Ein bewegtes Jahr liegt zurück. In Baden kann man wahrlich auch von einem schwierigen Jahr sprechen, das doch noch ein versöhnliches Ende genommen hat: In den Bädern steht der Durchbruch für das neue Thermalbad und die Rehaklinik unmittelbar bevor. Und ist die Badener Weihnachtsbeleuchtung noch als die schönste in der Schweiz auserkoren worden. Ein guter Augenblick, Thomas Lütolf, Leiter Abteilung Standortmarketing der Stadt Baden – die im 2015 zehn Jahre alt wird – eine Standortbestimmung machen zu lassen.

Herr Lütolf, zuerst ein Blick in die Zukunft. Was sagen Sie zur Idee von Pierre Mollet, das Schloss Stein wieder aufbauen zu lassen?

Thomas Lütolf: Die erfrischende Idee trägt zum Diskurs der Stadt-Identität bei, und der respektvolle Umgang mit der Historie ist für eine Stadt von grosser Bedeutung. Jedoch zeichnete Baden bei allen bedeutenden Investitionen vor allem die mutige Zukunftsorientierung aus. Ich erkenne deshalb im weltoffenen Blick nach vorne die grossen Chancen unserer Kleinstadt.

Zurück in die Gegenwart: Wo steht Baden an der Jahreswende aus Sicht des Standortmarketings?

Der Blick zurück lässt tatsächlich wertvolle Meilensteine erkennen, die Baden und der Region gut tun. Einige KMU machten mit grossen Verdiensten von sich reden und konnten ihr rasantes Wachstum mit neuen Räumlichkeiten langfristig in Baden sichern. In der Hotellerie setzte sich mit der Kulturpicknick-Kampagne das über fünfprozentige Wachstum der Logiernächte am Wochenende fort. Und das Tagungsangebot schafft mit der Erweiterung des Trafo den Sprung in die hart umkämpfte oberste Liga. Die Privatwirtschaft investiert also beeindruckend.

Dem erweiterten Trafo messen Sie eine besondere Bedeutung bei. Aus welcher Sicht?

Mit der Eröffnung der grossen Trafohallen ist der Wandel zum überregional bedeutenden Tagungsort eingeleitet. Daran werden Hotels, Grandcasino, Gastronomie und Läden partizipieren können. Diese gepackte Chance, als kleine Destination im Grossraum Zürich eine funktionale Rolle übernehmen zu können, wird viel Wertschöpfung in die Region bringen, mit unzähligen Geschäfts- und Privatkontakten, die sonst anderswo in der Schweiz stattfinden würden.

Wie soll dieses Potenzial der Stadt Baden weiter gepflegt werden?

Primär gilt es, unbedingt zu den bestehenden Stärken und Tugenden Sorge zu tragen, in Zusammenarbeit mit der Region. Ich denke dabei nicht allein an die Kulturszene, die vielen Freizeitangebote, die Badenfahrt oder die Nähe zur Natur. Im Gästebereich steht der wichtigste Entwicklungsschritt in den Bädern bevor, wenn die heutigen Nischen- mit Familienangeboten rund ums Thermalwasser ergänzt werden. Freuen wir uns, wenn der Name unserer Kleinstadt bald wieder Programm ist.

Ist auch der Firmenstandort Baden gewachsen?

Im laufenden Trimester siedelten 59 Firmen in Baden an, 38 davon sind Neugründungen. 20 Firmen wurden gelöscht, 28 sind an verschiedenste Orte weggezogen. Mit diesem positiven Saldo liegen wir im Trend der vergangenen sechs Jahre, wo jährlich netto durchschnittlich 40 Firmen mehr und somit heute über 1900 Firmen in Baden zu Hause sind.

Hat die Zahl der Arbeitsplätze auch derart massiv zugenommen?

In den meisten Fällen handelt es sich um Kleinfirmen. Folgerungen zur Beschäftigungszahl sind schwierig. Wir stellen allerdings bzgl. Unternehmensgrösse keine Unterschiede zwischen den zu- und wegziehenden Firmen fest. Deshalb dürften die 2008 letztmals erhobenen 25000 Beschäftigten (bzw. 22000 Vollzeitäquivalenten) mit den seither netto zusätzlichen 250 Firmen recht gut stimmen.

Gibt es bestimmte klingende Namen zu erwähnen?

Spektakuläre Mutationen gab es 2014 nicht. Dennoch ist natürlich jede wegziehende Firma ein Verlust.

Die Alstom-Generalversammlung hat jüngst der Übernahme durch die GE zugestimmt. Jetzt haben die Wettbewerbskommissionen noch das Wort. Was lässt sich heute über die Alstom-Zukunft in Baden sagen?

Zu den von Regierungs- und Bundesrat gemachten Informationen gibt es derzeit keine Ergänzungen. Baden hat gute Karten. Kanton und Stadt sind in regelmässigem Austausch mit den Zuständigen seitens Alstom/GE. Für weitere Entscheidungen werden wir uns noch mehrere Monate gedulden müssen.

ABB verzeichnete Erfolge, vielfach jedoch im Fernost-Geschäft, das Baden weniger berührt. Wie steht Baden heute bei ABB im Kurs?

ABB ist in der Energie- und Automationstechnik führend. Obwohl der Konzern nur konsolidierte Ergebnisse ausweist, darf man davon ausgehen, dass ABB Schweiz mit Sitz in Baden in diesem globalen Unternehmen auch künftig eine wichtige Rolle einnehmen wird. Jüngster Ausdruck der Zukunftsorientierung und stolzes Bekenntnis zum Standort sind die Investitionen in ein Labor der Leistungselektronik am Konzernforschungszentrum in Dättwil. Zusammen mit den Kompetenzzentren in Lenzburg und Turgi ist die internationale Bedeutung entsprechend gross.

Zum Triple A gehört Axpo. Eher wieder ein trauriges Kapitel. Wie viele Arbeitsplätze verliert Baden, oder wie hoch ist die Einbusse an Aktiensteuern?

Der europäische Strommarkt und die beschlossene Energiewende stellen sämtliche Schweizer Energiekonzerne vor grosse strukturelle und finanzielle Herausforderungen. Eine Einschätzung der Konsequenzen aus Sicht Standortmarketing wäre zum heutigen Zeitpunkt reine Spekulation. Gelingt es in dieser aktuell schwierigen Situation, das auch in Zukunft sehr bestimmende Thema Energie dank lokal konzentrierter Kompetenz weiterhin aus Baden heraus mit zu prägen, so können hier mittelfristig neue Geschäftsfelder entstehen.

Was bedeutet für Baden der Verlust der Zurich International School? Spürt man diesen Verlust bereits?

Wir müssen den Entscheid des Unternehmens respektieren. Doch der Wegzug stellt einen klaren Verlust für Baden dar. Für spürbare Auswirkungen ist es noch zu früh.

Wie wirkt sich das aus?

Es wird bestimmt Eltern geben, die sich gezwungen sehen, bei Wegfall dieser privaten Dienstleistung, die Region Baden zu verlassen. Allerdings dürfte die heutige Nachfrage für 100-150 Schüler auch in den nächsten Jahren Bestand haben, wie dies eine aktuelle Evaluation nochmals bestätigt. Inzwischen haben andere Privatschulen ihr Interesse an diesem Volumen bekundet. In regem Austausch mit den betroffenen Badener Firmen setzen wir alles daran, so rasch wie möglich eine Nachfolgelösung zu finden.

Die Finanzsituation hat sich für Baden drastisch verschärft. Was sind die Konsequenzen für ihr Ressort und den Standort Baden generell?

Die Grundaufgabe der griffigen Positionierung gewinnt bei finanzieller Anspannung an Bedeutung. Denken wir unter anderem an die Anliegen der ansässigen Firmen im Austausch mit der Stadt. Je attraktiver der Standort für sie ist, umso erfolgreicher können sie im Markt agieren, was einerseits das Steuersubstrat positiv beeinflusst und andererseits anziehend für andere Firmen wirkt. Beides fördert auch das lokale Sponsoring-Potenzial, was wiederum der Kultur- und Freizeitszene dient. Im Bewusstsein solcher Relais-Funktionen nehmen die Aufgaben für das Standortmarketing in schwierigem Umfeld deshalb eher zu.

Auch die ganze Affäre um Stadtammann Geri Müller dürfte der Stadt geschadet haben. Inwiefern?

Darüber Auskunft zu geben liegt wohl nicht an einzelnen Abteilungen. Es ist Sache des Stadtrats, hierzu eine Stellungnahme abzugeben.

Nächstes Jahr beginnen die Bauarbeiten am Schulhausplatz. Ein zusätzliches Problem für Baden?

Die Neugestaltung des Schulhausplatzes ist ein Jahrhundertprojekt für Baden. Es kommt allen in und um Baden zugute. Von Sommer 2015 bis Ende 2017 sind die Projektverantwortlichen auf die Mitwirkung und das Verständnis aller angewiesen. Der unverzichtbare Umbau des grössten regionalen Knotens wird in dieser Zeit eine bedeutende Veränderung in der Erschliessung darstellen. Weil das Verkehrsregime nicht laufend ändern wird, dürften sich rasch neue Gewohnheiten einstellen.

Die Erreichbarkeit der Innenstadt wird unter der Bauerei leiden.

Dennoch muss das Hauptaugenmerk der ständigen Erreichbarkeit gelten, für Einwohner, Firmen und Besucher der Stadt. In der Zusammenarbeit mit dem lokalen Gewerbe werden wir auch die Attraktivität der Innenstadt besonders betonen, um teilweise längere Fahrzeiten in Kauf zu nehmen oder andere Verkehrsmittel zu wählen. Die Betroffenen werden auf verschiedensten Kanälen laufend über die Verkehrssituation informiert. Wir schätzen natürlich auch die Unterstützung der Medien.