Wettingen
«Die Region hätte das Zeug zur Universitätsstadt»

Heute Freitag feiert Alt Gemeindeammann Lothar Hess seinen 90. Geburtstag.

Roman Huber
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Lothar Hess, Alt Gemeindeammann, Wettingen, wird heute 90-jährig. Archiv

Lothar Hess, Alt Gemeindeammann, Wettingen, wird heute 90-jährig. Archiv

Archiv Walter Schwager

Es ist etwas ruhiger um ihn geworden in seinem Eigenheim. «Damit komme ich im Erdgeschoss noch gut zurecht», sagt der Jubilar und meint damit den Gehbock. Ins Obergeschoss helfe ihm der Treppenlift. Die Spitex hält den Haushalt in Schuss und kocht für ihn, denn vor vier Jahren war seine Ehefrau Edeltrud verstorben.

Wettingens Gemeindeammann hadert nicht mit den Altersgebresten an seinem Gehapparat. «Ich sollte etwas mehr trainieren, damit ich möglichst mobil bleibe», meint er zwar selbstkritisch. Hauptsache sei jedoch, dass es im Kopf noch funktioniere, fügt er schmunzelnd an.

Gespräche über dies und jenes, vorzugsweise über das Weltgeschehen und die Kommunalpolitik von damals, aber auch von heute, das schätzt Lothar Hess nach wie vor. Die tägliche Zeitungslektüre bildet dazu eine wichtige Grundlage für ihn. Wer bei ihm an der Lerchenstrasse auf Besuch kommt, der ist nämlich ein willkommener Gast, mit dem sich Hess gerne austauscht. «Viele aus meiner Zeit leben leider nicht mehr», sagt der Lothar Hess.

Die Entwicklung der Gemeinde liegt ihm immer noch sehr am Herzen. Nicht ohne Grund, denn für die heutige Infrastruktur der Gemeinde hatte Lothar Hess weitgehend die Grundlagen geschaffen. 31 Jahre lang, nämlich von 1962 bis 1993, wirkte er als Gemeindeammann von Wettingen. Für sein Wirken hat ihm die Gemeinde das Ehrenbürgerrecht verliehen. 26 Jahre lang sass er für die CVP zudem im Grossen Rat und vertrat dort die Anliegen der Region. Entsprechend sind es diese Themen, die ihn weiterhin beschäftigen. Dazu gehört die Landstrasse, die er selber gerne als pulsierender Ort der Gemeinde, als Flaniermeile gestaltet hätte. Es sei bedauernswert, dass diese Idee nicht umgesetzt werde, sagt er.

Sehr bedeutend sei für ihn die Landpolitik der Gemeinde gewesen. Dank Landerwerb habe man die Basis für funktionierende und ausbaufähige Schulkreise geschaffen. Nun stelle er fest, wie sich die Politik davon entferne. Er warnt davor, in finanziell schwierigeren Zeiten das Land zu verkaufen.

Lothar Hess, gelernter Jurist und Staatsanwalt, war bekannt als gewiefter Politiker, der – spitz formuliert – mit allen Wassern gewaschen war. Ein genügsames Schmunzeln breitet sich in seinem Gesicht aus, wenn er von seinen geschickten und weitsichtigen Schachzügen erzählt, mit denen er der Gemeinde zu Mehrwert verholfen hatte. Die eine oder andere Geschichte, so unter anderem der Erwerb der Liegenschaft Schartenfels für die Ortsbürgergemeinde, würde sich als Krimi gut verkaufen lassen.

Lothar Hess galt schon immer als Verfechter der Zusammenarbeit in der Region. «Ich machte mir Gedanken darüber, wie die Regionsgemeinden ihre stets komplexer werdenden Aufgaben dereinst bewältigen könnten.» Auch aus heutiger Sicht steht für Hess fest: «Eine Regionalstadt wäre durchaus eine erstrebenswerte Sache.» Das habe er vor vielen Jahren auch mit dem Berner Stadtplaner Hans Aregger diskutiert. Hess geht noch weiter: «Als Regionalstadt hätte diese Region sogar das Zeug zur Universitätsstadt.» Im kleinen Kreise, so auch mit Sohn und Tochter sowie Enkeln, wird Lothar Hess heute das Glas auf die runde Zahl seines langen, schaffensreichen Lebens erheben.

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