Baden
«Die jungen Frauen waren damals oft gar nicht aufgeklärt»

Silvia Hochstrasser hat durch die Geschichte der sozialen Institutionen in der Stadt geführt. Dabei hat sie erklärt, wieso die Frauenvereine so wichtig waren.

Daniel Vizentini (Text und Foto)
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Silvia Hochstrasser erzählt bei ihrer Stadtführung in Baden über eine junge Frau, die 1815 als Kindsmörderin verurteilt wurde
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Stadtführung erinnert an soziale Probleme
Silvia Hochstrasser vor dem Marienheim in Baden

Silvia Hochstrasser erzählt bei ihrer Stadtführung in Baden über eine junge Frau, die 1815 als Kindsmörderin verurteilt wurde

Daniel Vizentini

Es war 1815, als Josepha Kälin, eine Magd aus Einsiedeln, nach Baden kam. Sie hatte ein uneheliches Kind gezeugt, wurde deshalb von der Gesellschaft ausgestossen und fand nirgends eine Anstellung. «Die jungen Frauen waren damals oft gar nicht aufgeklärt», sagt Silvia Hochstrasser.

Sie führt eine Gruppe durch die Stadt und lässt dabei die Geschichte verschiedener Stätten wiederaufleben. Dieses Mal stehen die Anfänge der sozialen Institutionen Badens auf dem Programm, speziell die der Badener Frauenvereine.

Doch zurück zur Geschichte von Josepha Kälin: Ohne Arbeit blieb ihr nur das Betteln übrig. Dies war aber nicht erlaubt. Kälin wurde festgenommen und aus Baden verbannt. In der Verzweiflung ersäufte sie ihren Säugling, worauf sie in Baden als Kindsmörderin verurteilt und anschliessend enthauptet wurde.

«Das war ja eine brutale Zeit», sagt eine Zuhörerin, als sie von Stadtführerin Silvia Hochstrasser diese Geschichte hört. «Deshalb waren die Frauenvereine damals so wichtig», antwortet Hochstrasser vor dem Frauenwohnhaus Marienheim. 1906 sei das Haus erbaut und später aufgestockt worden. «Das war eine grosse Institution, die dringend nötig war.»

Frauenverein wurde 1917 gegründet

Vor rund hundert Jahren wurden die ersten Frauenvereine in Baden gegründet. Dies als Reaktion auf den grossen sozialen Umbruch von damals und den daraus entstandenen Problemen. Mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert änderte sich unter anderem die Rolle der Frau in der Gesellschaft.

Während die Männer in der Fabrik arbeiten mussten, hatten die Frauen zu Hause dafür zu sorgen, dass die Männer gestärkt wurden, um in der Fabrik hohe Leistungen vollbringen zu können.

«Die Frauen wussten nicht, wie sie ihre Zeit einteilen sollten, um all ihre Aufgaben erledigen zu können», sagt Silvia Hochstrasser. Aus dieser Notwendigkeit heraus begannen sich die Frauenvereine zu bilden. 1888 wurde der Schweizerische Gemeinnützige Frauenverein (SGF) national und 1917 auch in Baden gegründet.

In der Villa Baumann auf der Burghalde etwa konnten Frauen Tageskurse besuchen, später setzte sich der Verein auch für eine Kinderkrippe ein. Institutionen der Frauenvereine, wie beispielsweise die Brockenstube, stammen aus dieser Zeit und bestehen noch heute.

Wenig Auswanderer aus Baden

Silvia Hochstrassers Tour führt an wichtigen Stätten in der Stadt vorbei, wie dem Schlossbergplatz, wo die Merker-Fabrik zuerst stand. Am Theaterplatz erinnert sich Hochstrasser an Lisbeth Sachs. Die Badener Architektin und Entwerferin des Kurtheaters wurde 1914 geboren und hatte es in einer von Männern dominierten Zeit gewagt, zu studieren.

Das Ende der Tour bildet die Klosterkapelle an der Mellingerstrasse, die früher als Armenerziehungsanstalt fungierte. In jeder Station hebt Hochstrasser die grausamen sozialen Unterschiede von damals, aber stets auch die sozial engagierten Badener hervor.

«Im 19. Jahrhundert sind viele Schweizer wegen Armut ausgewandert», sagt sie. In Fislisbach oder Würenlingen sollen es einige gewesen sein. «Aus Baden hingegen sind kaum Menschen ausgewandert.» Dies sei unter anderem den vielen gemeinnützigen Vereinen der Stadt zu verdanken.