Eine 14-Jährige braucht seit fünf Wochen dringend einen Heimplatz. Diesen sollte ein Beistand von der Amtsvormundschaft des Bezirks Baden finden. Die Mutter der 14-Jährigen kritisiert aber in der az Aargauer Zeitung vom 14.10., dass die Suche nur schleppend vorangeht, und fühlt sich schlecht betreut.

Herr Bertschi, 5 Wochen, um einen Heimplatz zu finden, sind lang. Ist die Amtsvormundschaft überlastet?

Reto Bertschi:Nein. Es braucht durchschnittlich zwei bis drei Monate, bis man den idealen Heimplatz gefunden hat und alle Kostengutsprachen da sind. Sind nicht alle Kriterien erfüllt, besteht die Gefahr, dass man bald wieder etwas Neues suchen muss. Das ist nicht schön für die Betroffenen. Zudem gibt es nicht genug Heimplätze.

Trotzdem: Die Amtsvormunde haben viel zu tun. Ein Vollangestellter betreut rund 100 Mandate. Experten sagen aber, dass 65 bis 70 ideal wären.

Das ist richtig. Dann müssten wir zwei zusätzliche Mitarbeiter anstellen. Ich glaube aber nicht, dass die öffentliche Hand bereit wäre, dies zu finanzieren.

Sie betreuen Menschen aller Altersklassen. Was bleibt dabei auf der Strecke?

Wir haben nicht immer genug Zeit, um unsere Klienten auf Ämter oder in Therapien zu begleiten. Für die persönliche Betreuung älterer Klienten setzen wir deshalb freiwillige Mitarbeiter ein. Zudem können wir Familien nicht genügend betreuen. Wir setzen deshalb Erziehungsfachleute ein, die den Familien zu Hause helfen. Oft ist das sinnvoll, manchmal zögert das eine Heimplatzierung aber unnötig hinaus.

Immer mehr Jugendliche haben offenbar grosse Probleme.

Das ist so. Ein Grund ist, dass Jugendliche immer mehr Gewaltvideos schauen. Sie können Realität und Fiktion nicht mehr auseinanderhalten. Dazu kommt der exzessive Alkoholkonsum. Zudem getrauen sich viele Eltern nicht, ihren Kindern Grenzen zu setzen. Viele Väter oder Mütter sind alleine und haben zu wenig Unterstützung. Sie holen sich erst Hilfe, wenn es nicht anders geht. Würden sie sich früher an Beratungsstellen wenden, könnte man viele Heimeinweisungen verhindern.

Wie viele der Jugendlichen, die von einem Beistand betreut werden, finden später zurück ins Leben?

Etwa 75 Prozent machen eine Ausbildung und steigen ins Berufsleben ein. Längerfristig ist dieser Anteil sicher höher. Schwierig ist, dass Jugendliche nur bis zur Volljährigkeit von einem Beistand begleitet werden. Das ist manchmal zu kurz, da sie sich dann noch in der Ausbildung befinden. Nur in sehr schwierigen Fällen kann eine Beistandschaft für Erwachsene errichtet werden.

Ihre Arbeit muss belastend sein. Was beschäftigt Sie besonders?

Wenn die Klienten trotz Unterstützung immer wieder in die gleichen Fettnäpfchen treten. Schlimm sind auch die Schicksale von kleinen Kindern. Sie sind so wehrlos. Zudem beobachte ich, dass immer mehr ältere Menschen einsam sind. Kürzlich war ich an einer Beerdigung. Nur fünf Leute kamen. Das ist tragisch.