Vor einer Woche teilte der Badener Stadtrat mit, dass in Baden das Tanzverbot aufgehoben wird. Neu dürfen Gastrobetriebe und Klubs auch an christlichen Feiertagen statt nur bis 0.15 bis 4 Uhr offen haben.

Reaktionen auf diese wichtige Änderung gab es praktisch keine. Und in einer Online-Umfrage dieser Zeitung stört sich nur rund ein Drittel an der Aufhebung des Tanzverbots.

Doch was sagen eigentlich die zwei wichtigsten Landeskirchen dazu, dass neu auch an Karfreitag, Ostern oder Weihnachten bis in die frühen Morgenstunden gefeiert werden darf?

«Mit diesem Entscheid des Stadtrates entfernt sich die Kultur der Stadt Baden einen Schritt weiter von der Tradition der Beachtung christlicher Werte und Traditionen, die sich auch in der Rücksicht auf die hohen christlichen Feiertage zeigte», sagt Stadtpfarrer Josef Stübi.

Dies habe der Stadt Baden in christlich-orientierten Kreisen der Bevölkerung durchaus Respekt und Ansehen verliehen. «Aber auch hier hat man sich nun dem Mainstream gebeugt. Mich persönlich stört es am meisten, dass bei diesem Entscheid nicht einmal mehr auf den Karfreitag Rücksicht genommen wurde», kritisiert Stübi.

Denn: «An Karfreitag gedenken die Christen weltweit der Kreuzigung und des Todes Jesu Christi. Das ist kein Grund zum Feiern.» Es sei vielmehr ein Tag der Stille und Besinnung.

«Der Entscheid des Stadtrates zeugt nicht gerade von grosser Rücksichtnahme und Respekt gegenüber den religiösen Gefühlen eines nach wie vor recht grossen Teiles der Bevölkerung», so Stübi.

Darüber habe man sich wohl im Stadtrat nicht ernsthaft Gedanken gemacht. «Es hat auch bei uns niemand nachgefragt.»

Selbstverständlich bleibe es engagierten Christen überlassen, ihre Festtage entsprechend ihrer religiösen Tradition zu begehen. «Wer weiss, vielleicht löst dieser Entscheid bei manchen eine diesbezügliche Neubesinnung auf die persönliche und gesellschaftliche Bedeutung christlicher Werte aus – und daraus vielleicht auch politische Debatten», hofft Stübi.

Etwas weniger heftig fällt die Reaktion von Christina Huppenbauer, Pfarrerin bei der Reformierten Kirche Baden, aus: «Tanzen steht sinnbildlich für Lebensfreude, diese braucht angemessen Raum und Zeit im Alltag.»

Dabei zitiert Huppenbauer die «Grand Dame der reformierten Theologie», Marga Bührig: «Mehr tanzen, weniger arbeiten.» So gesehen, sei das Aufheben des sogenannten Tanzverbotes zu begrüssen.

«Ob aber die längeren Arbeitszeiten an christlichen Feiertagen auch die Lebensfreude der Menschen, die im Gastrogewerbe arbeiten, verbessert, wird sich zeigen», sagt Huppenbauer.

«So oder so brauchen alle Menschen neben dem Tanzen und Arbeiten auch Zeit für Erholung und aus gläubiger Sicht auch Zeit dafür, sich zu besinnen.» Es sei darum gut, das richtige Mass in allen Bereichen immer wieder neu auszuloten.

Studer: «Dem Kommerz geopfert»

EVP-Grossrätin Lilian Studer aus Wettingen sprach sich schon vor vier Jahren pointiert gegen die Initiative der Piratenpartei aus. Sie stört sich grundsätzlich daran, dass der Grosse Rat vor einem Jahr quasi den Volkswillen ausgehebelt hat, indem die Kompetenz, das Tanzverbot aufzuheben, an die Gemeinden delegiert wurde.

«Dass der Badener Stadtrat jetzt so entschieden hat, ist hingegen keine Überraschung», so Studer. Sie könne sogar ein gewisses Verständnis für die Lockerung des Verbots aufbringen, gehe doch auch sie gerne aus und gehöre auch für sie das Tanzen zum Leben.

«Gleichwohl bin ich der Meinung, dass man die christlichen Feiertage – wir sprechen hier von nur gerade zehn Tagen im Jahr – mehr hätte wertschätzen dürfen und nicht einfach dem Kommerz hätte opfern sollen.»

Denn die christlichen Werte seien nach ihrer Beobachtung immer noch sehr vielen, auch jungen, Menschen wichtig. «Mit den Feiertagen gönnt der Staat allen etwas Besinnung und Ruhe. Gerade in unserer hektischen Gesellschaft, die viele von uns so erleben, sind entschleunigende Momente von Bedeutung.»