Kurtheater Baden
Die Regisseurin sucht Mauerbauer

Helena Waldmann erzählt, was es mit ihrem vom Kurtheater Baden koproduzierten Stück «Gute Pässe Schlechte Pässe» auf sich hat.

Elisabeth Feller
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Einblick in die Proben – hier in Darmstadt – zu Helena Waldmanns neuem Stück, das bald in Baden zu sehen ist. Herbert Cybulska/HO

Einblick in die Proben – hier in Darmstadt – zu Helena Waldmanns neuem Stück, das bald in Baden zu sehen ist. Herbert Cybulska/HO

«Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten!», sagte der DDR-Staats- und Parteichef Walter Ulbricht 1961 – doch kurz darauf wurde die Berliner Mauer gebaut. 2017 sagt der amerikanische Präsident Donald Trump: «Wir werden die Mauer (zu Mexiko) bauen.» Eine, allerdings aus Menschen bestehende Mauer lässt nun auch die deutsche Regisseurin und Choreografin Helena Waldmann auf der Bühne erstellen – und lässt dort in ihrem jüngsten Stück «Gute Pässe Schlechte Pässe» anklingen, worum es geht: Grenzen, Abschottung, Beschränkung der Freiheit.

«Schlechtester» Pass der Welt

Griff die mutige Theaterfrau in ihren früheren, schon in Baden gezeigten Produktionen brennende Themen wie zum Beispiel Demenz («revolver besorgen») oder ökonomische Parallelen zwischen Fabrikarbeiterinnen in Bangladesch und Künstlerinnen im Westen («Made in Bangladesh») auf, spürt sie jetzt diesen Fragen nach: Welchen Wert hat ein Pass? Wer oder was bestimmt darüber? Oder in Helena Waldmanns eigenen Worten: «Weshalb sind viele Menschen dank ihres Passes bewegungsfrei ohne Ende und so viele andere wiederum nicht? Weshalb», fragt die Regisseurin mit Nachdruck weiter, «kann ich mit meinem deutschen Pass ohne Visum oder einem Visum on arrival in 178 Länder ohne Probleme einreisen? Weshalb können das aber viele meiner Freunde nicht? Weshalb wird beispielsweise Afghanen, die derzeit den ‹schlechtesten› Pass der Welt besitzen, nur in 25 Ländern vorbehaltlos die Einreise gewährt?» Die Regisseurin erzählt von einem, sie schockierenden Vorgang in einem nicht namentlich genannten Land. «Da musste ein dunkelhäutiges Mitglied einer international renommierten Tanzcompagnie mit einem gültigen Pass bei der Einreise beweisen, ob es tatsächlich ein Tänzer sei. Ihm wurde gesagt: ‹Dance›. Und er tanzte. Ist das nicht entwürdigend?»

Gesucht: Statisten

Die Regisseurin und Choreografin Helena Waldmann sucht für ihr Tanzprojekt «Gute Pässe Schlechte Pässe» Statistinnen und Statisten aus der Region (keine Bühnenkenntnisse erforderlich). Diese sollen eine Mauer bilden, die den Bühnenraum teilt und strukturiert. Die Probe findet im Kurtheater, Parkstrasse 20, Baden, am Montag, 6. März, von ca. 18 bis 21 Uhr, statt; die Aufführung dann am Dienstag, 7. März, 20 Uhr. Dauer: 70 Minuten, keine Pause. Weitere Infos und das Anmeldeformular ab morgen auf: www.kurtheater.ch (EF.)

Aktueller könnte Helena Waldmanns jüngste Schöpfung nicht sein. Sie hat es von langer Hand und gestützt auf ihre Erfahrungen als einer global wirkenden Theaterschaffenden vorbereitet. Wer die titelgebenden Worte «Gute Pässe Schlechte Pässe» ausspricht, spinnt den Faden automatisch fort zu Einreisestopp sowie Mauerbau und damit zu – Donald Trump. Diesbezüglich habe sie wohl, genau wie bei «Made in Bangladesh», wieder einmal einen guten Riecher gehabt, sagt Helena Waldmann dazu und spielt auf viele ihrer Themen an, die zu brisanten, gesellschaftlich breit verhandelten wurden.

Menschenmauer im Zentrum

Der Pass, unterstreicht Helena Waldmann, rufe zur Sortierung auf – wie sehr und mit welch einschneidenden Konsequenzen, wird in «Gute Pässe Schlechte Pässe» aufgezeigt. Im Zentrum steht eine Menschenmauer, die zwei überaus unterschiedliche Compagnien trennt: vier zeitgenössische Tänzer und vier Artisten aus der Welt des Nouveau Cirque. Die 20 am jeweiligen Aufführungsort – im März ist das Baden – ausgesuchten Statistinnen und Statisten repräsentieren dabei jene Grenze, die die Compagnien selbst definieren und die ihnen ihre Bewegungsfreiheit nimmt.

Für Helena Waldmann ist diese aus Körpern gebildete Grenze «nie absolut, sondern sehr beweglich. Sie wirkt einschüchternd; sie kann ebenso eine ‹vierte Wand› bilden wie einer ‹Mauerschau› dienen, die der jeweils anderen Nation Eigenschaften zuschreibt, die diese nicht verdient.» Das Publikum wird auf der Kurtheaterbühne verfolgen können, wie auf der Bühne ununterbrochen verschiedene Lager entstehen und sich die Fronten zunehmend verhärten. Kein Wunder, bilden sich immer mehr neue menschliche Demarkationslinien: einerseits zwischen Tänzern und Artisten, andererseits auch ganz persönlich in den Köpfen der Zuschauer. Aufrüttelnd.