederweningen erhältlich.

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