Wochenkommentar
Die streikenden Spar-Angestellten sind schlecht beraten

Hier die Unia, dort das Spar-Unternehmen. Seit Wochenbeginn streiken Mitarbeitende der Sparfiliale Baden-Dättwil mithilfe der Gewerkschaft Unia für bessere Löhne. Doch was bringt der Streik? Er ist willkürlich und hilft, wenn überhaupt, nur wenigen.

Thomas Röthlin
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Blick auf die bestreikte Tankstelle

Blick auf die bestreikte Tankstelle

Keystone

Es ist absurd. Seit Anfang Woche wird der Spar am einen Dorfende von Dättwil bestreikt. Dättwil ist, «wo Baden boomt» (Slogan der vereinigten Unternehmer).

Deshalb verträgt es in Dättwil eine zweite Spar-Filiale am anderen Ende des Dorfes.

Und dort, keine fünf Gehminuten vom Streik-Spar entfernt, geht alles seinen gewohnten Gang. Wie passt das zusammen?

Das ist nur eine von mehreren brennenden Fragen, die man sich angesichts der aussergewöhnlichen Aktion stellen muss.

Ein Streik, hier unbefristet und erst noch kombiniert mit einer Besetzung einer Ladenliegenschaft, kann nur das allerletzte Mittel in einem Konflikt zwischen Arbeitnehmern und -gebern sein.

Die Bundesverfassung garantiert zwar ein Streikrecht, im gleichen Artikel 28 steht aber auch: «Streitigkeiten sind nach Möglichkeit durch Verhandlung oder Vermittlung beizulegen.»

Die zweite brennende Frage lautet also: Unternehmen die Gewerkschaft Unia und die Detailhandelsgruppe Spar alles, um sich zusammen an den runden Tisch zu setzen, nachdem vorgängige Gespräche offenbar gescheitert sind?

Beide Parteien behaupten, man lasse schon mit sich reden, doch es sei die Gegenseite, die nicht mitmache. Die bessere Figur in diesem Powerplay macht Spar. Die Supermarktkette bekräftigte gestern ihre Gesprächsbereitschaft mit einem Mediator an einem neutralen Ort unter der Voraussetzung, dass der Tankstellen-Shop wieder freigegeben wird.

Die Unia hingegen will auf keine Bedingungen eintreten. Eine Pattsituation, welche Letztere bereinigen könnte, ohne gleich alle Karten zu verspielen.

Baut die Unia ihre Barrikaden ab – seit gestern wäre sie vom Gericht dazu gezwungen –, hat sie immer noch den Streik als Trumpf.

Und sie kann Spar in die Pflicht nehmen. Allerdings muss die Gewerkschaft dann Farbe bekennen, dass auch sie am Arbeitsfrieden interessiert ist.

Diesen Eindruck hat nicht, wer sich vor Ort ein Bild macht. Am Donnerstagabend zum Beispiel glich die Szenerie einem Sommernachtsfest mit Bier, Grill und Musik, wie wir es auf hier beschreiben.

Vor Ort waren mit einer Ausnahme nicht die Betroffenen, sondern ihre sogenannten Interessenvertreter, Unia-Leute aus mittlerweile mehreren Kantonen.

Wenn man sie fragt, warum sie den Streik so toll finden, dann antworten sie, nur wer auf diese Art «kämpfe», erreiche auch etwas.

An der Front ist also keine Rede mehr von der Arbeitsniederlegung als Ultima Ratio. Wenn man von ihnen wissen will, was eine solche isolierte Massnahme bringe, dann reden sie von «Signalwirkung».

Wie wenn der Streik beim Spar-Tankstellenshop im bernischen Heimberg vor vier Jahren ausser den dortigen Angestellten irgendjemandem etwas gebracht hätte.

Damals erreichte die Unia zwar zusätzliche Stellen, Mindestlöhne und einen Überzeit-Zuschlag. 20 Heimberger Angestellte waren glücklich – die 21 Dättwiler sind es bis heute nicht.

Schliesslich räumen die Gewerkschafter auch freimütig ein, dass die Spar-Angestellten ein hohes Risiko eingehen, ihren Job ganz zu verlieren und nicht so einfach einen neuen zu finden.

Die Streikenden geniessen in den Leserkommentaren zwar einige Sympathie. Auf dem Arbeitsmarkt sieht es aber wohl anders aus.

Die dritte brennende Frage lautet deshalb, ob die als streikfreudig bekannte Unia wirklich im Interesse der Spar-Angestellten handelt oder einfach eine Gelegenheit, sich zu profilieren, beim Schopf gepackt hat.

Wer Antworten sucht, muss zum folgenden Schluss kommen: Der Spar-Streik am einen Dorfende von Dättwil ist willkürlich und hilft, wenn überhaupt, nur wenigen. Die sture Haltung in Sachen Ladenblockade ist unverhältnismässig und nagt am Verständnis für den Arbeitskampf.

Und mit der Unia, die lieber streikt als verhandelt, sind die Angestellten schlecht beraten. Jene, denen es wirklich nicht passt, hätten vielleicht gescheiter gekündigt. Da stellt sich eine letzte Frage: Warum haben sie es nicht getan?