Baden

«Die Puppe stirbt vor unseren Augen»

Nikolaus Habjan mit den Klappmaulpuppen Friedrich Zawrel (rechts) und dessen Peiniger Dr. Gross. Ho

Nikolaus Habjan mit den Klappmaulpuppen Friedrich Zawrel (rechts) und dessen Peiniger Dr. Gross. Ho

Das Badener Theater im Kornhaus (ThiK) widmet dem erst 28-jährigen Puppenspieler Nikolaus Habjan eine Retrospektive.

Die Stimme klingt hell und angenehm; das leicht singende Idiom lässt auf einen Österreicher und einen freundlichen jungen Mann schliessen. Das ist Nikolaus Habjan (28) so sehr, dass man gar nicht erst auf die Idee kommt, dass er Sätze auch schneidend scharf oder tränenerstickt, wie ein Kind, dem die Angst die Kehle zuschnürt, sprechen kann. So geschehen im Sommer 2014, als der Puppenspieler Nikolaus Habjan im Badener Theater im Kornhaus (ThiK) «F. Zawrel – erbbiologisch und minderwertig» spielte: ein Stück für Klappmaulpuppen (siehe Box). Dass jeder, der dabei war, noch heute erzählt, dass er einen Riesenkloss im Hals verspürt habe, spricht für die packende Aufführung. Am Ende gab es – selten genug im Theater – zunächst eine lange Pause, bevor die Zuschauer applaudierten und sich von ihren Sitzen erhoben: eine Reverenz an einen Mann, der mit Puppen unvergleichliche Theatererlebnisse schafft. Nun kehrt Habjan nach Baden zurück – nicht nur, aber auch mit «F. Zawrel».

Herr Habjan, Ihr grosser Lehrer Neville Tranter hat einmal gesagt: «Gute Puppen sind derart pur, dass es authentischer nicht geht. Das kann ein Mensch nicht schaffen.» Es gibt Momente in «F. Zawrel», die so dicht sind, dass man denkt: Eine solche Intensität kann ein Schauspieler niemals «herstellen». Ist das so?

Nikolaus Habjan: Ein Schauspieler tut so, als ob er – eine Puppe ist. Wenn ein Schauspieler auf der Bühne stirbt, dann wissen wir: Er geht nach der Vorstellung etwas essen. Die Puppe stirbt wirklich vor unseren Augen.

In «F. Zawrel» gibt es eine Gewalt-Szene zwischen dem kleinen Friedrich und dem brutalen Pfleger. Die Ohrfeige …

… ist echt, was bei einem Kinderdarsteller nicht gehen würde. Bei der Puppe hingegen schon. Das macht die Sache unglaublich real. Auf der anderen Seite sind es dann doch nur Puppen. Also wird ein Schutzmechanismus des Publikums umgangen, gleichzeitig aber ein neuer Schutzschirm aufgespannt.

Viele, die Ihr Stück über «F. Zawrel» vor zwei Jahren in Baden gesehen haben, sprechen von einem der eindringlichsten Theatererlebnisse. Der wirkliche Friedrich Zawrel ist mittlerweile gestorben. Was steht für Sie bei der Wiederaufnahme im Vordergrund?

Dieses Stück ist das Ergebnis meiner absolut intensivsten Theaterarbeit. Der Fall Zawrel ist beispielhaft für Tausende Schicksale in und um Österreich. Auch in der Schweiz kann man einen ganz starken Bezug zu den Verdingkindern herstellen. Das Stück richtet sich an alle und es verurteilt nicht. Es ermutigt, aufzupassen. Gerade im Hinblick auf die vergangene Abstimmung in der Schweiz ist der Zeitpunkt sehr gut, es wieder in Baden zu spielen.

Hat sich das Stück seit Friedrich Zawrels Tod verändert?

Natürlich. Es ist für mich intensiver geworden. Und: Ich vermisse den obligatorischen Anruf – ich habe Friedrich vor jeder Vorstellung angerufen. Ich weiss, dass es ihm sehr wichtig war, dass seine Geschichte weitererzählt wird. Das habe ich ihm am Sterbebett versprechen müssen. Friedrich würde sich sehr freuen, wenn ich ihm erzählen könnte, dass wir wieder in Baden spielen.

Ein Schauspieler kann sich nur annähern an das, was die Zuschauer sich vorstellen, haben Sie einmal gesagt. Aber die Puppe …

… spiegelt es vollkommen. Ich sage stets: Der Schauspieler muss mit Draht einen Dietrich zu unserem Herzen basteln. Das gelingt ihm nicht immer. Der Puppe werfen wir sogleich den Schlüssel zu und sie sperrt auf.

Glauben Sie, dass das Puppentheater einen ungespannteren Zugang zum Theater erlaubt?

Ja, definitiv. Die Puppe hat andere Parameter. Man kann mit einer beziehungsweise durch eine und über eine Puppe viel mehr sagen. Das ist auch der Grund, weshalb das Puppentheater so oft sehr politisch und sozialkritisch ist. Das hat meiner Meinung nach auch mit dem Phänomen der Projektion zu tun, weil man sich der Puppe verbunden fühlt – weil sie einem sehr persönliche Dinge zurückspiegelt.

Wann haben Sie eigentlich Ihre Faszination für das Puppenspiel entdeckt?

Das war schnell klar, als ich mit zehn Jahren beschlossen habe, Puppenspieler zu werden. Im Alter von fünf Jahren habe ich ein Marionettentheater – Mozarts «Zauberflöte» – besucht und wurde davon so sehr geprägt, dass ich danach nichts anderes mehr wollte.

Das Publikum erlebt Sie jetzt in Baden nicht nur als Puppenspieler, sondern auch als Kunstpfeifer: Ist das ein Gegengewicht zum Puppentheater?

Ja, absolut. Kunstpfeifen ist ein grosser Spass für mich und das Publikum. Die Oper ist ja meine grosse Leidenschaft. Man glaubt gar nicht, wie viel Humor da freiwillig und unfreiwillig drinsteckt. Da ich ja kein Koloratursopran bin, muss ich eben pfeifen. Mein Pianist ist auch grossartig.

Sie waren bereits mehrmals am Figura Theaterfestival dabei; nun gastieren Sie erneut in Baden, diesmal im Rahmen einer Retrospektive. Wird man Sie wieder in der Schweiz sehen können?

Ja, die Zukunft bringt mich öfter in dieses Land – ans Schauspielhaus Zürich mit einem grossen Projekt.

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