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Die Tochter der Papa-Moll-Erfinderin zeichnete bei den ersten Büchern mit

Die Badenerin Joan Fuchs malte mit ihrer Mutter Edith Oppenheim, Erfinderin von Papa-Moll, Kindergeschichten. Diese Geschichten spielten sich innerhalb der Familie ab.

Erna Lang-Jonsdottir
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Die Tochter der Papa Moll Zeichnerin Edith Oppenheim, Joan Fuchs, auf ihrem Bauernbetrieb Weidhof in Oberrohrdorf. Mathias Marx

Die Tochter der Papa Moll Zeichnerin Edith Oppenheim, Joan Fuchs, auf ihrem Bauernbetrieb Weidhof in Oberrohrdorf. Mathias Marx

Nebelschwaden liegen auf den Feldern im Tal, eine kleine Strasse schlängelt sich in Staretschwil den Hügel hinauf. In 620 Metern Höhe eröffnet sich fern ab der Alltagshektik ein kleines Paradies: Das Anwesen Weidhof, das einst Edith Oppenheim-Jonas, die Erfinderin von Papa Moll, zum Illustrieren und Malen inspirierte. Im Garten sitzt ihre Tochter Joan Fuchs mit der Schäferhündin Froni in der Herbstsonne und blättert in einem Album. «Diese Fotos hat meine Mutter geklebt», sagt die 69-jährige Badenerin, während ihre Augen über die schwarz-weissen Aufnahmen aus dem Jahr 1950 schweifen. Damals sei Papa Moll noch nicht bekannt gewesen. «Er erschien zum ersten Mal 1953 in der Kinderzeitschrift Junior. Wie alle anderen Kinder las ich damals aber am liebsten Mickey Mouse», erinnert sich Fuchs und lacht.

Gegenpol zu billigen Comics

Gegen diese Maus mit den schwarzen Ohren wehrten sich die Schweizer vor 60 Jahren. «Papa Moll entstand als Gegenpol zu den billigen Comics, die keinen erzieherischen Wert hatten», sagt Fuchs. Der Verleger des «Junior» Johann Rudolf Hug habe sich über die Entwicklung sogenannter Bildergeschichten mit Sprechblasen geärgert. «Eines Tages rief er meine Mutter an, weil er nach Bildergeschichten suchte, die humorvoll und erzieherisch wertvoll sind, ähnlich jenen des ‹Globi›», erinnert sie sich. So schuf Edith Oppenheim Papa Moll und seine Familie mit dem Dackel.

Für Fuchs sind die ersten sieben Moll-Bücher nicht irgendwelche Erzählungen. «Diese Geschichten spielten sich innerhalb unserer Familie ab. So waren die Charakteren, deren Abenteuer und Missgeschicke nicht zufällig», sagt Fuchs, oder eben klein Evi – die Tochter von Moll –, wie sie manchmal genannt wird. Je älter Fuchs und ihre beiden älteren Brüder Roy und Frank wurden, desto mehr halfen sie ihrer Mutter zeichnen und kolorieren. Das letzte Buch von Oppenheim «Papa Moll auf Schweizer-Reise», das 1991 erschien, «haben wir zu dritt gezeichnet». Das sechste Buch habe sie alleine koloriert. Im Rampenlicht seien sie und ihre Geschwister aber nie gestanden. «Der Erfolg meiner Mutter ist über die Jahre langsam gewachsen.» Deshalb sei sie auch kein Star in der Schule gewesen.

Papa Moll in Mandarin übersetzt

Die Nachfolge Oppenheims wollte jedoch keines ihrer Kinder übernehmen. «Wir waren alle in andere Arbeiten eingebunden und hatten keine Zeit.» Zudem sei die Herausgabe der Moll-Bücher aufgrund der Auflagen ein brotloser Erwerb gewesen. «1967 übernahm der Globiverlag die Rechte an Papa Moll und verbreitete die Bücher weiter.» Noch heute würden weltweit Moll-Bücher mit den unveränderten Charakteren herausgegeben. «Neulich habe ich erfahren, dass die Bände 1 bis 21 in Mandarin übersetzt in einem grossen chinesischen Verlag in Peking erschienen sind.» Vor einigen Tagen sei der diesjährige Band «Papa Molls Tierheim» erschienen.

«Von den Tantiemen der ersten sieben Bücher lässt es sich schwer leben; dafür ist der Schweizer Markt zu klein», sagt Fuchs. Sie und ihr Mann René bezahlen ihre Rechnungen mit dem Geld, das sie einst mit der eigenen Bändeli-Firma, die im heutigen Kindermuseum in Baden untergebracht war, verdienten. Eine Fabrik, in der Stoffbänder unter anderem für die Blumen- und Schokoladenindustrie entworfen und produziert wurden. Der fünf Jahre ältere René Fuchs – in Baden bekannt als Bändeli-Fuchs –, hatte die Firma seiner Eltern mit 20 Jahren 1961 übernommen.

«Ich kannte René bereits als Kind, weil meine Mutter Fasnachtsdekorationen bemalte, die bei Mama Fuchs in der grossen Garage der Bändeli-Firma ausgelegt waren.» Weiter sei er mit ihren beiden älteren Brüdern in der Pfadi gewesen. «Ich habe ihn aber nie beachtet. Aus einer Künstlerfamilie stammend, wollte man keinen Kaufmann», sagt sie und lacht. Mit 23 Jahren kamen sich René und Joan näher – an der Badenfahrt 1967. «Damals war ich nur an Wochenenden zu Hause in Baden, weil ich in Lausanne als Werbefachfrau bei einer Werbeagentur arbeitete.» Zwei Jahre später heirateten sie. Nach gut einem Jahr entschied ich mich dazu, ins Geschäft meines Mannes einzusteigen. Ich konnte meine Kreativität dort ausleben, indem ich die Werbung und Bänder entwarf.»

Kuhmist in Biogasanlage verwerten

Die Reisen nach Afrika inspirierten den Kaufmann und die Werbeassistentin dazu, 1979 von Baden auf den landwirtschaftlichen Betrieb Weidhof in Oberrohrdorf umzuziehen: «Auf unserer ersten Reise 1972 lernten wir den Schweizer Tropenagronomen René Haller kennen, der mit viel Arbeit aus einer Steinwüste ein Paradies erschuf.» Diese Begegnung und die Liebe zur Natur habe sie dazu veranlasst, parallel zur Bändeli-Fabrik, Land zu bewirtschaften. «Wir bauten das Wohnhaus und die Betriebsgebäude um, betrieben Milchwirtschaft und bauten auf 36,5 Hektaren Land Weizen an.» Den Kuhmist verwerteten sie in der hauseigenen Biogasanlage.

«Unsere Mütter waren zuerst nicht begeistert, dass wir aufs Land ziehen.» Die Landwirtschaft habe damals keinen hohen Stellenwert gehabt. «Doch dann gewöhnten sie sich daran.» Ihre Mutter Edith sei sehr oft zu Besuch gewesen, auch um zu illustrieren. 1995 verkaufte das Ehepaar Fuchs die Bändeli-Firma an eine Weberei und konzentrierte sich nur noch auf den Bauernbetrieb.

Ohne Tiere geht es nicht

Heute hat das Ehepaar Fuchs das Landwirtschaftsland und den Stall verpachtet. Ohne Tiere geht es trotzdem nicht: 20 Schwarzkopfschafe, ein Hängebauchschwein und 30 Hühner verschiedener Rassen leben auf dem Hof. «Sich von der Firma zu trennen war einfach», sagt Fuchs während eines Spaziergangs auf dem Anwesen. Der Gedanke daran, den Weidhof eines Tages verlassen zu müssen, sei schmerzlich. Sie könne sich kaum vorstellen, wo anders zu leben.

Zudem sei der Geist ihrer Mutter hier allgegenwärtig. Ein Trost: «Die Moll-Bücher werde ich, so lange ich lebe, immer bei mir haben – egal wo ich auf dieser Erde bin.» Will Joan Fuchs in Erinnerungen ihrer Kindheit schwelgen, greift sie ins Bücherregal und blättert in den ersten sieben Bänden. «Manchmal fühle ich mich immer noch wie klein Evi», sagt Fuchs, die noch heute über den leisen Humor der Familien-Geschichten lacht.