Herz-Kreislauf-Krankheiten

«Die Menschen sollen so lange wie möglich unabhängig leben»

Der Rettungsring in Jürg Hans Beers Zimmer steht für Trost und Hoffnung, die man den Patienten geben kann. Jiri Reiner

Der Rettungsring in Jürg Hans Beers Zimmer steht für Trost und Hoffnung, die man den Patienten geben kann. Jiri Reiner

Seit zehn Jahren unterstützt die Stiftung Kardio die Forschung am Kantonsspital Baden. Doktor Jürg Hans Beer sagt, warum dabei «Dr. House» und Gstaader Alpkäse eine Rolle spielen.

Die meisten Todesfälle in der Schweiz gehen auf das Konto von Herzkreislaufkrankheiten. Jährlich sterben über 22'000 Menschen daran. Unabhängig vom Geschlecht sind vor allem Personen betroffen, die älter als 65 Jahre sind. Doktor Jürg Hans Beer leitet die Abteilung Innere Medizin am Kantonsspital Baden (KSB). Zusammen mit seinen Ärzten erforscht er die Ursachen und Behandlungsmethoden von jenen Krankheiten, die das Herz und den Kreislauf schwächen. Finanzielle Unterstützung erhält er unter anderem von der Badener Stiftung Kardio.

Herr Beer, die regionale Stiftung Kardio spricht in erster Linie Gelder für Forschungsprojekte am KSB. Darf man sagen, Sie sind in einer ziemlichen Luxus-Situation?

Jürg Hans Beer: Nein, Forschung ist sicher kein Luxus, sie braucht ständig Unterstützung und sie gehört unabdingbar zur Sicherung einer guten, sich ständig weiterentwickelnden Medizin. Die Stiftung Kardio fördert und unterstützt verdienstvollerweise kleinere, aber sehr wichtige Forschungsprojekte. Diese können ebenso wie alle anderen mit der internationalen Konkurrenz voll und ganz mithalten.

Sie arbeiten in der Basisforschung und in der angewandten klinischen Forschung. Was heisst das konkret?

In der Basisforschung erfindet man kein neues Medikament, sondern schaut, «wie die Natur funktioniert», um daraus Rückschlüsse auf Mechanismen von Krankheiten oder Therapieansätze zu finden. Zum Teil können diese in die klinische Forschung umgesetzt werden: Nehmen wir an, ein Patient braucht nach einem Herzinfarkt drei verschiedene Blutverdünner. Dann kommt ein neuer Blutverdünner auf den Markt. Wir können in unserer Forschung versuchen, herauszufinden, ob das neue Medikament möglicherweise eines oder mehrere der blutverdünnenden Medikamente ersetzen könnte, sodass der Patient nur noch einen oder zwei Blutverdünner braucht und dadurch weniger Blutungsgefahren ausgesetzt ist. Dies muss in klinischen Gross-Studien überprüft werden.

Das klingt nützlich, aber wäre eine solche Studie nicht sinnvoller an einem Spital, das mehr Patienten hat – ein Unispital Zürich beispielsweise?

Bei unseren Studien arbeiten wir natürlich immer mit anderen Spitälern zusammen. Durch meine Lehrtätigkeit und mein Labor an der Uniklinik Zürich sind wir mit Zürich sehr gut vernetzt. Umgekehrt ist es so oder so auch wichtig, dass Spitäler, gleich welcher Grösse, zur klinischen Forschung beitragen. Der Aargau ist aber durch seine grossen Spitäler in Aarau und Baden aufgrund der Bevölkerungsgrösse ohne Weiteres in der Lage, einen wesentlichen Forschungsbeitrag zu leisten.

Spitäler können sich aber auch einen guten Ruf verschaffen, indem sie sich spezialisieren und auf Dienstleistungen an den Patienten konzentrieren. Forschung dagegen braucht viel Zeit, Personal und Geld. Warum also die Forschung nicht Universitätsspitälern überlassen?

Weil die kritische Auseinandersetzung mit der Forschung und deren Resultaten unsere Ärzte «fit» hält. Sie bleiben kritisch im Denken, hinterfragen Studien, Resultate und insbesondere Medikamente, statt sie einfach zu verschreiben, nur weil sie neu und angeblich besser sind. Ausserdem sollten junge Akademiker mit Forschungsinteressen frühzeitig diesen Karriereschritt kennen lernen und einschlagen können.

Lernen die Nachwuchsmediziner nicht bereits während des Studiums, kritisch zu denken?

Doch, unbedingt, aber dies ist ein kontinuierlicher Prozess, der nicht abbrechen darf. Forschen und kritisches Nach- und Hinterfragen hilft auch, kreative Lösungen zu finden.

Kreative Lösungen, das klingt ein bisschen nach Ärzteserien wie «Grey’s Anatomy» und «Dr. House». Was halten Sie von solchen TV-Ärzten?

(Lacht) Ich schaue manchmal mit meinen Studenten Sequenzen, in denen Dr. House eine Diagnose stellt. Wir analysieren dann, was richtig ist und was nicht stimmen kann. Ich muss zugeben, dass aus medizinischer Sicht öfters viel Realität dahinter steckt, natürlich sind sie oft überdreht und komprimiert, gelegentlich allzu «amerikanisiert».

In den USA hätten Sie selber die Möglichkeit gehabt, eine reine Forschungskarriere einzuschlagen. Später folgte ein Angebot des Unispitals Bern. Das sind attraktive Standorte. Weshalb haben Sie sich trotzdem für Baden entschieden?

Alle drei Standorte sind attraktiv, Baden bietet viel Gestaltungsmöglichkeiten und das KSB ist ein grosses und interessantes Spital mit viel Potenzial. In Baden kann ich den Spagat zwischen Forschung, Lehre und Patientenbehandlung machen. Letzteres hat mir damals in den USA etwas gefehlt. Und mit der vernetzten Forschung und Lehre am Universitätsspital Zürich habe ich die drei grossen Felder abgedeckt. Zudem hätten wir nie den gesunden Gstaader Alpkäse entdeckt, wenn ich in Bern geblieben wäre (lacht).

Was hat das KSB mit Gstaader Alpkäse zu tun?

Eine Ärztin an unserer Klinik berichtete, dass man sich in Gstaad die Geschichte erzählt, die Leute würden wegen des gesunden Bergkäses länger leben und dass es am Futter der Kühe liegen müsse. Wir wollten das untersuchen und haben dafür später die nötigen Gelder bekommen, sogar vom Nationalfonds.

Und wie ging die Geschichte aus?

Wir haben die Omega-3-Fettsäuren des Bergkäses aus Alpsömmerung untersucht und herausgefunden, dass die Werte viel höher sind als bei anderem Käse. Diese Fette hemmen Entzündungen im Blut und schützen vor Arteriosklerose (Arterienverkalkung). Die junge Ärztin konnte ihre Erkenntnisse damals in den besten Fachmagazinen publizieren, was mich natürlich speziell freute. Und die Gstaader nutzten das als gutes Verkaufsargument für ihren Käse (lacht).

Wer seine Forschung in den renommierten Fachmagazinen veröffentlichen kann, der hat es geschafft. Aber wie gehen Sie mit Rückschlägen um?

Man muss sich wappnen. Ich habe erst kürzlich wieder erlebt, dass Wissenschafter der Universität Harvard zum selben Thema, das wir in Baden und Zürich in der Forschung bearbeitet haben, ihre Ergebnisse an einem Kongress in San Francisco vorgestellt haben. Dass eine internationale Elite-Uni das Gleiche untersucht wie wir in Baden, sehe ich eher als positiven Hinweis, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Wir bauen auf den Ergebnissen der Konkurrenz, soweit nützlich, die nächste Schritte auf und treiben unsere Forschung voran. Man muss die Konkurrenz immer als Ansporn sehen.

Worum ging es bei den Harvard-Ergebnissen?

Es ging um Sichelzellanämie – eine Erbkrankheit: Die Blutkörperchen der betroffenen Personen verklumpen leicht und verstopfen die Blutgefässe, wodurch Thrombosen und Entzündungen entstehen. Bereits bei Kindern kann das zu stillen Hirnschlägen führen. Sie fallen oft nur durch Lernschwierigkeiten auf. Harvard hat gezeigt, dass sich Omega-3-Fettsäuren auf die Blutkörperchen und die Durchblutung der Organe positiv auswirken. Wir versuchen jetzt, zu ergründen, über welche Mechanismen diese Fettsäuren solche Hirnschläge verhindern können.

Bei Ihren Studien werden Patienten gelegentlich zu Versuchspersonen. Wie bekommen Sie deren Einwilligung?

Das ist sehr streng geregelt. Die Patienten bekommen zuerst einen Projektbeschrieb. Dieser muss von der Ethikkommission zum Beispiel der Nordwestschweiz unabhängig geprüft und gutgeheissen werden. Sind die Patienten einverstanden, dass wir sie in eine Studie einbinden, müssen sie das mit ihrer Unterschrift bestätigen. Wir haben am KSB drei Studienschwestern, die sich speziell um die Betreuung der Studienpatienten kümmern.

Müssen die Menschen erst 200 Jahre alt werden, bis die Forschung ein Ende findet?

Es geht bei der klinischen Forschung nicht primär darum, immer älter zu werden, sondern die Zeitspanne zu verkürzen zwischen einem unabhängigen Leben von möglichst guter Qualität und dem Tod. Mit anderen Worten sollen die Menschen so lange wie möglich ohne fremde Hilfe gut integriert leben können.

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