Der Hitzesommer ist vorbei, die Tage werden kühler. Die Badener Umweltwochen haben sich gerade drei Wochen lang mit der Hitze in der Stadt beschäftigt – und damit, was man dagegen tun kann. Eines der dringendsten Anliegen von Städteplanern und Ökologen: mehr Grün in den Innenstädten. Insbesondere mit Pflanzen bewachsene Fassaden könnten die heissen Sommertage erträglicher machen. Baden geht hier mit einem Pionierprojekt voran. An der Zufahrt vom Schulhausplatz zum Schlossbergtunnel wachsen seit gut einem Monat wilder Wein und Efeu in die Höhe.

«Früher wuchsen hier Weinreben am Schlossberg», sagt Architekt Emanuel Schoop. «Das hat uns bei der Schulhausplatz-Sanierung auf die Idee gebracht, grüne statt graue Lärmschutzwände zu entwerfen.» Ursprünglich dachten die Planer nur an ein Pflanzenmuster. «Aber dann merkten wir, dass hier zwischen Burghügel und Altstadt gestalterisch viel mehr möglich ist», sagt Schoop.

Badener Gemeinschaftswerk

Es habe einiges an Überzeugungsarbeit bei der Bauherrschaft gebraucht. Doch die Bedenken sind verflogen, im Sommer wurden die Pflanztröge mit Rankhilfen aus Aluminium montiert und bepflanzt. Die Lärmschutzwände sind ein Gemeinschaftswerk des Ennetbadener Generalplaners Gähler und Partner, der Badener Architekten Schoop De Santis und des Badener Ingenieurbüros Bänziger Partner. Die drei Unternehmen haben den neuen Schulhausplatz entworfen und geplant.

Früher waren die Wände hier mit Schallschutzelementen aus Lavabeton verkleidet. Bei der Sanierung waren zuerst Lochblechkassetten wie im Tunnel geplant. Aber man entschied sich für die anspruchsvollere Lösung, die nicht nur Ökologen freuen dürfte. Stefan Sander, Projektverfasser bei Bänziger Partner, sagt: «Technisch waren die begrünten Wände nicht besonders komplex. Bei der Schulhausplatz-Sanierung gab es deutlich schwierigere Vorhaben.» Die Montage sei sehr schnell gegangen. Entstanden ist ein Pilotprojekt, das Schule machen dürfte.

Fünf Vorteile auf einen Schlag

Die «vertikalen Gärten» haben zahlreiche Vorteile: Sie sind für das menschliche Auge beruhigend, sie dienen zusammen mit den unterlegten Dämmmatten als Lärmschutz, sie reinigen die Luft von Staub und Abgasen und sie kühlen die Umgebung. Denn: Asphalt und Beton heizen sich im Sommer auf und strahlen auch nachts Wärme ab. In einer Tropennacht kann es in der Stadt bis zu zehn Grad Celsius heisser werden als im Umland. Die Verdunstung der Pflanzen kühlt die Stadtluft.

Nicht zuletzt aber bieten der wilde Wein und der Efeu zahlreichen Kleinstlebewesen Unterschlupf und Nahrung – von der Schmetterlingsraupe über Käfer und Spinnen bis zu den bedrohten Wildbienen. «Von Pflanzen überwachsene Lärmschutzwände gibt es schon viele», erklärt Urs Grimm, Projektleiter bei Gähler und Partner. «Aber eine grüne Wand von dieser Grösse, an der die Pflanzen auf der gesamten Fläche wachsen, kombiniert mit Lärmschutz, ist ein Novum.» Auf 450 Quadratmetern links und rechts der Bruggerstrasse können jetzt die Pflanzen neun Meter in die Höhe wachsen.

Die Pflanztröge werden automatisch bewässert. Die wilden Reben und der Efeu brauchen verhältnismässig wenig Pflege. Wenn die Wände einmal komplett grün sind, werden die Mitarbeiter des Badener Werkhofs nur noch ein- bis zweimal im Jahr einen Pflegeschnitt machen müssen. Im Herbst färben sich die Weinblätter rot, bevor sie fallen. Der Efeu bleibt über den Winter grün. So entsteht ein schönes Stück Natur, mitten in der verkehrsumtosten Stadt.