Neuenhof
Die Frau, die eine Entsorgungsfirma führt

Eigentlich hätte sich Sabine Bärlocher nie vorstellen können, dereinst die Entsorgungs-Firma ihres Vaters Rudolf zu übernehmen. Doch schliesslich hat sie es doch getan. Jetzt erzählt sie, wie es dazu kam.

Martin Rupf
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Sabine Bärlocher über ihren Vater Rudolf: «Er hat mir nie dreingeredet.» Sandra Ardizzone

Sabine Bärlocher über ihren Vater Rudolf: «Er hat mir nie dreingeredet.» Sandra Ardizzone

Sandra Ardizzone

Wie sieht eine Frau aus, die eine Entsorgungsfirma führt? Haben Sie ein Bild vor Augen? Dann schieben Sie dieses gleich wieder zur Seite. Denn begegnet man Sabine Bärlocher, würde man ganz bestimmt nicht auf die Idee kommen, dass diese Frau Geschäftsführerin einer auf «Güsel» spezialisierten Transportfirma ist. Aufgestellt und chic gekleidet begrüsst die 40-Jährige zusammen mit ihrem Vater (76) den Journalisten zum Gespräch. Das Thema: Der Generationenwechsel, der nun schon gut zehn Jahre zurückliegt.

Frau Bärlocher, Sie führen das Familienunternehmen in 3. Generation. Oder mit anderen Worten: Sie sind in einem Familienunternehmen gross geworden. Ihre Kindheitserinnerungen?

Sabine Bärlocher: Mir ist vor allem eines in Erinnerung geblieben: Es gab keine Trennung zwischen Familie und Geschäft, alles hat sich immer ums Geschäft gedreht. Wenn wir zum Beispiel zusammen beim Mittagessen sassen und das Telefon klingelte, dann mussten wir alle das Besteck niederlegen und ganz still sein, damit unser Vater am Telefon in Ruhe Geschäftliches besprechen konnte. Präsent sind mir auch noch die Chauffeure – ich bin quasi mit ihnen gross geworden.

Sind Sie nie gehänselt worden, weil Ihr Vater eine «Güsel-Firma» führte?

Doch, es gab natürlich schon Sprüche. Doch wenn ich meinen Schulkameraden zu Hause dann die Revox-Musikanlage meines Vaters zeigte, hatte ich schnell ihren Respekt (lacht).

Herr Bärlocher, Sie haben sich ja seinerzeit quasi in den Betrieb hineingeheiratet. Ihre Erinnerungen?

Richtig, ich lernte meine Frau Liselotte – die Tochter des Firmengründers – in Italien in den Ferien kennen. Sie hat mir auf Anhieb gefallen. Damals wusste ich ja noch nicht, auf was ich mich da einlasse (lacht).

Auf was haben Sie sich den eingelassen?

Schnell wurde klar, dass der Vater meiner zukünftigen Frau auf einen Nachfolger für seine Firma gehofft hatte. Weil er keine eigenen Söhne hatte, setzte er wohl auf mich. In der Folge entschlossen wir uns, zusammenzuarbeiten. Es war eine strenge, aber sehr lehrreiche Zeit. Ich verdiente zwar nicht sehr viel Geld, wusste aber, dass ich dereinst die Firma würde übernehmen können.

Auch Sie hatten keine Söhne. Konnten Sie sich Frau Bärlocher in jungen Jahren vorstellen, einmal die Firma ihrer Eltern zu übernehmen?

Nein, ehrlich gesagt konnte ich das nicht. Ich habe denn auch eine KV-Lehre auf einem Reisebüro gemacht.

Wie war das für Sie Herr Bärlocher, als Sie realisierten, dass eine interne Nachfolgeregelung wohl nicht zustande kommt?

Eigentlich gar nicht so schlimm, ich konnte schon immer gut loslassen. Als ich gegen das Rentenalter zuging, begann ich nach möglichen Käufern für meine Firma Ausschau zu halten. Ich habe nie Druck auf meine zwei Töchter ausgeübt, sie müssten die Firma übernehmen.

Und doch haben Sie es getan Frau Bärlocher. Was hat zum Umdenken geführt?

Es gab tatsächlich ein Schlüsselerlebnis. Irgendwann wurde der Verkauf der Firma immer konkreter. Ein Mitbewerber aus der Region zeigte Interesse an einem Kauf. Doch das Angebot war nicht gut. Ich hörte meinen Vater, der über all die Jahre so viel Herzblut und Energie in die Firma gesteckt hat, sagen: «Und für das habe ich jetzt all die Jahre gekrüppelt!?» Dann habe ich mir gesagt: «Was der kann, kann ich auch – jetzt probier ich es.»

Das muss für Sie Herr Bärlocher eine grosse Erleichterung gewesen sein.

Das war tatsächlich so. In der Folge hat meine Tochter begonnen, mit mir zusammenzuarbeiten. Es war ja auch gar nicht sicher, ob es ihr gefällt und ob sie für die Arbeit geeignet ist.

War sie es?

Absolut. Ich habe sie getestet und habe schnell gemerkt, dass sie es drauf hat.

Normalerweise verlaufen Geschäftsübergaben nicht reibungslos. Sie beide machen auf mich aber einen sehr harmonischen Eindruck. Alles aufgesetzt fürs Interview?

Sabine: Nein, der Eindruck täuscht nicht. Mein Vater liess mich schnell sehr vieles machen und hat nie dreingeredet.
Rudolf: Ich war natürlich nicht immer mit allem einverstanden. Aber ich habe mir dann einfach gesagt: «Sabine muss den Grind selber anschlagen».

Was haben Sie von Ihrem Vater gelernt beziehungsweise mit auf den Weg bekommen?

Den Respekt unseren Mitarbeitern gegenüber, die täglich sehr gute Arbeit abliefern, aber in der Öffentlichkeit als «Güselmänner» nicht unbedingt wahnsinnig viel Wertschätzung erfahren.

Und wie ist es für Sie, wenn Sie jemand fragt und Sie sagen müssen, Sie würden eine Entsorgungsfirma führen. Das tönt auch nicht wahnsinnig sexy ...

... das ist so. Es war für mich vor allem am Anfang schwierig. Doch inzwischen bin ich selbstbewusster geworden und bin stolz darauf, was wir machen.

2004 haben Sie dann die Geschäftsführung übernommen, 2008 erfolgte der Umzug des Firmensitzes von Wettingen nach Neuenhof. Weshalb?

Wie gesagt: Als Kind bekam ich mit, wie es keine Trennung zwischen Privatem und Geschäft gab. Mir war es ein Anliegen, Geschäfts- und Familienbereich zu trennen. Zudem brauchten wir mehr Platz für unsere Lkws.

Nach dem Gespräch erfolgt noch ein Rundgang durch die Werkhalle, wo Sabine Bärlocher stolz die Lkw-Flotte präsentiert. Ihrem Vater sind der Stolz und die Genugtuung über die Fortsetzung der Familiengeschichte ins Gesicht geschrieben.