Ob er fürs Foto den Kittel besser ausziehen soll, fragte Reto Schmid beim Interviewtermin. Es hätte zu ihm gepasst, denn irgendwie politisierte Reto Schmid auch hemdsärmlig.

In seinen jungen Jahren sogar ausgeprägt. Er lehnt sich im ausgestellten Stuhl von form & wohnen zurück, und erzählt von seinen Sturm- und Drang- oder vielmehr politischen Flegeljahren als Jung-CVPler und schmunzelt.

Beginnen wir von vorne: Vor 20 Jahren sind Sie als Einwohnerrat in die Politik eingestiegen. Aus welchem Anlass?

Reto Schmid: Es war damals Stadtammann Sepp Bürge, der bei mir an der Jungbürgerfeier das Feuer entfachte. Er sagte, dass es junge Leute in der Politik brauche, und ich glaubte ihm. Ich interessierte mich bereits vorher für die Politik, vor allem für das, was in Baden passierte.

Sie wohnten ja auch immer mitten in der Stadt.

Auch darum. Zudem war schon mein Grossvater Fritz Zumsteg im Stadtrat, und bei uns zu Hause wurde viel über Politik diskutiert.

Ihre politischen Auftritte zusammen mit dem heutigen Berner Gemeinderat Reto Nause waren für CVP-Verhältnisse ziemlich provokativ.

Das ist so. Ich denke da an unsern Auftritt beim Grossratswahlkampf von 1993 mit dem Slogan «Politik braucht Biss, keine dritten Zähne».

Das tönt mehr nach Juso als nach CVP.

Für mich und meine Wegbegleiter war die junge CVP die richtige Partei. Die Wahlkämpfe für Doris Leuthard führten wir mit viel Herzblut und ausgefallenen Ideen . . .

. . . «Duschen mit Doris».

Das war ein Badezusatz als Werbeträger, der dann so benannt wurde. Das war zu meiner Zeit als Parteisekretär der CVP Aargau.

Welche Erinnerungen bleiben Ihnen auf kommunaler Ebene?

Sicher das «Merkker». Wir machten uns Anfang der 90er-Jahre für ein Jugendkulturlokal stark, als mehrere Lokale geschlossen wurden. Wir organisierten einen Fackelzug. Damals gehörte ich der Jugendarbeitskommission an und setzte mich auch im Einwohnerrat dafür ein.

Mit Erfolg. Welche weiteren politischen Vorstösse fallen Ihnen ein?

Zum Beispiel die Plakatstellen. Früher wurde die Stadt von Partyveranstaltern zuplakatiert. Aufgrund unseres Postulates wurden sechs Plakatstellen aufgestellt. Seither herrscht ziemlich Ordnung.

Ihre Vorstösse waren meist handfest und konkret.

Das entspricht meiner Art. Wenn ich ein Problem feststelle, dann will ich es lösen. Ich bin ein Macher-Typ, der nicht lange diskutieren muss. Wenn es klappt, wie neulich bei der Abstimmung über das Jugendkulturlokal in der Alten Schmiede, dann sind das sehr befriedigende Augenblicke.

Sie verabschieden sich nach 20 Jahren aus der Politik, in einem Alter, in dem andere erst einsteigen.

Ich werde mich weiterhin mit der Politik auseinandersetzen.

Auf höherer Ebene?

Beim Ständeratswahlkampf 2027 (lacht). Spass beiseite. In den nächsten Jahren sicher nicht, doch ich sage niemals nie.

Warum steigen Sie aus der Politik aus?

Meine Lebenssituation hat sich stark verändert. Ich habe eine Familie, ein Kind, führe ein Geschäft und bin daneben in einem politischen Amt, sodass ich gut fünf Abende in der Woche regelmässig nicht zu Hause bin. Den Ausschlag gab jedoch die Krankheit von Matti, unserem Jungen. Meine Frau Sandra und ich waren vierzehn Tage lang abwechselnd rund um die Uhr im Spital. Da macht man sich Gedanken darüber, wie es weitergehen soll. Er ist glücklicherweise wieder ganz gesund.

Trotzdem hätten Sie sich als Stadtammann zur Verfügung gestellt?

Dieses Amt hätte mich gereizt, weil es ein Vollamt ist. Geschäft, Familie und noch Politik, das ist sehr belastend. Ausschlaggebend war jedoch, dass ich im Geschäft gebraucht werde. Auch Lohn und Prestige sind für mich nicht so wichtig.

Dann kam der Entschluss.

Ich fällte diesen, nachdem ich bei einer Flasche Rotwein alle Vor- und Nachteile abgewogen hatte. Ich habe nebst Frau und Kind zwei Göttibuben, ein Göttimeitli, einen behinderten Bruder und Eltern, die älter werden. Ich habe gemerkt, dass ich die Familienpolitik, die ich als CVP-Politiker zelebriere, nicht selber vorlebe.

Sie brüskierten mit Ihrem kurzfristigen Verzicht aber Ihre Partei.

Ich hätte dies nicht getan, wenn ich nicht gewusst hätte, wer nachkommen könnte.

Und die FDP als bürgerliche Konkurrenz?

Da hatte ich keine Angst für die CVP. Wir haben genug gute Leute.

Sie haben vieles mit Humor genommen. Hat das Ihnen geholfen?

In der Politik war es vielmehr die Überzeugung, dass es immer vorwärts geht. Das liegt in meiner Biostruktur. Und wenn ein Ziel schwierig zu erreichen war, hab ich einfach noch mehr Gas geben.

Ihr Ressort funktioniert fast von selbst. Gab es Herausforderungen?

Die Feuerwehrfusion mit Ennetbaden war eine Herausforderung. Es waren einige Gespräche unter vier Augen notwendig, vor allem auch in unseren Reihen.

Es wurde von Verhandlungen auf gleicher Augenhöhe gesprochen. Doch zuerst war die Rede von «den Badenern auf dem hohen Ross».

Es herrschte am Anfang etwas die Stimmung, wir Badener zeigen denen dann schon, was eine richtige Feuerwehr ist. Das in andere Bahnen zu lenken war nicht leicht.

War die öffentliche Sicherheit Ihr Wunschressort?

Ganz klar ja. Als Bürger, der mitten in der Stadt wohnt, war die Sicherheit für mich immer ein Anliegen. Zudem lag mir dieses Ressort aufgrund meiner militärischen Führungserfahrung und meiner Ausbildung am nächsten.

Welches sind die künftigen Herausforderungen in diesem Ressort?

Die Räumlichkeiten der Stadtpolizei. Sie waren für den einstigen Bestand von 18 Leuten wohl richtig. Mit einem 35-köpfigen Korps braucht die Polizei dringend einen besseren Stützpunkt, als sie im Amtshaus hat.

Gibt es neue Kooperationen?

Das ist durchaus möglich, dass man eine weitere Zusammenarbeit sucht.

In welcher Richtung?

Wohl eher limmatabwärts als aufwärts. Das würde auf die Regionalpolizei LAR (Limmat Aare Reuss) deuten. Ohnehin wird man über einen neuen Stützpunkt sprechen müssen.

Sie dürfen keine Amtsgeheimnisse verraten. Doch: Was hat sich im Stadtrat mit Geri Müller und der rot-grünen Mehrheit verändert?

Jeder Chef führt anders. Wichtig ist doch, dass er sich voll und ganz mit dieser Stadt identifiziert. Das ist bei Geri Müller ausgeprägt der Fall.

Wie führt er anders?

Wir diskutieren sicher wieder grundsätzlicher. Doch die Streitkultur ist nach wie vor gut geblieben. Und wir funktionieren als Team.

Mit mehr linksgrünen Resultaten?

Nein, bis jetzt jedenfalls nicht. Die Prozesse, durch welche die Geschäfte gehen, lassen eine solche Entwicklung kaum zu. Da sind noch Fachgremien, Spezialkommissionen, Finanz- und Strategiekommission, und der Einwohnerrat ist auch mehrheitlich bürgerlich.

Über 20 Jahre Politik in der Stadt: Was hat sich verändert?

Baden ist noch urbaner und vielschichtiger geworden. Geblieben ist die Offenheit der Menschen, das stellen auch unsere Kunden aus Zürich fest. Ich stelle eine enorme Entwicklung fest, in Baden Nord, in Dättwil. Baden wäre ohne ABB und Alstom aber nie so weit gekommen.

Was bedeutete das Nein zur Fusion mit Neuenhof?

Das war eine verpasste Chance. Uns ist es als Stadtrat nicht gelungen, herauszuschälen, welche Vorteile ein Zusammenschluss auch Baden gebracht hätte. Vielleicht fehlte es uns etwas an Mut. Prompt erhielten wir die Quittung dafür.

Haben Sie den Entscheid, nicht mehr als Stadtrat zu kandidieren, noch nie bereut?

Wenn ich einen Entscheid fälle, dann stehe ich dazu und ziehe ihn durch. Da bin ich halt einfacher gestrickt als andere. Klar, die gute Streitkultur, die gute Atmosphäre im Stadtrat werde ich vermissen. Auch die schönen Augenblicke, wenn ein Regierungs- oder Bundesrat nach Baden kam.

Wird es Ihnen dieses Amt künftig nicht fehlen?

Ich habe meine Ämter zu Hause (lacht). Da bin ich für die Entsorgung verantwortlich, für die Finanzen, manchmal für die Küche, und das Cheminée-Anfeuern ist ebenfalls in meinem Ressort. Ausserdem habe ich in all den Jahren die Musik vernachlässigt. Da warten ein Klavier und eine Trompete.