Wettingen
«Die Sesshaften werfen alle Fahrenden in denselben Topf»

Seit zwei Wochen lang leben rund 140 Schweizer Fahrende auf der Zirkuswiese. Morgen Samstag werden sie mit Sack und Pack weiterziehen, nach Schwyz und werden auch dort mit vielen Voruteilen konfrontiert sein, wie sie sagen.

Tabea Baumgartner
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Malstunde auf der Zirkuswiese: Die Kinder der Fahrenden besuchen im Winter die Schule, im Sommer müssen sie Hausarbeiten erledigen.

Malstunde auf der Zirkuswiese: Die Kinder der Fahrenden besuchen im Winter die Schule, im Sommer müssen sie Hausarbeiten erledigen.

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Die Wohnwagen-Karawane auf der Zirkuswiese Margeläcker in Wettingen ist augenfällig. Zwei Buben und drei Mädchen tollen auf dem Kiesplatz herum, ihre blonden Haare flattern im Wind. Ein Junge rattert mit dem motorisierten Kleinrad vorbei.

Ob die Passanten wissen, wer da haust? Nur wenige wagen es, das Wohnwagendorf zu betreten. «Sie denken, die ‹Zigeuner sind wieder da›», sagt Josef Birchler und zieht an seiner Pfeife. In Gartenstühlen sitzt er mit seiner Frau Susanne vor dem Wohnwagen. «Zigeuner» – dieses Wort mag die Familie Birchler nicht. «Es ist mit vielen negativen Vorurteilen verbunden», sagt Josef. Ein Zigeuner gelte als klauender Gauner. «Die Sesshaften werfen alle Fahrenden in denselben Topf», sagt er.

Im Frühling gehts ab auf die Reise

Josef und Susanne Birchler sind Schweizer Staatsangehörige, «geboren als Fahrende», sprechen Schweizerdeutsch sowie die jenische und die manusche Sprache. Angemeldet in Zürich Seebach, bezahlen sie dort Steuern. Im Winter wohnen sie in einem kleinen Haus. «Dann fehlt uns die Reise. Sobald es Frühling wird, zieht es uns weg», sagt Susanne Birchler. Im Sommer sind sie in der ganzen Schweiz unterwegs. Ihre drei Kinder haben die reguläre Schule absolviert, aus der Ferne die Hausaufgaben erledigt. «Sie sind nie sitzen geblieben», sagt die Mutter stolz.

Das Wohnwagendorf erinnert an einen Campingplatz: Da feuert jemand den Grill ein, dort diskutiert eine Gruppe junger Männer. «Viele Sesshafte verwechseln das mit Ferien», sagt Josef. «Wir reisen umher, um Geld zu verdienen. Um unseren Beruf auszuüben, müssen wir mobil sein.» Birchlers leben seit Generationen vom Messerschleifen. Mit Anhänger und Schleifmaschine fahren sie zu den Kunden und bearbeiten die Messer vor Ort. Mal laufe das Geschäft besser, mal schlechter. «Bis jetzt sind wir immer über die Runden gekommen», sagt Josef. Man müsse sich anpassen. Mit dem, was sie haben, seien sie zufrieden.

Mehr Absagen als Zusagen

Susanne Birchler organisiert die Plätze für die rund 140 Fahrenden. «Ich kriege mehr Absagen wie Zusagen», sagt Birchler. Es gäbe nur wenige Plätze, wo 35 Wohnwagen stehen können. In Wettingen klappe es meistens. Sie organisiert auch Wasser, Strom und die Abfallentsorgung. «Wenn wir weiterfahren, räumen wir sauber auf. Schliesslich wollen wir wieder kommen.»

Mitten im Wohnwagendorf steht ein weisses Festzelt. «Unsere Kapelle», sagt Josef Birchler. Er ist der Gemeindeleiter der kleinen katholischen Kirche. Über dem weiss gedeckter Tisch mit Kerzen und Blumen hängt ein Kreuz, daneben steht die Statue des Heiligen Zefferino, des Schutzpatrons der Fahrenden. 15 Kinder lauschen der «Katholischstunde», so nennt die Katechetin Marina Birchler den Religionsunterricht. «Sie lernen hier nicht nur biblische Geschichten kennen, sondern auch lesen, zuhören und still sitzen», sagt sie. Auch Sportunterricht gehöre zum Kinderprogramm.

Von Wettingen nach Schwyz

Wenn Josef Birchler an seine Kindheit zurückdenkt, legt sich ein Schatten auf sein Gesicht. «Damals war es schwierig.» Die Fahrenden wurden oft vertrieben. Heute seien beide, sowohl Fahrende wie Sesshafte, offener geworden. «Die Leute sollen sich auf Augenhöhe begegnen können und einander respektieren», sagt er.

Morgen Samstag werden sie mit Sack und Pack weiterziehen, nach Schwyz. Das Kommen und Gehen ist für sie Alltag. Birchlers lächeln, während sie sich verabschieden. «Vielleicht bis zum nächsten Jahr.»