Baden

«Die Kirche muss sich unbedingt öffnen»: Austritte beschäftigen Priester in der Region

Die Katholische Kirche kämpft mit Mitgliederschwund. (Symbolbild)

Die Katholische Kirche kämpft mit Mitgliederschwund. (Symbolbild)

Katholische Priester und Seelsorger aus der Region Baden äussern sich zur Austrittswelle und zu den Missbrauchsskandalen.

4093 Menschen, ein Drittel mehr als im Vorjahr, traten 2018 im Aargau aus der katholischen Kirche aus. Oftmals wurden die Missbrauchsskandale als Grund dafür angegeben. Das bestätigt Michael Lepke, Leiter des Pastoralraums Siggenthal. «Die Zahl der Austritte hat bei uns in den vergangenen Jahren zwar erfreulicherweise nicht zugenommen. Doch als Begründung für Austritte werden tatsächlich oft die Missbrauchsvorfälle angegeben.» Lepke kritisiert: «Es ist absolut unzureichend, wie die Kirche in den vergangenen Jahren mit den Missbräuchen umgegangen ist. Wir hätten uns eine viel schnellere und vorbehaltlose Aufklärung gewünscht.»

Die Kirchen im Raum Siggenthal seien oft sehr gut besucht, hält der Pastoralraumleiter fest. «Das hängt vermutlich damit zusammen, dass wir uns sehr um Familien, Jugendliche und Kinder bemühen. Dazu gehört auch, dass wir modernen Religionsunterricht anbieten und für Jugendliche jährlich einen Segeltörn oder eine Reise nach Rom durchführen.» Für den ausgebildeten Diplomtheologen steht fest: «Die Kirche muss sich unbedingt öffnen.» Nur so lasse sich der Trend zu mehr Austritten verhindern.

Die Kirche steht weltweit in den Negativschlagzeilen. Die katholische Kirchgemeinde Gebenstorf-Turgi verzeichnet derweil gemäss eigenen Angaben einen leichten Anstieg der Gottesdienstbesucher. Seit Mitte 2017 werden Statistiken erstellt. Ein Seelsorger, der nicht beim Namen genannt werden möchte, weil er den Personenkult nicht möge, erklärt sich den Besucheranstieg folgendermassen: «In der Liturgie setzen wir seit eineinhalb Jahren strikt auf Eucharistiefeiern am Wochenende, währenddem andere liturgische Angebote ihren Platz während der Woche haben können.» Eucharistiefeiern zeichnen sich unter anderem dadurch aus, dass ihnen in jedem Fall ein Priester vorsteht. «Am Wochenende muss aber jede Katholikin und jeder Katholik die Möglichkeit haben, eine Messe zu besuchen.» Und seine Erklärung für die Austrittswelle? «Viele sind seit Jahrzehnten distanziert von der Kirche. Für diese Menschen ist der Schritt zum Austritt nicht mehr weit. Dann genügen einige negative Meldungen über die Kirche. Die vielen positiven Dinge sind dann schnell vergessen.»

Zu reden gibt bei Seelsorgern auch der Anti-Missbrauchs-Gipfel in Rom, der vor einigen Wochen stattfand. Der Badener Stadtpfarrer Josef Stübi, der die Debatte in den Medien verfolgte, sagt: «Die Konferenz war sicher wichtig als Zeichen nach aussen dafür, dass unsere Kirche sich auf höchster Ebene dem Thema stellt. Und ich bin überzeugt, dass deren Folgen sehr viel mehr bewirken werden, als die zahlreichen eher negativen Kommentare den Kirchenleitungen zutrauen.» Nach dieser Konferenz könne sich kein Bischof und kein kirchlicher Verantwortungsträger mehr diesem Thema gegenüber verschliessen.

Klare Worte zum Umgang der Kirche mit Missbrauchsskandalen wählte der höchste demokratisch gewählte Katholik im Land, der Aargauer Luc Humbel, Präsident der Römisch-Katholischen Zentralkonferenz. «Ich verstehe jedes Mitglied der katholischen Kirche, das an der Institution zweifelt. Für mich ist die Erkenntnis, dass sich das System selber geschützt hat – auf Kosten der Schwächsten – der verheerendste Punkt dabei.» Die Kirche habe dadurch massiv an Glaubwürdigkeit verloren. «Für eine Institution, die den Glauben als zentrales Element führt, ist das wirklich eine schwierige Situation», sagte er zu «Bluewin.ch». Gleichzeitig wies er darauf hin, dass noch nie so viele Katholiken in der Schweiz gelebt haben wie heute, was natürlich auch der Migration zu verdanken sei.

Meistgesehen

Artboard 1