«Es ist schön, zu merken, dass man irgendwie auch noch gebraucht wird»

«Es ist schön, zu merken, dass man irgendwie auch noch gebraucht wird»

Monika Gut spricht über die Fortschritte seit der Entlassung aus der Reha. (November 2017)

Mit einem herzhaften Lächeln im Gesicht empfängt Monika Gut den Besuch im Grossraumbüro von Ikea Projekte in Spreitenbach. Die 47-Jährige ist gut gelaunt und geht mit forschem Schritt zu ihrem Arbeitsplatz. Was sofort auffällt: Monika Gut trägt weder Krücken noch humpelt sie auffällig. «Mittlerweile habe ich alle Ziele erreicht, die ich mir während der Zeit in der Rehaklinik in Bellikon gesetzt habe», sagt die Verkaufsplanerin und setzt sich auf den Stuhl.

Neun Monate sind nach dem letzten Treffen in der Rehaklinik vergangen (AZ vom 9. Februar 2017). Die Fortschritte, die Monika Gut seither gemacht hat, sind enorm. «Wenn ich zurückblicke, erkenne ich mich nicht wieder. Heute gehe ich problemlos über Stock und Stein», sagt sie und lächelt wieder.

Rückblende: Es ist der 11. September 2016. Monika Gut und ihr Mann planen einen Motorradausflug von ihrem Wohnort Hilterfingen BE über den Col des Mosses nach Montreux. Die beiden sind erst wenige Kilometer weit gefahren, als Gut von einem abbiegenden Auto erfasst und auf das Trottoir geschleudert wird. Im Inselspital in Bern kommt sie wieder zu sich. Die Ärzte müssen ihr erst den linken Fuss, anschliessend aufgrund einer Infektion und abgestorbenem Gewebe auch noch den Unterschenkel amputieren. Es folgen mehrere Monate in der Rehaklinik Bellikon. Gut muss sich erst einmal mit dem Gedanken anfreunden, dass die Prothese nun ein Teil von ihr ist (AZ vom 14. Dezember 2016). Obwohl sie manchmal in ein psychisches Loch fällt und Tränen fliessen, kämpft sie sich tapfer zurück. Im Februar schliesst sie die Rehabilitation ab und kann wieder nach Hause.

Weg zurück in die Mobilität

«Das Heimkommen war sehr speziell», erinnert sich Monika Gut. Sie wusste: Jetzt ist sie auf sich alleine gestellt und kann nicht mehr auf die Hilfe der Fachpersonen der Rehaklinik zählen. Zuvor einfache Tätigkeiten wie beispielsweise einkaufen gehen, Zug- und Busfahren, erweisen sich zu Beginn als zeitraubend und anstrengend. «Die Krücken standen mir immer wieder im Weg», sagt Gut. Dank der medizinischen Trainingstherapie, Besuchen beim Physiotherapeuten und Osteopathen sowie durch regelmässige Massage ist sie immer weniger auf ihre Gehhilfen angewiesen. «Heute nehme ich sie nur noch in die Ferien mit. Sie geben mir eine gewisse Sicherheit» Gut erfüllt es mit Stolz, dass sie mit der Prothese problemlos laufen, Treppensteigen und Autofahren kann. «Der Weg zurück in die Mobilität bedeutet mir unglaublich viel.» Auch, dass sie seit diesem Frühjahr wieder bei ihrem langjährigen Arbeitgeber Ikea tätig sein kann, freut sie.

Trotz grosser Fortschritte: Die letzten Monate waren nicht immer einfach. «Am Anfang war es schwierig, den Arbeitsflow zu finden», sagt sie. Weil ihr Team mitten in einer Planung steckte, fühlte sie sich nicht richtig eingebunden. Darüber hinaus informierte der schwedische Möbelriese über Umstrukturierungspläne, die im kommenden Jahr umgesetzt werden. «Es wird niemandem gekündigt, aber wir werden in andere Abteilungen versetzt», sagt Gut. Ob sie in Spreitenbach bleibt, ist noch offen. Klar ist, dass sie nicht in den Verkauf zurück will, wo sie viele Stunden auf den Beinen stehen müsste.

Becken ist dreifach gebrochen

Auch der Körper wollte in den vergangenen Monaten nicht immer, wie sie es sich wünschte. So ergab eine Nachkontrolle im Frühsommer, dass sich beim Stumpf die Narbe verhärtet und entzündet hatte. Die Ärzte mussten ihr daraufhin ein Fadengranulom entfernen. Nach der Operation durfte sie während dreier Wochen keine Prothese mehr tragen. «Das war ein Rückschlag», sagt sie. Zudem zeigte sich, dass sie sich beim Motorradunfall das Becken nicht nur zweifach, sondern gleich dreifach gebrochen hatte. «Zwei Brüche sind am Heilen. Beim dritten hat sich bis heute gar nichts getan. Bei grosser Belastung bereitet er mir Schmerzen.» Zwar könnte sie diesen operativ beheben, doch das will sie nicht: «Ich möchte nicht schon wieder an Krücken gehen oder auf einen Rollstuhl angewiesen sein.» Solange die Schmerzen auszuhalten sind, geht es für sie in Ordnung. «Klar wäre ich froh, würde mir das Becken nicht wehtun. Doch ich kann mich glücklich schätzen. Der Unfall hätte viel schlimmer ausgehen können», sagt sie.

Diese Aussage ist typisch für Monika Gut: Sie ist eine Kämpfernatur, sieht in jedem Tief das Positive. Es bringe ja nichts, sich Gedanken über die Vergangenheit zu machen, sagt sie. «Will ich weiterkommen, muss ich anpacken.» Ihr Ehemann, ihre Familien und Freunde, die Arbeitskollegen geben ihr die nötige Kraft.

Für die Zukunft hat sich Gut einiges vorgenommen. Sie möchte ihr Arbeitspensum bei Ikea von derzeit 50 Prozent auf mindestens 80 erhöhen können. Weiter will die aufgestellte Bernerin wandern und Ski fahren. «Auch spiele ich mit dem Gedanken, wieder Motorrad zu fahren», sagt sie mit einem Schmunzeln. Diesen Sommer habe sie das Töfffahren sehr vermisst. «Es ist meine Leidenschaft», sagt Gut, die 2012 die Motorradprüfung absolviert hat. Immerhin: Sie begleitet ihren Mann hie und da als Beifahrerin bei Ausfahrten, sofern es das Becken zulässt. «Angst habe ich aber nie. Vom Zusammenstoss habe ich keine Bilder im Kopf, zum Glück!»

Stumpf ist verheilt

14 Monate sind seit ihrem Töffunfall vergangen. Obwohl es Höhen und Tiefen gab, sie ist zufrieden mit ihrem Leben: «Der Stumpf ist tipptopp verheilt. Die Prothese ziehe ich morgens mit einer Selbstverständlichkeit an wie ein paar Schuhe.»

Der Schicksalsschlag hat Monika Gut zwar körperlich verändert, dafür als Menschen stärker gemacht.