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«Die Kraft, Karrieren zu fördern»: Dieser Aargauer betreute die alte Fifa-Weltrangliste – das hält er von der neuen

Ab Mitte Juli wird die Fifa-Weltrangliste nach neuen Kriterien berechnet. Damit sich die Schweiz in den Top 10 halten kann, braucht sie an der WM in Russland Siege und Tore.

Ab Mitte Juli wird die Fifa-Weltrangliste nach neuen Kriterien berechnet. Damit sich die Schweiz in den Top 10 halten kann, braucht sie an der WM in Russland Siege und Tore.

Marius Schneider aus Obersiggenthal betreute jahrelang die Fifa-Weltrangliste, die nun überarbeitet wurde. Dass die Schweizer Nationalmannschaft mit ihrer neuen Platzierung überschätzt wird, glaubt er nicht.

Die folgende Behauptung ist womöglich ein wenig übertrieben, und Marius Schneider selber würde sie wohl nicht unterschreiben, denn er will seine rund 20-jährige Tätigkeit für den Weltfussballverband Fifa nicht überschätzt wissen. Die Behauptung lautet: Marius Schneider war einer der einflussreicheren Menschen im Weltfussball. Denn der Mann aus Kirchdorf betreute die Fifa-Weltrangliste, anhand derer die Teams vor den Auslosungen in verschiedene Töpfe eingeteilt werden.

Ob ein WM-Teilnehmer in der Gruppenphase auf nur eines oder auf zwei Topteams trifft, wird anhand der Kriterien entschieden, die Schneider mitkonzipierte. «Es stimmt schon, die Weltrangliste hat indirekt die Kraft, Karrieren zu fördern oder zu bremsen», räumt Schneider ein. In der Premier League konnten nur Spieler von Nationen engagiert werden, die in der Weltrangliste ein gewisses Ranking erreicht hatten. Ebenso habe der Absturz in der Weltrangliste schon Trainern das Amt gekostet. «Sie können sich vorstellen, dass von verschiedenen Seiten Druck auf uns ausgeübt wurde, ein neues Ranglistensystem zu erarbeiten», sagt Schneider.

Mit Ende der Weltmeisterschaften Mitte Juli wird die Fifa ein neues Ranglistensystem einführen. Die alte Berechnungsmethode wird der Vergangenheit angehören. «Wie fühlt es sich an, dass Ihr Fussball-Lebenswerk abgeschafft wird, Herr Schneider?»

Der Mann, der inzwischen nicht mehr bei der Fifa in Zürich arbeitet, sondern seit vier Jahren als Bezirksschulleiter in Turgi, lacht und antwortet: «Ich kann gut damit leben, dass das Ranglistensystem reformiert wird. Die neue Methode macht durchaus Sinn. Aber wenn die Fifa nun behauptet, es handle sich um eine neuartiges Berechnungssystem, dann ist das lachhaft.» Denn die Weltrangliste der Fussballerinnen werde schon seit 15 Jahren anhand der Elo-Methode erstellt, die nun auch für die Weltrangliste der Männer-Teams gelten werde. «Und ziemlich sicher wird die neue Rangliste für die Fans nicht besser nachvollziehbar sein.»

In den 1990er-Jahren arbeiteten noch rund 35 Mitarbeiter beim Weltfussballverband in Zürich, die Atmosphäre war familiär. Einer der Angestellten war der Anglizist und Historiker Schneider, der ein Faible für Zahlen hat, was schnell erkannt wurde. Er leitete die die Daten- und Dokumentationsabteilung. Als Schneider bei der Fifa zu arbeiten begann, existierte eine Weltrangliste, die Resultate der letzten acht Jahre berücksichtigte. Schneider wurde beauftragt, das Ranglistensystem grundlegend zu überarbeiten. Unter anderem fallen derzeit nur die Länderspiele der vergangenen 48 Monate in die Wertung. Für jedes Spiel gibt es Ranglistenpunkte zu gewinnen, wobei auch die Stärke des Gegners oder die Bedeutung des Spiels (Freundschaftsspiel oder WM-Final) einen Einfluss auf die Punktzahl haben.

Trotz ausgeklügelten Systems sorgt die Berechnungsmethode für einige Kritik: «Die Fifa-Weltrangliste will Nationalmannschaften nach Stärke sortieren, tut es aber nicht», schrieb die «Zeit» im November 2016. Ein Sieg gegen einen Fussballzwerg wie Usbekistan, damals auf Platz 48 klassiert, bringe mehr Punkte ein als ein Unentschieden gegen den Weltranglistenersten. Dass es Belgien an die Spitze schaffte und die Schweiz derzeit auf Platz sechs liegt, sorgt im Ausland für Kopfschütteln. Die neue Berechnungsmethode will nun die relative Stärke der beiden Gegner und die Bedeutung jedes Spiels stärker gewichten.

Schneider ist überzeugt: So viel anders wird die neue Rangliste nicht aussehen. «Wer oft gewinnt, wird weit vorne zu finden sein, und umgekehrt.» Voraussichtlich werde es aber in Zukunft weniger starke Verschiebungen geben als bisher. Dass die Schweiz, aktuell auf Platz 6 der Rangliste, zu gut eingestuft sei, diese Meinung teilt er nicht: «Die Schweiz hat ein Weltklasseteam und wird auch in der neuen Rangliste gut platziert sein, wenn auch vielleicht einige Ränge zurückfallen.»

Und sein Favorit für die Weltmeisterschaften in Russland sei derselbe wie fast immer: Deutschland. «Diese Mannschaft hat es mit wenigen Ausnahmen an Weltmeisterschaften fast immer mindestens in den Halbfinal geschafft.» Und lag überdies auch in der Fifa-Weltrangliste Schneiders meist auf einem Top-Platz.

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