Seine 200 Quadratmeter Verkaufsfläche regiert der Plattenkönig vom Platz neben seiner altmodischen Registrierkasse aus. Zum Beweis zückt er die Scheibe «Pressure and Time» von den Rival Sons, kalifornische Nacheiferer von Black Sabbath oder Led Zeppelin. Derzeit läuft bei Wiederkehr Dark Dark Dark rauf und runter, seine «junge Musik-Liebe des Jahres». Weshalb? Diese Band sorge mit Stehbass und Handorgel für bislang ungehörten Vaudeville-Rock. Und gerne geniesst er das Album «Rome» von Danger Mouse & Daniele Luppi, auf dem Jack White oder Norah Jones mitmachen. Der Chef des Hauses behauptet: «Das erste Mal, dass Sängerin Jones wirklich berührt.» Er sagt das salopp, aber mit der Sicherheit des Connaisseurs, der alle Trends und Stile seit den 50er-Jahren kennt und trotzdem alles andere als ein Ewiggestriger ist.

Alles lässt sich auf Hendrix und Joplin zurückführen

Pedro Wiederkehr ist eine Ausnahmeerscheinung, er ist keiner, der sich auf die Nostalgie seiner Jugendjahre zurückzieht und bis ins Grab Deep Purple oder Uriah Heep hören will. «Die mochte ich auch – einst!» Er sagts mit einem Lächeln und erzählt von enttäuschenden Konzerten, wenn ein Sänger wie Deep Purples Ian Gillan stimmlich nicht mehr in die Höhe kommt und deshalb seinen Lieblingssong «Child in Time» nicht mehr singen kann. Der Musikfachmann schätzt Aktuelles, er weiss aber um die Bedeutung von ewigen Werten, deshalb liebt er die Sounds aus den Jahren 1965 bis 1975. Und wird sie auch Ende Monat mit gutem Grund auflegen: «Auf Musik von Hendrix bis Janis Joplin lässt sich auch heute noch alles zurückführen.»

Wiederkehr war damals dabei, schon jung stieg er ins Musikgeschäft ein und führte zu den Boomzeiten der Branche schweizweit elf Läden, von denen ihm heute noch drei übrig geblieben sind. Der grösste und Hauptsitz seiner ZeroZero-Kette ist in Baden, wo er nebst einer Riesenauswahl an Neuigkeiten und Vinylscheiben auch noch Freizeitkleidung verkauft. Grosse Auswahl, kompetente Bedienung und persönlicher Kundenservice machen seine Läden einzigartig. Eine kleinere Musik-Auswahl gibts in den beiden Zürcher Ablegern, dafür dort auch gebrauchte CDs ab vier und gebrauchte DVDs ab fünf Franken.

Ganze Kollektionen werden aufgekauft

Die Musik-Welt kehrt bei Wiederkehr ein: Alte, Junge, Jazzer, Blueser, Rocker und auch Hip-Hopper. Musiker, DJs, Sammler aus der Schweiz, bisweilen aus Europa und auch mal aus den USA. Sie suchen, was Pedro mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auf dem Dachboden eines alten Hauses in Baden findet. Da, wo sich ein guter Laufkilometer Vinylplatten ansammelt, von den Unmengen CDs ganz zu schweigen. Wiederkehr besitzt vermutlich die grösste Sammlung der Schweiz. «Etwa dreimal pro Jahr fliege ich nach Amerika, wo ich ganze Kollektionen aufkaufe.» Das sei jeweils das grösste Erlebnis für ihn. Unlängst liess er sich 27000 Funk- und Soul-Platten eines einzelnen Sammlers verschiffen.

Die grossen Zeiten mit fetten Margen sind allerdings vorbei. Heute, wo sich die scheinbar Gerissenen gratis im Netz bedienen, Internetbörsen die Plattenläden abgelöst haben. «Das dürfte nicht sein», findet Pedro. «Musik ist doch künstlerische und kreative Arbeit. Haben wir das Recht, diese kostenlos zu geniessen?» Er selber honoriert die kreative Arbeit, wie er das selber von früher her als Musiker selber noch kennt: Wiederkehr hatte ein halbes Dutzend Chartserfolge. In den 80ern mit seiner Italo-Disco-Band Brothers Return («Jericho» und «The Big Chance») und danach mit der ersten Mundart-Hip- Hop-Spassband Los Suissos («Yo Grüeziwohl» und «Schnappe übere»). Als Musikproduzent verbuchte er in den 90ern mehr als 70 Charts-Erfolge. Er lächelt, wenn er Anekdoten aus der Musikindustrie erzählt, wo es um viel Geld und auch Bestechlichkeit ging. Aber er selbst «schnappet nicht übere».

Street-Parade-Kompilation im Alleingang produziert

Der Mann aus einer Arbeiterfamilie und mit schwieriger Jugend gründete die Firma TBA zum Vertrieb und der Produktion von Musik, die er 1998 wieder verkaufte und die heute immer noch der grösste Schweizer Independent-Vertrieb ist. Auf TBA gab Wiederkehr unzählige heute noch gesuchte Electro- oder Techno- und House-CDs heraus. Er schwärmt, wie er etwa die 97er-Street-Parade-Kompilation im Alleingang produzierte oder die Westschweizer Gruppe Sens Unique mit dem vifen Carlos Leal betreute – da huscht ein Leuchten in seine Augen.

Wiederkehr liebt sein Leben, und es beschäftigt ihn sehr, dass in der Welt vieles im Argen liegt: Börsenkrise, Umweltverschmutzung, Tierquälerei, Überfremdung, Gier – dagegen redet er sich dann schon auch mal in Rage. Auch gegen den Polizeistaat: «Als junger Hippie lebte ich wochenlang im Wald, das scherte damals keinen. Wenn heute Jugendliche nur schon mit dem Zelt wild zwischen Bäumen schlafen, kommt gleich ein Polizist. Wo bleibt da noch Freiraum?»

Auch Wiederkehr hat mit den Ordnungshütern seine einschlägigen Erfahrungen gemacht: 1980 begann der langhaarige Pedro mit einem kleinen Headshop in der Badener Altstadt. Hippieschmuck und Raucherutensilien fanden nicht nur Freunde – er hatte dauernd Probleme mit Behörden und Polizei: «Mehrfach nahm man mich grundlos in Untersuchungshaft.» Bald hatte er genug und sattelte auf Schallplatten um, organisierte in der Region Partys und Konzerte. «Mein Laden wurde eine Rebellen-Institution, ich war unter Beschuss durch die braven Bürger – heute bestelle ich für die auch mal Musik von Roy Black oder Udo Jürgens.»

Und er berichtet von legendären Party-Zeiten im Musikgeschäft, als Bands wie Fleetwood Mac oder die Eagles so viel Geld mit Musik verdienten, dass sie ihre Swimming-Pools mit Champagner füllten. Man spürt, hier bei ZeroZero groovt Musik, Wiederkehrs Laden ist seine grosse Leidenschaft. Pedro erzählt gerne, am liebsten aber ist er mit seiner Partnerin zusammen in der Natur oder liest zu Hause. Dazu hört er Musik. Etwa von der Band It’s a Beautiful Day. Dann ist sein Tag ein besonders schöner Tag.