Baden

Die kleine Yael macht eine Kerze für ihre Familie — und hilft auch gleich einem guten Zweck

Auch dieses Jahr kann man auf dem Badener Bahnhofplatz Kerzenziehen – die Organisatoren hoffen wieder auf rund 35'000 Franken Erlös. Der Erlös wird an Behinderte in der Region gespendet.

«Schau mal meine Kerze, Omi», sagt die vierjährige Yael Ammann und zieht einen gelben Docht aus einem Kessel voller heissem Wachs. Mit einer zu schnellen Bewegung, denn das Wachs tropft auf den Boden.

Yaels Augen weiten sich und die Mundwinkel fangen an zu zucken. «Das macht doch nichts», tröstet Esther Ammann ihr Enkelkind. «Hier ist doch alles voller Wachs.» Mit «hier» meint sie die kleine Holzhütte am Bahnhofsplatz Baden. Dort findet seit letzter Woche wieder das alljährliche Kerzenziehen statt. Seit über 40 Jahren lädt der «Verein Kerzenziehen Baden» zwei Wochen lang dazu ein, Kerzen selbst zu machen, um den Erlös an Behinderte in der Region zu spenden.

Auch dieses Jahr folgen Jung und Alt diesem Ruf. Auch Schulklassen stehen um die Kessel voller Wachs. «Komm, lass mal einen Christbaum aus der Kerze machen», ruft eines der Mädchen. «Das ist eine tolle Idee», antwortet eine andere. Auch die kleine Yael hört zu. Sie weiss noch nicht, was für eine Form ihre Kerze am Ende haben soll, dafür weiss sie schon ganz genau, wer sie bekommen soll: «Das ist ein Geschenk für meine Familie», sagt sie stolz.

Über zwei Millionen in 40 Jahren gesammelt werden

Es ist bereits das zweite Mal, dass Yael mit ihrer Grossmutter beim Kerzenziehen mitmacht. «Das ist Tradition. Das habe ich schon mit meinen Kindern gemacht und ich konnte es kaum erwarten, bis meine Enkelkinder alt genug sind, um auch mit ihnen gehen zu können», sagt Ammann. Das Kerzenziehen sei beruhigend und sinnlich zugleich. «Es ist ein tolles Erlebnis und die Atmosphäre ist auch super.»

Vor allem der sichere Standort ist der Grossmutter wichtig. Das Holzhaus steht am Bahnhofsplatz direkt vor der Confiserie Himmel und dem Nähgeschäft Kunze. «Hier fahren keine Autos, also sind die Kinder frei», sagt sie. Das ist wichtig, denn die Kinder laufen immer wieder aus dem Haus und drehen eine Runde mit ihrem Kerzendocht in der Hand, damit dieser abkühlt. Genauso macht es auch Yael. Auf die Frage, was ihr beim Kerzenziehen am meisten Spass macht, antwortet die Vierjährige: «Alles, aber auch die Zeit mit Omi.»

Kinder mit ihren Grossmüttern machen laut dem Präsidenten des «Vereins Kerzenziehen Baden» Bernhard Leutenegger den Grossteil der Besucher aus. «Kerzenziehen begeistert aber alle Altersgruppen.» Egal ob in der Cafeteria etwas Kleines essen, eine eigene Kerze machen oder schon fertige Kerzen kaufen – die Auswahl ist gross und für jeden soll es etwas haben. Eine grosse Rolle spielt dabei auch der gute Zweck.

«Freiwillige Helfer zu finden, ist immer ein Kampf»

In den letzten 40 Jahren hat der Verein bereits über zwei Millionen Franken an gemeinnützige Projekte in der Umgebung gespendet. «Auch dieses Jahr rechnen wir wieder mit einem Erlös um die 35'000 Franken», sagt Leutenegger.

Er zeigt sich positiv, denn die Bilanz nach knapp einer Woche Kerzenziehen sähe nicht schlecht aus. Trotzdem macht sich der Vereinspräsident Sorgen: «Freiwillige Helfer zu finden, ist immer ein Kampf.» Mit den Jahren wird es für den Verband immer schwieriger, Personen aufzutreiben, die im Kerzenhaus mithelfen wollen. Momentan fehlen 10 bis 20 Personen.

«Auch für den Abbau haben wir noch zu wenige Helfer.» Das sei ein generelles Problem, das Leutenegger in allen Vereinen beobachtet. «Die Leute sind nicht gewillt, ihre Freizeit zu verplanen und diese zu opfern», sagt er. Das Problem gäbe es schon seit geraumer Zeit, aber: «Wir schaffen das schon, so wie immer.» Denn bis zum 7. Dezember können noch viele Kerzen gezogen werden, es warten insgesamt eine Tonne Wachs und viele Meter Docht auf fleissige Hände.

Das Strahlen der Kinderaugen erfüllt die Stadt

Ein lautes Lachen ertönt aus dem Holzhaus. Ein Junge rennt nervös mit seiner Kerze in der Hand herum. Er hängt sie auf und nimmt sie dann sofort wieder weg. Mit einem grossen Lächeln zeigt er seine Kreation. «Ich habe eine ganz spezielle Kerze», sagt der siebenjährige Elia von Kaenel. «Meine Kerze sieht aus wie ein Geist und das ist echt toll.»

Es ist schon das zweite Mal, dass er dieses Jahr ans Kerzenziehen geht. «Man muss viel Geduld haben und man weiss nie, was am Ende rauskommt. Das ist die Überraschung und das finde ich cool», erklärt Elia. Seinen Geist möchte er nun in seinem Zimmer aufhängen.

Der Siebenjährige macht das vor, was der Verein, der aus rund 100 Leuten besteht, als sein Leitmotiv sieht: «Das Strahlen der Kinderaugen erfüllt die Stadt jedes Jahr aufs Neue und das ist genau das, was wir erreichen wollen», sagt Leutenegger. Das Kerzenziehen sei ein kleiner Beitrag an die Adventszeit in Baden und «deswegen werden wir auch so lange weitermachen, wie es noch geht».

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