Ein ganz normaler Morgen im Familienzentrum Karussell Region Baden. Kinder rennen herum, ein Vater sitzt bequem am Boden und beobachtet das Geschehen. Eine Mutter hilft ihrem Kind beim Klettern. Wir treffen Rosmarie Hubschmid an ihrem neuen Wirkungsort und ziehen uns für das Gespräch in einen ruhigeren Raum zurück.

Frau Hubschmid, Ihre Vorgängerin Kathie Wiederkehr hat für das Familienzentrum Karussell Region Baden viele unbezahlte Überstunden geleistet. Haben Sie sich auch darauf eingestellt?

Rosmarie Hubschmid: Wohl wird das auch bei mir teilweise der Fall sein, aber ich habe da eine klare Haltung. Vor allem Frauen aus meiner Generation haben viel unbezahlte Arbeit geleistet, und ich finde, diese Zeiten sind vorbei. Wir erbringen eine Leistung und die soll bezahlt sein.

Die ehemalige Leiterin hat aus dem «Karussell» eine angesehene Institution gemacht – über die Bezirksgrenzen hinaus. Ein schweres Erbe?

Natürlich sind es grosse Fussstapfen, in die ich trete, aber das lähmt mich überhaupt nicht. Das «Karussell» hat unter Kathie Wiederkehr eine grosse Entwicklung gemacht. Es ist sehr angenehm für mich, einen professionellen Betrieb zu übernehmen, der auf festen Füssen steht, einen guten Ruf hat und den ich nun weiterentwickeln darf.

Haben Sie das «Karussell» vorher schon gekannt?

Erst mit dem Stelleninserat habe ich zum ersten Mal davon gehört. Ich komme aus der feministischen Sozialarbeit, habe jahrelang in Frauenhäusern in Luzern und Basel gearbeitet und seit etwas mehr als einem Jahr bei der Zürcher Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration (FIZ) den Bereich «Opfer von Menschenhandel» geleitet. Das war zwar auch eine tolle Arbeit, aber ein äusserst hartes Gebiet. Dort begann ich mir schon bald die Frage zu stellen, wie lange ich mich denn eigentlich noch mit dem Thema Gewalt auseinandersetzen möchte. Ich werde dieses Jahr 53 Jahre alt und wollte das Thema nicht länger mitnehmen und etwas anderes machen. Ich merkte auch, dass ich die Kindergeräusche vermisste, war ich doch in den Frauenhäusern über 22 Jahre lang immer von Kindern umgeben.

Die haben Sie hier ja nun wieder zur Genüge.

Ja, hier geht es fröhlich zu und her. Es findet eine andere Begegnung mit Eltern und Kindern statt. Die positive Ausstrahlung des Familienzentrums, die Vielfältigkeit und dass es ein niederschwelliges Angebot ist, überzeugte mich davon, die Leitung zu übernehmen.

Nach dreimonatiger Einarbeitung haben Sie diese seit Anfang August offiziell inne. Wo liegt im Moment Ihr Fokus?

Erst musste ich mir natürlich einen Überblick über den Betrieb und die Angebote verschaffen. Das ««Karussell»» ist ein sehr lebendiger Ort. Letztes Jahr gingen hier rund 31 000 Menschen ein und aus. Zudem befinden wir uns in diesem Jahr in einem Personalumbruch. Nicht nur die Betriebsleitung hat gewechselt, auch eine neue pädagogische Mitarbeiterin wird im Herbst zu uns stossen. Ich war von Beginn weg intensiv mit der Personalsuche beschäftigt. Annette Frommer, die Assistentin Betriebsleitung, ist ebenfalls neu.

Laut Jahresbericht 2017 kommt es in diesem Jahr auch noch zu einem Präsidiumswechsel.

Nein, zum Glück bleibt uns Präsidentin Margaritha Muelli noch erhalten. Ich bin sehr froh darüber, hat sie sich dazu entschieden, ihr Amt nicht wie geplant schon dieses Jahr abzugeben. Das gibt uns nach all den Wechseln noch etwas Kontinuität – vor allem jetzt in Zeiten der Leistungsvereinbarungen ist es gut, wenn jemand dabei ist, der das schon kennt.

Wie steht es denn um die weitere Finanzierung des «Karussells»?

Der Badener Stadtrat hat bereits Geld gesprochen. Im Moment sind Margaritha Muelli und ich mit der städtischen Abteilung Gesellschaft dran, eine Leistungsvereinbarung für die Jahre 2019 bis 2023 aufzugleisen. So erhalte ich gleichzeitig einen noch vertiefteren Einblick ins Geschehen im «Karussell». Ich erlebe die Stadt Baden als sehr transparent und fair. Auch mit Wettingen wird es für 2019 eine neue Leistungsvereinbarung geben. Ebenso werden die Gemeinden Ennetbaden und Obersiggenthal weiterhin Beiträge entrichten. Das tut gut und gibt Planungssicherheit.

Die Finanzierung ist immer wieder ein Thema im «Karussell». Was ist Ihnen wichtig?

Projektbezogene Spenden sind schön, aber um längerfristig einen Betrieb aufrechtzuerhalten, brauchen wir mehr finanzielle Kontinuität. Wir haben verschiedene Standbeine im «Karussell»: Subventionen, also die Beiträge der Gemeinden, die Erträge, die wir zum Beispiel mit der Raummiete selbst erwirtschaften, und Spenden. Dieser Punkt ist mir sehr wichtig: Wie können wir Spenden generieren, wie das Fundraising ausbauen? Kathie Wiederkehr hat zudem letztes Jahr das «Public-Private-Partnership-Projekt» aufgegleist, das Wirtschaftspartner mit an Bord holt. Bisher konnten sechs Firmen aus der Region dafür gewonnen werden, die während vier Jahren jährlich einen Betrag beisteuern. Die Mitarbeiter können vergünstigt unsere Angebote nutzen und die Betriebe zeigen damit gleichzeitig ihre Familienfreundlichkeit.

Was ist Ihnen als Leiterin des «Karussells» noch wichtig?

Mir ist wichtig, dass jeder weiss, dass das «Karussell» ein offener, freundlicher und einladender Ort ist, der erst noch zentral gelegen ist. Das wirkt sich alles sehr positiv aus. Hier haben viele unterschiedliche Menschen Platz; mit all ihren Eigenarten. Zudem ist es wichtig, dass Eltern einen Ort haben, wo sie hingehen und von ihren Erfahrungen berichten können. Menschen können oft besser etwas von anderen Leuten annehmen, die in einer ähnlichen Situation sind, um sich nicht alleine oder schlecht zu fühlen – vor allem in der heutigen Zeit, in der viele Eltern verunsichert sind und Erziehung eine grössere Herausforderung darstellt als früher noch, als es zum Beispiel das Internet noch nicht gab. Die Eltern sollen mit unseren Angeboten gestärkt werden, damit sie zu sich und ihren Werten stehen können.

Sie haben in Ihrem Berufsleben viel Leid gesehen, nun ist es leichter. Trotzdem, wie schalten Sie in Ihrer Freizeit ab?

Ich bin gerne in der Natur, fahre Velo oder gehe mit meinem Mann und unserem Hund im Wald spazieren. Zudem mag ich Gartenarbeit und pflege auch meine Freundschaften. Das war mir schon immer wichtig. Es ist hilfreich, ein Gegenüber zu haben, mit dem man gut reflektieren kann. Hier im «Karussell» ist nun aber alles viel unbelasteter, ich muss keinen Sicherheitsplan mit der Polizei und dem Gericht entwerfen oder dergleichen. Ich spüre, wie eine grosse Last von mir abgefallen ist, seit ich hier bin. Hier gibt es andere Berge zu versetzen.