Montagsporträt

«Die Realität hat mich oft frustriert»: Sozialdienst-Leiter der Arwo-Stiftung Wettingen tritt nach 25 Jahren ab

Manfred Wullschleger ist froh, erst einmal etwas Distanz zu bekommen.

Manfred Wullschleger ist froh, erst einmal etwas Distanz zu bekommen.

Manfred Wullschleger hat 25 Jahre den Sozialdienst der Arwo-Stiftung in Wettingen geleitet – eine Herausforderung.

Die Wände des Büros von Manfred Wullschleger zieren nebst Kunst auch Postkarten mit Zitaten: «Welchen Job man macht, liegt auch an den Chancen, die man erhält» oder «Vorhersagen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen» steht darauf. Sie sind unverkennbar mit seiner Tätigkeit als Leiter des Sozialdienstes der Arwo in Wettingen verbunden. Die Stiftung ist über die Region hinaus bekannt, hier leben und arbeiten Menschen mit schwereren und leichteren Beeinträchtigungen. Es gibt 122 Wohnplätze, 276 erwachsene Menschen arbeiten an geschützten Arbeits- und Beschäftigungsplätzen. Vor allem bei Letzterem spielte Wullschleger eine wichtige Rolle. Und nun verlässt er diese, er geht nach 25 Jahren in Pension.

Seine hellblauen Augen funkeln, wenn er von seiner Arbeit erzählt, und mit seiner ruhigen Stimme und dem Berner Dialekt verbreitet er eine warme Atmosphäre. Man merkt es Wullschleger an: Er verlässt nicht einfach einen Job, der ihm und seiner Familie ein Auskommen bescherte, er verlässt eine Lebensaufgabe. «Es war eine spannende, aber auch anstrengende Zeit», sagt er, «und immer erfüllend». Und so ist nun sein Herz zweigeteilt. Einerseits freut er sich sehr über den neuen Lebensabschnitt, der ihn erwartet, andererseits kann er es gar noch nicht so richtig einschätzen, wie es sein wird, wenn die Arbeit nicht mehr sein Leben dominiert und er nicht mehr den Weg von Brittnau im Bezirk Zo­fingen nach Wettingen fahren muss, so wie er das so viele Jahre getan hat. Was ihm aber ganz sicher fehlen wird, das ahnt er bereits, wird der Kontakt zu den Menschen hier sein: «Diesen Verlust werde ich wohl zuerst verarbeiten müssen», sagt er.

1994 ist er als Betreuer in einem der Wohnheime an der St.Bernhardstrasse gestartet. Als 1999 der Sozialdienst ins Leben gerufen wurde, war für ihn klar: «Das ist der nächste Schritt, da will ich unbedingt hin.» Nach einer Zusatzausbildung übernahm er den Sozialdienst und hat diesen in den letzten 20 Jahren aufgebaut, geführt – und geprägt.

Gelernt hat er einst Bäcker-Konditor. Mit 33 Jahren liess er sich umschulen, er wollte sich mehr um die Menschen selbst kümmern und sie auf ihrem Weg begleiten. Wullschleger suchte nach mehr Sinn in seinem Leben: «Ich war sehr an der Frage interessiert, warum die Menschen so sind, wie sie sind.» Also absolvierte er die Ausbildung an der Schule für Heimerziehung, wie sie damals noch hiess. Heute ist das die Hochschule für Soziale Arbeit. Zuerst arbeitete er mit Jugendlichen in einem Heim: «Die haben aber so schwierig getan, das war mir auf Dauer zu anstrengend», sagt er.

Menschen mit einer Beeinträchtigung können genauso eine Herausforderung sein, aber: «Da spürt man eine grosse Dankbarkeit. Ausserdem können sie viel ehrlicher und direkter sein, sie sprechen nicht um den heissen Brei herum.» Das habe er immer sehr geschätzt. So gehörten zum Beispiel Vorstellungsgespräche zu seinen Aufgaben – eine von vielen. Dazu führte er Stellenanwärter innerhalb der Arwo durch die Räumlichkeiten, um ihnen ihren möglichen Arbeitsplatz zu zeigen. «Erst kürzlich war eine Frau hier. Kaum hatte ich ihr den Platz gezeigt, sagte sie sofort: Nein, hier will ich nicht arbeiten», erzählt er und muss bei dieser Erinnerung grinsen.

Wann ihm das Lachen verging

Die Aufgabe im Sozialdienst benötigte nicht nur viel Einfühlungsvermögen, sondern kam auch mit viel Verantwortung und der stetigen Auseinandersetzung mit der Schweizer Sozialpolitik daher. Dabei war ihm weniger zum Lachen zu Mute. «Die Realität hat mich oft frustriert und hässig gemacht», gibt er offen zu. Die Anfragen für Wohn- und Arbeitsplätze hätten in den Jahren seiner Tätigkeit zugenommen und damit auch administrative Fragen wie zum Beispiel zu Sozialversicherungen. Bei Gesprächen mit Eltern und Angehörigen standen oftmals Fragen nach der finanziellen Abdeckung im Vordergrund: Wie lässt sich das Leben im Wohnheim finanzieren? Welchen Anteil der Kosten trägt die Invalidenversicherung? Wie viel decken die Ergänzungsleistungen ab? So verdienen viele Mitarbeitende der Arwo zwischen 400 bis 600 Franken monatlich.

Die Rente beträgt bei den meisten 1587 Franken und dazu noch Ergänzungsleistungen, die individuell berechnet würden. Mitarbeitende, die selbstständig in einer eigenen Wohnung leben, kämen so auf ein Einkommen von rund 2500 Franken. «Mit diesem Geld auch noch ein Sozialleben zu pflegen, ist praktisch unmöglich», sagt er. Als ein weiteres ungerechtes Beispiel nennt er die (inzwischen wieder aufgehobene) Kürzung der Dauer der IV-Anlehre auf ein Jahr, wogegen Eltern bis vor Bundesgericht ziehen mussten: «Die Lehre dauerte bis vor zehn Jahren zwei Jahre; was immer noch wenig ist, wenn man bedenkt, dass beeinträchtigte Menschen verlangsamter sind und viel mehr Zeit brauchen. Und dann wird die Lehre auf ein Jahr gekürzt, um Geld zu sparen», ärgert sich Wullschleger. Man müsse doch berücksichtigen, welche Fähigkeiten und Fertigkeiten diese Personen mitbringen, und welche Eigenarten sie haben.

Dafür reiche ein Jahr einfach nicht aus. Diese Menschen hätten eine anständige Ausbildung verdient und sollen sich am sozialen Leben beteiligen können. Das Sparen auf dem Buckel von beeinträchtigten Menschen mache ihn wütend: «Das hat gar nichts mit Integration zu tun. Es stellt sich die Frage: Was sind uns diese Menschen wert? Was ermöglichen wir ihnen? Sie werden nie selbst für ihren Lebensunterhalt aufkommen können, daran gibt es nichts zu rütteln.» Deshalb fühle sich vieles immer noch sehr nach Separierung und Ausgrenzung an, trotz aller Integrationsbemühungen. Klar, die seien schon viel fortgeschrittener als noch vor wenigen Jahrzehnten, das Thema bleibe aber trotzdem aktuell: «Beim Umgang mit den Schwächsten ist in der Schweiz noch viel Luft nach oben», bekräftigt Wullschleger.

Automatisierung ist eine Herausforderung

Ein anderer Faktor, der für die Arwo ebenfalls erschwerend hinzukomme, sei auch das Auftragsvolumen. Das sei zwar nicht sein zentrales Gebiet, doch: «Wir müssen uns inzwischen viel mehr um Aufträge bemühen.» Der Konkurrenzdruck sei gross, weil die Auftraggeber bestimmen, zu welchem Preis produziert werden müsse. «Ausserdem braucht es einfache und repetitive Arbeiten. Doch genau diese werden je länger, je mehr automatisiert.» Das sei eine Herausforderung, die sich noch verschärfen werde.

So engagiert wie er über diese Problematiken spricht, liegt es nahe, dass sich Wullschleger dereinst für sozialpolitische Fragen einsetzen könnte. Doch so weit ist er noch nicht: «Ich bin froh, wenn ich nun erst einmal etwas Distanz bekomme», sagt er. Noch verbleiben ihm ein paar Tage, um seine Nachfolgerin Silvia Krüsi einzuarbeiten. Danach wird erst einmal ausgeatmet und entspannt. Endlich hätten er und seine Frau mehr Zeit für gemeinsame Unternehmungen: «Ich freue mich über die neue Spontanität, die jetzt möglich wird.»

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