Baden

Die Stadtökologie rodet für das rote Waldvögelchen

Natur-Hotspot auf dem Grat des Martinsbergs: Damit im felsigen Gelände seltene Pflanzen und Tiere gedeihen, rodet Forstwart Pius Moser das Gebiet rigoros.

Natur-Hotspot auf dem Grat des Martinsbergs: Damit im felsigen Gelände seltene Pflanzen und Tiere gedeihen, rodet Forstwart Pius Moser das Gebiet rigoros.

Die Natur-Hotspots Sonnenberg und Martinsberg erhalten zurzeit eine Intensiv-Kur. Damit weiterhin eine grosse Artenvielfalt im Wald überleben kann, muss in den Wald eingegriffen werden.

Während der kommenden drei Wochen findet man am Aussichtspunkt Martinsberg-Chänzeli oberhalb der Berufsschule keine Ruhe. Rattern von Motorsägen hallt auch am Sonnenberg durch den Wald – denn das Stadtforstamt betreibt hier aktiven Naturschutz. Es ist bereits die dritte Etappe der Aufwertungsmassnahmen der Badener Naturschutzgebiete. Der Richtplan Natur und Landschaft 2012–2020 fokussiert sich speziell auf diese Natur-Hotspots. In den letzten zwei Herbsten führte das Stadtforstamt so bereits am Schartenfels und beim Schloss Stein Aufwertungsarbeiten durch.

Sonnenberg und Martinsberg sind wie auch der Schartenfels und Schloss Stein seltene Trockengebiete. «Zusammen mit dem Dättwiler Weiher gehören sie zu den ökologischen Hotspots der Stadt Baden», sagt Georg Schoop, Leiter der Abteilung Stadtökologie. In den 90er-Jahren sei noch die Sicherung dieser speziellen Naturgebiete im Vordergrund gestanden, nun gelte es, sie aufzuwerten. «Es ist quasi ein Pendant zum verdichteten Bauen – nur versuchen wir gezielt, spezielle Naturgebiete zu fördern.»

Wenn der Mensch nachlasse und die Natur sich selbst übergebe, so Schoop, «dann wird zwangsläufig alles wieder zu einem Durchschnittswald». Dadurch wäre die Vielfalt der Lebensräume massiv bedroht. Früher hätten Flüsse und Lawinen neue Flächen für die seltene Fauna und Flora geschaffen, der Mensch habe die Natur darin aber eingeschränkt. Daher unterzieht das Stadtforstamt in den nächsten drei Wochen den Sonnenberg und den Martinsberg einer intensiven Kur.

Damit die seltenen Samen wachsen

Diese Natur-Hotspots sind zwar viele kleine und verteilte Naturflächen, umso grösserer ist aber die Vielfalt an Pflanzen, Tieren und Lebensräumen. Die Pflege dieser, auch wenn sie derzeit nur nach Rodung aussehe, sei wichtig für die Biodiversität, betont Schoop, «denn was verloren ist, kriegen wir nie wieder zurück». Die zwei sonnigen Südhänge sind ein Hort von Raritäten: 90 Prozent aller seltenen Tier- und Pflanzenarten Badens finden sich hier. Schlingnattern, italienische Schönschrecken oder Zauneidechsen lieben die trockene, sonnige und karge Felslandschaft, in der auch Berglauch, Graslilie, Felsmispel oder Fransenenzian gedeiht.

«Im Frühling habe ich auf dem Grat am Martinsberg erstmals wieder ein rotes Waldvögelchen entdeckt», schwärmt Pius Moser, der für Naturschutz verantwortliche Forstwart. Der Grossteil der seltenen Flora sei jedoch unspektakulär und für Laien kaum zu erkennen. Doch genau für solche Pflanzen werde jetzt grosszügig ausgelichtet – Büsche, Sträucher, Bäume müssten weg. «Sie alle geben zu viel Schatten und machen den Boden zu feucht und nährstoffreich», erklärt er.

Die seltenen Pflanzen und Tiere bräuchten jedoch ein heisses, trockenes und karges Klima. Das lockt auch Neophyten wie Essig- und Götterbaum oder Akazien an, die in den Natur-Hotspots aber rigoros entfernt werden. Gepflanzt werden nur einige Wildrosen am Sonnenberg. «Ansonsten hoffen wir, dass es von den Pflanzen noch Samen im Boden hat. Diese können auch nach Jahren wieder wachsen, wenn die Bedingungen stimmen.»

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